Ärzte Zeitung, 15.10.2012

vzbv kritisiert Arztwandel

Vom Helfer zum IGeL-Verkäufer

Scharfe Kritik von Verbraucherschützern: Ärzte machen schwere Fehler bei IGeL, klagt der vzbv. Noch schlimmer: Sie nutzten das Vertrauen ihrer Patienten aus. Der BÄK-Präsident kontert und spricht von diffusen Studien.

IGeL: Nutzen Ärzte Vertrauen der Patienten aus?

Herbst ist IGeL-Zeit - und damit auch für Kritik daran.

© Wolfgang Kumm / dpa

BERLIN (ami). Glaukomfrüherkennung, Ultraschall und PSA-Test sind die häufigsten Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL). Das ergab eine Umfrage des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv), die am Montag in Berlin vorgestellt wurde.

Diese lastet Ärzten schwere Fehler im Umgang mit IGeL an. Nur 23 Prozent der 1700 Umfrageteilnehmer erinnerten sich, dass sie über Risiken aufgeklärt wurden.

Gut die Hälfte berichtete von individueller Nutzenaufklärung (53 Prozent), fast ebensoviele von genug Bedenkzeit (51 Prozent).

Ein Viertel der Befragten (24 Prozent) vermisste eine Kosteninformation vorab, und jeder Fünfte gab an, dass er keine Rechnung erhalten habe.

Montgomery: Fakten schuldig geblieben

"Die Bundesregierung muss das Patientenrechtegesetz nachbessern, damit IGeL strengeren Regeln unterliegen", fordert in der Folge vzbv-Chef Gerd Billen.

Sein Vorwurf an die Ärzteschaft: "Viele Ärzte nutzen das Vertrauen der Patienten aus, wenn sie vom Helfer zum Verkäufer werden."

Das ließ der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Professor Frank Ulrich Montgomery, nicht auf der Ärzteschaft sitzen. Verbraucher würden nicht geschützt, wenn "diffuse Studien und spekulative Hochrechnungen" veröffentlicht werden, monierte er in Berlin.

Montgomery: "Weder uns noch den Verbrauchern ist mit pauschalen, nicht substantiierten Urteilen geholfen. Hier helfen nur Fakten. Und die bleibt der vzbv immer wieder schuldig."

Der Bundesverband, forderte der BÄK-Präsindent, solle den Ärztekammern "Ross und Reiter nennen", damit Fehlverhalten berufsrechtlich geahndet werden können.

[16.10.2012, 10:11:29]
Dr. Eberhard Wochele 
Ärzte sind auch Helfer für die konfliktscheue Politik
Wir Ärzte brauchen nicht gewählt werden. Wir sagen die Wahrheit, auch wenn sie weh tut. Das weiß die Poltik und alle die damit zu tun haben. Deswegen dürfen wir in unseren Praxen alle politischen Entscheidungen, die zum Nachteil der Patienten durchgesetzt wurden, in stoischer Gelassenenheit in unseren Praxen übersetzen. Da kommt sehr viel in den letzten Jahren zusammen. Jeder weiß um den leidigen 10 Euro oder die ersten Zuzahlungen erst eine D-Mark bis hin zu 10 Euro oder jetzt schon bei manchen Präparaten Zuzahlungen, die sich nicht jeder mehr leisten kann. Und immer erklären wir den Patienten, warum das so ist und dass es so weiter gehen wird. Kein Polititiker setzt sich bei uns in die Praxis und hört zu. Nur wenn Wahlen anstehen und die Stimmung umzuschlagen droht, dann wird auch der Bayer hellhörig und will seinen Wiederwahl nicht verlieren und setzt sich dafür ein den Burokratiemoloch 10 Euro abzuschaffen. Für die Ärzte setzt er sich keinesfalls ein. Die sind die Esel und werden es bleiben, die ziehen den Karren weiterhin aus dem Dreck. Es wird aber immer weniger Ärzte geben. Das sollten die Politiker und Herren Vorsitzende von Verbänden registrieren. Irgendwann sind die Ärzte nicht mehr im freien Beruf tätig, sondern angestellt. Die meisten Ärzte werden sowieso dann nur noch Ärztinnen sein. Ich bin mir sicher, dass dann die angestellten Ärzte/innen diese nicht bezahlte Leistung nichtmehr umstetzen und die Abzocke erst richtig losgeht, nämlich über die Kapitalgesellschaft, die die medizinischen Zentren leiten und lenken. zum Beitrag »
[15.10.2012, 21:02:00]
Dr. Christoph Luyken 
Der Not gehorchend...
Früher gab es beii der Ärzteschaft strenge Standesregeln, welche ein Werbeverbot enthielten. Früher gab es ein Honorar, das seinen Namen (Honorar = "Ehrensold") noch verdiente, und das eine gewisse Großzügigkeit erlaubte, so daß gewisse Leistungen gratis bzw, als Service ohne Berechnung durchgeführt wurden. Früher wurde auch fast alles, was der Arzt für notwendig hielt, von den Krankassen erstattet.

