Ärzte Zeitung, 17.10.2012

IGeL in der Kritik

Wortgefechte um Evidenz

Die Fronten sind weiter verhärtet, wenn es um IGeL geht. Verbraucherschützern und einigen Politikern geht das Patientenrechtegesetz beim Schutz vor IGeL nicht weit genug. Andere appellieren an die ärztliche Vernunft.

Von Angela Mißlbeck

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Stachelige Familie: Nicht jeder mag sie - auch im Gesundheitswesen.

© Harald Lange / fotolia.com

BERLIN. Schaden Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) mehr, als sie nutzen? Und was bringt in dieser Hinsicht das geplante Patientenrechtegesetz?

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Diese Fragen diskutierten Experten auf Einladung des Verbraucherzentrale Bundesverbands vzbv am Montagabend in Berlin.

Die Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbands Dr. Doris Pfeiffer plädierte für eine Differenzierung zwischen Systementscheidung und individueller Entscheidung.

"Auf der Systemebene sind möglicherweise die Risiken größer als der Nutzen, aber Risiken und Nutzen können individuell natürlich anders bewertet werden", sagte Pfeiffer.

Sie befindet sich damit quasi auf einer Linie mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). "Individuelle Gesundheitsleistungen darf man nicht per se verteufeln. Sie können im Einzelfall durchaus sinnvoll sein", so KBV-Sprecher Roland Stahl in einer Pressemitteilung.

Billen: Nicht verordnen, was nicht im Katalog steht

Auf die Vorwürfe gegen Ärzte, die aus einer Umfrage des vzbv hervorgingen, sagte Stahl: "Ärzte verhalten sich in ihrer übergroßen Mehrheit nicht als Krämer, sondern beraten ihre Patienten unter medizinischen Gesichtspunkten."

GKV-Chefin Pfeiffer forderte für die Patienten mehr Freiräume bei der Entscheidung für oder gegen IGeL ein.

"Es geht nicht darum, den Menschen zu verwehren, dass sie eine IGeL in Anspruch nehmen. Aber sie sollen es tun, ohne unter Druck zu sein, und wenn sie informiert sind", so Pfeiffers Plädoyer.

Sie begrüßt vor diesem Hintergrund auch den Vorschlag, im Patientenrechtegesetz eine 24-Stunden-Frist zwischen Aufklärung und Leistungserbringung einzuführen sowie GKV- und Selbstzahlerleistungen zeitlich zu trennen.

Eine wesentlich rigidere Auffassung vertrat vzbv-Chef Gerd Billen. "Entweder gibt es eine medizinische Begründung für eine Leistung, dann sollte sie in den Leistungskatalog aufgenommen werden. Was die Hürde nicht schafft, sollte auch vom Arzt nicht angeboten werden", so seine Position.

Ähnliches ließ die Gesundheitsexpertin der Linken Martina Bunge verlauten: "Die Linke fordert, alle Leistungen, für die ein Nutzen nachgewiesen ist, in den Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenkassen aufzunehmen. Für alle anderen Leistungen braucht es wirksame Beschränkungen."

Verhältnis zwischen Arzt und Patienten nicht belasten

Billen appellierte zudem an das Berufsethos der Ärzte. Im Verhältnis des Patienten zum Arzt sei Vertrauen das Entscheidende. Deshalb sollten Ärzte besser alles unterlassen, was dieses Vertrauensverhältnis stören könne.

Wenn Ärzte jedoch auf IGeL nicht verzichten wollten, müssten sie auch in Kauf nehmen, dass für sie die Gesetze des freien Marktes gelten und sich den Kontrollen einer unabhängigen Marktaufsicht unterordnen, so der vzbv-Chef.

Der Entwurf für ein Patientenrechtegesetz reicht daher aus Sicht des vzbv in mehrfacher Hinsicht nicht aus.

