Ärzte Zeitung online, 09.10.2017

Börse

Leitindizes sind für Anleger nicht immer die erste Wahl

Bei der Jagd nach Rendite setzen viele Anleger heute auf Leitindizes – doch Dax und Co werfen nicht die höchsten Gewinne ab. Schuld sind die Börsenschwergewichte.

Von Richard Haimann

Leitindizes sind für Anleger nicht immer die erste Wahl

Anleger greifen aktuell gern zu Indexfonds die Börsenbarometer wie den Dax abbilden.

© frank peters - Fotolia

NEU-ISENBURG. Sie gelten als die Börsenbarometer schlechthin. An den Ausschlägen der Amplituden von Leitindizes wie dem deutsche Dax und dem amerikanischen Dow Jones messen Nachrichtensendungen die Stimmung auf dem Parkett. Viele Anleger glauben deshalb, wenn sie mit Indexfonds auf diese Aktienindikatoren setzen, würden sie automatisch die maximal mögliche Rendite erzielen. Doch dies ist ein Irrtum.

Immer mehr Privatanleger greifen zu börsennotierten Indexfonds, weil sie mit ihnen günstig auf die Kursentwicklung von Börsenbarometern setzen können. Die im Fachjargon kurz ETF (Exchange Traded Fund) genannten Fonds werden nicht aktiv gemanagt, sondern bilden einen Index nur passiv nach. Deshalb fallen kaum Verwaltungsgebühren an. Zudem gibt es, anders als bei aktiv gemanagten Fonds auch keine Ausgabeaufschläge, da ETF-Anteile direkt über die Börse bezogen werden.

Besonders gefragt sind dabei ETF auf den Dax, den Dow Jones oder den MSCI World. Denn viele Anleger meinen, dass diese Leitindizes die Kursentwicklung an den jeweiligen Börsen insgesamt widerspiegeln. "Doch die Entwicklung dieser Indizes zeigt nicht, wie es wirklich um die Börsen steht", sagt Kathrin Eichler, geschäftsführende Gesellschafterin der Düsseldorfer Vermögensverwaltung Eichler & Mehlert Finanzdienstleistungen. Denn Indizes werden immer nur aus einem kleinen Teil der an den Börsen gehandelten Aktien zusammengestellt.

Kursentwicklung ausgeblendet

"Dabei wird jedoch die Kursentwicklung aller übrigen Papiere ausgeblendet", sagt Professor Günter Vornholz, Ökonom an der EBZ Business School in Bochum. "Ein Index ist deshalb kein realistisches Spiegelbild der gesamten Börsen, sondern nur ein Indikator für die Geschehnisse in einem kleinen Teilsegment eines riesigen Marktes." Und die Stimmung auf dem Börsenparkett ist häufig besser als die Leitindizes glauben machen. Beispielhaft zeigt dies ein Vergleich des deutschen Dax und seines vermeintlich kleineren Bruders MDax. "Für die Berechnung des Dax werden nur die Kursentwicklungen und Dividendenzahlungen der 30 deutschen börsennotierten Konzerne mit der höchsten Marktkapitalisierung berücksichtigt", sagt Eichler. Der MDax hingegen spiegelt den Kursverlauf jener 50 Aktien wider, die den 30 Dax-Konzernen in der Höhe der Marktkapitalisierung folgen. Dabei gibt es langfristig gravierende Unterschiede in der Wertentwicklung beider Barometer.

Während der Dax seit Januar 1988 um rund 1050 Prozent zugelegt hat, stieg der MDax in dieser Zeit um 2250 Prozent. "Anleger hätten in den vergangenen 29 Jahren einen mehr als doppelt so hohen Gewinn eingestrichen, wenn sie auf den MDax und nicht auf den Dax gesetzt hätten", sagt Ökonom Vornholz. Ein Grund dafür: "Die Schwergewichte in den Leitindizes geraten bei strukturellen Branchenkrisen schwer unter Druck", sagt Vornholz. So fielen die Aktienkurse der im Dax enthaltenden Energieversorger E.ON und RWE durch den von der Bundesregierung verordneten Ausstieg aus der Atomenergie in den vergangenen Jahren um mehr als 75 Prozent. Bankaktien wiederum crashten in der Finanzkrise. Das belastet die Gesamtperformance des Index. Die im MDax gelisteten Unternehmen hingegen sind kleiner und daher weniger anfällig für große Verwerfungen.

Nomen est omen?

Was Anleger zudem bedenken sollten: Nicht alle Indizes werden ihrem Namen gerecht. Ein Beispiel dafür ist der MSCI World, der häufig als Welt-Börsenbarometer angepriesen wird. "Doch die Kursentwicklung dieses Index spiegelt keineswegs den Kursverlauf an der weltweiten Börsen wider", sagt Moritz Westerheide, Analyst der Bremer Landesbank. Vielmehr sind im Weltindex nur die Aktien der größten Konzerne aus den Industrieländern enthalten. "Da US-Unternehmen im Vergleich die höchste Marktkapitalisierung aufweisen, besteht der Index aktuell zu 58,8 Prozent aus amerikanischen Aktien", sagt Westerheide. "Wer in den MSCI World investiert, legt sein Geld deshalb größtenteils in US-Werte an."

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