Ärzte Zeitung, 11.09.2013

Medical Wellness

Wohlbehagen auf allen Kanälen

Ist Medical Wellness eigentlich nur Vorsorge im neuen Gewand? Schnittstellen sind vorhanden. Aber das Wohlbefinden rückt dabei stärker in den Fokus, nicht die Krankheit.

Von Matthias Wallenfels

Wohlbehagen auf allen Kanälen

Bei Medical Wellness spielt das Wohlbefinden eine große Rolle.

© Nejron Photo / fotolia.com

Seit mehr als einem Jahrzehnt versuchen Ärzte, Krankenhäuser, Rehakliniken, Gesundheitszentren, Fitnessstudios, Kosmetik- und Beautystudios, Massagepraxen, Heilpraktiker, aber auch (Luxus-)Hotels und Spas ihr Stück vom großen Kuchen "Medical Wellness" abzubekommen.

Die verschiedenen Akteure ergänzen sich teils in ihren Angeboten, teilweise machen sie sich gegenseitig Konkurrenz.

Keine Frage: Die Nachfrage nach Leistungen aus dem Bereich Medical Wellness wird steigen, so lauten unisono die Prognosen der relevanten Marktexperten.

Schließlich greifen die Bürger immer tiefer in die Tasche - auch und gerade für Präventionsangebote auf Selbstzahlerbasis, die sich teils unter dem Dach der Medical Wellness verorten lassen.

Ein Markt für viele Akteure

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Bewegung, gute Ernährung, Prävention als Event: Was Medical Wellness ausmacht, lesen Sie im Dossier Medical Wellness der "Ärzte Zeitung" ...

In einer alternden Gesellschaft wie in Deutschland wird es immer wichtiger, die Gesundheit der Menschen möglichst lange zu erhalten. Anderenfalls werden die Gesundheitskosten immer weiter steigen, so die Auguren.

Die Gesundheitspolitiker der Koalition - und eigentlich auch der Opposition - wollten über eine stärkere Förderung der Primärprävention im Präventionsgesetz einen Schritt in diese Richtung gehen. Nun wird das Gesetz im Schlussspurt des Wahlkampfs voraussichtlich scheitern.

Das Gebiet des "medizinischen Wohlbehagens" - so wird sich Medical Wellness vielleicht korrekt übersetzen lassen - bleibt auch dadurch ein Markt, in dem viele mitmischen können.

Fragt sich, was denn eigentlich (Medical) Wellness ist - und wo die Grenzen zur Prävention zu ziehen sind. Die Bandbreite der Leistungen, die unter dem Oberbegriff Medical Wellness subsumiert werden, ist groß.

Sie reicht nach einer Untersuchung der Beratungsagentur Dostal in Vilsbiburg von Aerobic über Akupressur und Aromatherapie, Ernährungsberatung, Feng Shui, Fitnesstraining und Fußreflexzonenmassage bis hin zum Kleopatra-Milchöl-Bad, der Kneipp-Kur und dem Nordic Walking, aber auch der Pediküre, Qi Gong, Tai Chi, Wasser- und Wirbelsäulengymnastik und Yoga. 74 Angebote nennt Dostal - ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Konzertierte Definitionsaktion

Entwickelt wurde die Wellness-Idee ursprünglich in den 1950-er Jahren von dem US-amerikanischen Arzt Dr. Halbert Dunn. Sein Kerngedanke war, Krankheiten durch eine bewusste Lebensweise vorzubeugen - also letztlich Primärprävention.

Daraus hat der Deutsche Wellnessverband die Definition entwickelt, dass durch Wellness "medizinisch relevante Ziele durch eine differenzialdiagnostisch begründete Wahl von Verhaltens- und Einstellungsänderungen erreicht" werden. Damit umfasst der Begriff Wellness heute einen bewussten Umgang mit Ernährung, Bewegung, mit Genussmitteln sowie mit Formen mentalen Trainings.

In Deutschland gab es anlässlich des 1. Medical Wellness Kongresses 2007 in Berlin eine gemeinsame Aktion zur Definition von Medical Wellness. Mit dabei: der Deutsche Tourismusverband, der Deutsche Medical Wellness Verband (DMWV), der Deutsche Heilbäderverband und der Deutsche Turnerbund.

Die Definition: "Medical Wellness beinhaltet gesundheitswissenschaftlich begleitete Maßnahmen zur nachhaltigen Verbesserung der Lebensqualität und des subjektiven Gesundheitsempfindens durch eigenverantwortliche Prävention und Gesundheitsförderung sowie der Motivation zu einem gesundheitsbewussten Lebensstil."

Diese recht offene Definition von Medical Wellness relativiert zunächst die Notwendigkeit einer ärztlichen Betreuung.

Dennoch versucht zum Beispiel auch der DMWV, die medizinische Komponente - und damit den präventiven Gedanken - entsprechender Angebote in den Fokus zu stellen. Er will den hohen Anspruch für potenzielle Patienten respektive Kunden deutlich sichtbar machen.

Dazu hat der DMWV die Vereinigung "The Leading Medical Wellness Clinics & Spas" gegründet. Krankenhäuser und Spas, die Mitglied in der exklusiven Veranstaltung werden wollen, müssen sich vom TÜV Rheinland neutral nach dem "Medical Wellness Quality Standard" prüfen lassen.

Die Stoßrichtung des DMWV und seiner Partner-Kliniken, -Spas, aber auch -Hotels ist klar: Es geht um Angebote für gut situierte Patienten.

Raus aus der Nobelecke?

Aus der Nobel-Ecke herausholen will hingegen der Deutsche Wellnessverband die Angebote, indem er auch die notwendige fachärztliche Betreuung hervorhebt. "Bemüht man den Zusatz ‚Medical‘, so entspricht das Ergebnis in seinen Inhalten und Zielsetzungen der Verhaltensmedizin (‚behavioral medicine‘).

Ihr geht es nicht allein um unspezifische Maßnahmen für eine gesunde Lebensweise", schreibt der Wellnesverband auf seiner Homepage (www.wellnessverband.de).

Der Verband betont auch das Commitment der Patienten, um gesundheitlich gerade von "Medical Wellness" zu profitieren und weist ergänzend auf die Rolle der Gesundheitsdienstleister hin: "Die entsprechende, von Wellnessexperten zu vermittelnde spezifische Änderung der Lebensweise wird erfahrungsgemäß nur dann mittel- und langfristig aufrecht erhalten, wenn die tägliche Praxis dieser alternativen Lebensweisen mit einem Zugewinn an subjektiv wahrgenommener Lebensqualität verbunden" ist.

Ausdrücklich hebt der Verband die Rolle der fachärztlichen Begleitung bei Patienten mit Risikofaktoren oder bereits manifesten chronischen Erkrankungen hervor. Hierzu gehören seiner Definition nach unter anderem Menschen mit Rückenbeschwerden, rheumatischen Erkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Medical Wellness ist und bleibt also auch eine Aufgabe für Ärzte.

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