Der Experte der Unionsfraktion für das Patientenrechtegesetz, Erwin Rüddel, verteidigte den von der Regierung eingebrachten Gesetzentwurf. "Ich glaube, wir haben auch für IGeL klare Regelungen geschaffen", sagte er.

Es sei der Geist des Gesetzes, das Patienten-Arzt-Verhältnis nicht unnötig zu belasten. Nachbesserungen an dem Entwurf schloss Rüddel jedoch nicht aus. Er plädierte unter anderem dafür, dass IGeL-Kontrollen durch Ärztekammern klarer geregelt werden.

Einer 24-Stunden-Frist zwischen IGeL und GKV-Leistung bei einem Patienten, wie von der SPD gefordert, erteilte er aber eine Absage.

Der SPD-Gesundheitsexperte Professor Karl Lauterbach kritisierte den Gesetzentwurf. Auch die Forderungen des vzbv gehen ihm nicht weit genug. "Es gibt sehr viele Leistungen, die schaden", so seine Ausgangsposition.

Als problematisch betrachtet er vor allem viele Vorsorgeuntersuchungen. Beispielhaft nannte er den PSA-Test, Ganzkörper-CT und den HPV-Test. Das Patientenrechtegesetz muss nach seiner Auffassung darauf abzielen, dass solche Leistungen möglichst nicht angeboten werden.

Kommen manche IGeL in den Leistungskatalog?

Er verurteilte jedoch nicht alle IGeL pauschal. Für sportmedizinische IGeL oder Impfberatungen sollen die zusätzlichen Hürden nach seinen Vorstellungen nicht gelten.

Klaus Rinkel, stellvertretender Vorsitzender des Hartmannbundes, verwies dagegen darauf, dass es auch innerhalb des GKV-Leistungskatalogs fragwürdige Leistungen gebe. So sei die Leistungsfähigkeit des Mamma-Screenings "nur begrenzt erwiesen".

Rinkel verwies auf die "Zehn Gebote" für IGeL, die sich die Ärzteschaft selbst gegeben hat. Aus seiner Sicht müssen IGeL und Kassenmedizin gleichermaßen darauf abgeklopft werden, ob sie diesen Richtlinien entsprechen, die die Bundesärztekammer in einer Patientenbroschüre zur Verfügung stellt.

Zugleich unterstrich Rinkel die gemeinsamen Interessen mit den Patientenvertretern. "Vertrauen, Aufklärung, klare Verträge - da stehen wir überhaupt nicht dagegen", sagte er.

Das Thema Früherkennung im Speziellen hält er jedoch für "gesellschaftlich nicht gelöst".

Auch die Frage, ob manche Selbstzahlerleistung nicht eigentlich Teil des GKV-Katalogs sein müsste, konnte die vzbv-Runde nicht abschließend klären.

Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDS) prüft derzeit infolge der Bewertungen bei seinem IGeL-Monitor für drei IGeL, ob ein Antrag auf Aufnahme in den Leistungskatalog gestellt werden soll.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Ohne jeglichen Erkenntnisgewinn

[17.10.2012, 14:30:33]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Eingefleischte Vegetarier diskutieren über Fleischgerichte?
In offenen Gesellschaften dürfen Alle über Alles diskutieren und entscheiden wollen - auch wenn es vollkommen sinnfrei ist. "Ich will d e n da in Rot!" schreit eine laute Kinderstimme und beschließt in der Radio-Werbebotschaft des größten deutschen Automobilkonzerns über die Köpfe der Eltern hinweg den Autokauf.

Und zu IGeL haben sich Alle wiedergetroffen, die möglichst weit entfernt von medizinischer Vertragsarzttätigkeit sind oder den Praxisalltag der Ärztinnen und Ärzte gar nicht verstehen können und wollen.