Jetzt ist alles anders geworden. Honorarbudgets, Leistungsausschlüsse, Preiskämpfe, etc. bestimmen nun auch ärztliches Handeln. Schulld an diesem Wandel sind nicht dir Ärzte, sondern die wirtschaftlichen Ummstände - und die Gesundheitspolitiker, die diesen Paradigmenwechsel wenn nicht bewußt herbeigeführt, so doch sehenden Auges in Kauf genommen haben.
Es gibt ein nicht anfechtbares Gerichtsurteil, in welchem den Kassenärzten der Anspruch abgesprochen wird, allein mit den Kassenhonoraren ein ausreichendes Einkommen zu erwirtschaften. Es wird dort ausdrücklich auf die Möglichkeit verwiesen, mit den sog. IGeL - Leistungen die Defizite auszugleichen. Zahlreiche Ärzte haben nur zögerlich und widerwillig, aber angesichts des nicht mehr ausreichenden Kassenhonorars notgedrungen, von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, mit IGeLn ein zweites Standbein zu schaffen.
Und noch ein Aspekt: Es gibt Hinweise, daß es ein zivilrechtlich justitiables Versäumnis des Arztes sein kann, bei Erstattungsausschlüssen der kranken Kassen den Patienten nicht darauf hinzuweisen, daß es -kostenpflichige- Alternativen gibt!

Wenn nun pauschal allen Ärzten mit IGeLn der Vorwurf der "Abzocke" vorgeworfen wird, so ist das als nichts anderes als gemein und zynisch! zum Beitrag »
[15.10.2012, 19:09:48]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Fakten, Fairness, Respekt und keine falsche Rücksichtnahme
In jeder Spielbank (was heißt hier eigentlich Bank?) werden die freiwillig zahlenden Gäste abgezockt, mit jedem Spielautomaten, mit jedem Sparbuch, jedem Kreditvertrag, jeder Pflegeversicherung, jeder privaten Kranken- und Rentenzusatzversicherung, jeder Stromrechnung, jedem Auto und jedem Liter Benzin- bzw. Diesel-Kraftstoff oder auch jedem Glimmstängel. Gewinne machen nur die Spielhöllen, Banken, Versicherungen, Strom-, Auto- und Mineralölkonzerne oder die Tabakindustrie. Und der Staat hält zusätzlich noch mit diversen Steuern die Hand auf.

Die Kehrseite der Medaille dürfen wir Ärztinnen und Ärzte dann managen. Gemeinsam mit vielen durchaus unterbezahlten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bewältigen. Alles wegräumen, was so anfällt: Die Spielsüchtigen, die Verzweifelten, die Zahlungsunfähigen, die Schwerstpflegebedürftigen, deren Gut(?)-Achten von nichtsahnenden MDK-Fuzzis erstellt werden. Die Patienten, die im Alter ihre PKV-Prämien oder als Rentner ihre Stromrechnung nicht mehr bezahlen können. Die der Autoindustrie in jugendlichem Leichtsinn glauben, dass Autos ohne (wegretuschierte) Stahlseile eine Ski-Sprungschanze hoch und eine eisglatte Skipiste herunterfahren können, um dann nach der Disko aus einer leichten, mit nassem Laub bedeckten Kurve zu fliegen. Nur noch knapp 6.000 Tote haben wir jährlich; Anfang der 70er Jahre waren es noch 19.000 Todesopfer allein im westdeutschen Straßenverkehr. Dank der Errungenschaften der modernen Notfall- und Intensivmedizin können viele gerettet, aber auch Schwerstbehinderte medizinisch behandelt werden. Besonders gerne wegschauen tut die Öffentlichkeit bei den wahrhaftig jämmerlich krepierenden Patienten im Endstadium von metastasierenden Bronchialkarzinomen. Keine Paralympics, keine Talkshows, kein Wetten-Dass, keine Gala, kein Benefizkonzert, keine Volksmusik zu diesem Thema.