Frau Dr. Doris Pfeiffer vom GKV-Spitzenverband Bund (SpiBu) argumentierte z. B. in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung: "So bieten beispielsweise in einem Umkreis von 50 Kilometern um das Stadtzentrum von Essen etwa 100 Krankenhäuser die gleiche Knieoperation an. Das ist doch völlig unnötig. Das braucht kein Mensch." - Vergaß aber dyskalkulatorisch, dass im 50-km-Radius um die Stadt Essen auf 7.850 km² etwa 4 Millionen Menschen leben, von denen ein beträchtlicher Teil seine Lebensarbeitszeit im Gegensatz zu Sozialversicherungs-Angestellten unter Tage mit vielen Kniegelenkschädigungen zugebracht hat. Bei denen wurde so manche ambulante IGeL-Leistung erbracht, um Operationen hinauszuzögern. Vgl. http://www.gkv-spitzenverband.de/media/dokumente/presse/interviews/2010_1/Interview_Pfeiffer_mit_SZ_20100529_13611.pdf

Gerd Billen hat als vzbv-Chef offensichtlich immer noch nicht verstanden, dass in der vertragsärztlichen Tätigkeit gesetzliche Leistungsausschlüsse ganzer Medizinsparten (Stichworte Bagatellerkrankung, Lifestyle-Medizin, Lebensstiländerung) nach SGB V und das dort verankerte Wirtschaftlichkeitsgebot für alle Versicherten gelten. "§ 12 Wirtschaftlichkeitsgebot
(1) Die Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein; sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten."
Zusätzlich bestehen Leistungsausschlüsse bei medizinischer Diagnostik, Untersuchung und Therapie durch den G-BA, die quasi Gesetzeskraft genießen, und zu IGeL-Leistungen führen. Dass der "Freie Markt" effektiv durch Kontrollen einer unabhängigen Marktaufsicht begrenzt werden könnte, gehört zur Realsatire des vzbv.

Eine 24-Stunden-Entscheidungfrist kann durchaus lebensgefährlich sein. Wenn z. B. Kollegen der Frankfurter Flughafenklinik Last-Minute Kenia- oder Amazonas-Touristen über dringenden Malaria-, Gelbfieber, oder Hepatitis-Schutz beraten wollen, aber mit der Prophylaxe so lange warten sollen bis die ersten Anopheles-, Aedes-Mücken oder Hepatitis A/B Viren bei Ankunft am Zielort bereits zugeschlagen haben.

Wenn Martina Bunge bemerkt "Die Linke fordert, alle Leistungen, für die ein Nutzen nachgewiesen ist, in den Leistungskatalog der Gesetzlichen Krankenkassen aufzunehmen", unterschlägt sie, dass selbst das IQWiG nur bei Einzelfällen in der Lage ist, eine umfassende Nutzenanalyse zu erstellen. Selbst scheinbar etablierte Prinzipien wie die Einstellung einer primären Hypertonie ohne Komplikationen mit Betablockern geraten wegen diabetogener Wirkung und fehlender Herz-Kreislaufprävention ins Wanken.

Und, "last, but not least", Professor Karl Lauterbach (SPD), als "Hypertensiologe" mit der Diuretika-Monotherapie gescheitert, outet sich diesmal als besonderer Kenner von Urologie und Gynäkologie. Der PSA-Test ist in anderen Ländern wie z. B. den USA so verbreitet, dass eine vergleichende Studie dort wertlos wurde, weil 40 % der Probanden in der Gruppe o h n e PSA-Test doch heimlich einen machen ließen. HPV ist ein eigenständiger Risikofaktor sexuell übertragbarer Erkrankungen und Co-Faktor für viele Zervixkarzinome. Und was das Ganzkörper-CT ohne jegliche medizinische Indikation angeht, sind es nach meiner Erfahrung eher die Patienten selbst, die bei den selbsternannten rein privatärztlich tätigen Präventivmedizinern aufschlagen, und diese Untersuchung einfordern, weil sie in der Regenbogenpresse davon gelesen haben. Verantwortungsvolle Radiologen machen das nicht.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM z. Zt. Bergen aan Zee/NL
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