Und dann kommt ausgerechnet vzbv-Chef Gerd Billen daher, um niedergelassene Ärzte pauschal madig zu machen, ohne Ross und Reiter zu nennen. Null Ahnung von gesetzlichen Leistungsausschlüssen gesamter Medizinsparten (Stichworte: Bagatellerkrankungen, Lifestyle-Medizin, Lebensstiländerung) im SGB V. Null Scheckung von massenhaften Leistungsausschlüssen bei medizinischer Diagnostik, Untersuchung und Therapie durch den G-BA (gemeinsamer Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen). Keinen Schimmer von KV-Vorgaben, dem Wirtschaftlichkeitsgebot, Regressandrohungen, Rabattschlachten mit unsinnigem Medikamentenaustausch, mangelhafter Impfstoffversorgung, Gezerre um die Praxisgebühr und die völlig unzureichenden Fallpauschalen im RLV bei vielen Patientenkontakten im Quartal von Haus- u n d Fachärzten. Kein Gespür für durch Gesundheitspolitiker und GKV-Kassen vollmundig versprochene "all-you-can-eat"- bzw. "Flatrate"-Ansprüche.

Schwarze Schafe gibt es dagegen in jeder Berufsgruppe, bei Ärzten, ihren Verbänden und Körperschaften, das wird hier keineswegs bestritten. Aber ich weiß! Wir Ärzte sind dazu da, die auseinanderdriftenden gesellschaftlichen Widersprüche auszuhalten, zu behandeln, zur Not zu verstecken und wenn es eben geht, zusammenzuhalten. Aber dann brauchen wir keine klugen Ratschläge von Leuten, die immer schon alles besser wussten, wenn sie nicht so wahnsinnig weit weg von der medizinischen Realität in weichen Bürosesseln sitzen würden. Wir brauchen Fakten, Fairness, Respekt und zugleich keine falsche Rücksichtnahme, wie bei anderen Berufsgruppen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM z. Zt. Bergen aan Zee/NL zum Beitrag »
[15.10.2012, 17:13:29]
Steffen Jurisch 
mündige Bürger
braucht das Land und nicht noch mehr gesetzliche Regelungen. Jeder Patient kann, wenn er mündig ist, sich selbst Bedenkzeit erbitten, nachfragen, wenn er etwas nicht versteht (wie z.B. den Nutzen, die Risiken oder anderes mehr). Und wenn ein Patient eine Leistung bezahlt ohne dafür eine Rechnung zu bekommen, dann ist er, meiner Meinung nach, selber daran Schuld. Niemand, nicht einmal ein Arzt, so behaupte ich, würde sich gegen eine ordnungsgemäße Rechnungslegung wehren, wenn davon meine Zahlung abhängt. Denn das Gesetz gibt es bereits wo es heißt: Ohne Rechnung keine Zahlungsverpflichtung - das nennt man Bürgerliches Gesetzbuch, in Deutschland.

Was soll also das Geschrei nach noch mehr Regelungen - besser wäre es doch das Volk darin zu unterstützen sich wie freie, selbstverantwortliche und mündige Bürger zu verhalten. Ein selbstbewusster, denkender Mensch muss nicht jede Situation in die er geraten kann vorher per Gesetz regeln lassen… vielleicht sollte Herr Billen mal darüber nachdenken.

Steffen Jurisch - Heilpraktiker zum Beitrag »

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