Ärzte Zeitung online, 14.02.2017

Health-Start-ups

Mehr Geld für findige Geschäftsmodelle?

Das Bundeswirtschaftsministerium prüft die intensivere Förderung von digitalen Start-ups, bei denen nicht die Technik, sondern das Geschäftsmodell die Innovation darstellt. Davon könnten Anbieter im Gesundheitssektor profitieren.

Von Matthias Wallenfels

Mehr Geld für findige Geschäftsmodelle?

Nicht immer muss hinter einem innovativen Start-Up eine neue Technik stecken.

© fotomek / fotolia.com

BERLIN. Das Berliner Start-up Medlanes ist in den Augen des Politikberatungsunternehmens Technopolis ein exemplarischer Fall für Jungunternehmen mit einer innovativen Geschäftsidee, die bisher bei der Wirtschaftsförderung zu kurz kommen.

Medlanes bietet einen individuellen Online-Service zu medizinischen Fragen. Nutzer können jederzeit und überall im Web oder über eine App ihre Daten zu Symptomen von Erkrankungen eingeben. Die übermittelten Daten werden zunächst von einem IT-System ausgewertet und die Frage anschließend an Ärzte zur Beantwortung weitergeleitet.

Digital Health unter der Lupe

Wenn nötig, können Kunden in einem zweiten Schritt ihren Standort übermitteln, anschließend werden Ärzte in der Umgebung zu einem Hausbesuch angefragt.

Im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) haben die Technopolis-Experten die Studie "Ökonomische und verwaltungstechnische Grundlagen einer möglichen öffentlichen Förderung von nichttechnischen Innovationen" verfasst, die der "Ärzte Zeitung" vorliegt.

Zu den nichttechnischen Innovationen zählt die Untersuchung unter anderem neue Geschäftsmodelle frisch gegründeter und existierender Unternehmen sowie eine Vielzahl an Produkt- und Dienstleistungsinnovationen, wie Marketing- und Designkonzepte. Für die Gesundheitswirtschaft nahm die Studie den Sektor Digital Health unter die Lupe.

Der Anwendungskontext ist innovativ

Zurück zu Medlanes: Bei beiden Diensten des Berliner Start-ups besteht die Innovation nicht in der Dienstleistung an sich: "Medizinische Beratung und Hausbesuche von Ärzten sind nicht per se innovativ. Durch die Nutzung von digitalen Möglichkeiten werden jedoch neue Anwendungskontexte geschaffen und die Nutzungsmöglichkeiten von ärztlichen Dienstleistungen erhöht und skalierbar gemacht", heißt es in der Studie.

Die Nutzung sei interaktiv und durch "multiple Wenn-Dann-Beziehungen" gekennzeichnet – unter anderem in dem Sinne, dass dem Nutzer standortabhängig ("wenn") unterschiedliche Ärzte für einen Hausbesuch ("dann") vermittelt werden.

In der Diskussion mit Branchenvertretern thematisiert die Studie auch die als unzureichend empfundene deutsche Landschaft für Venture Capital. Probleme bei der Folgefinanzierung wurden insbesondere für Start-ups identifiziert, die in Branchen mit sehr langwierigen Entscheidungsprozessen operieren. Digital Health steht exemplarisch dafür.

Immense Dynamik bei digitalen Geschäftsmodellen

"Wenn ein Start-up einen neuen Ansatz wie beispielsweise Reimbursement als Geschäftsmodell mit einer neuen Krankenkasse machen möchte, dauert es teilweise 18-24 Monate, bis eine Entscheidung getroffen wird. Das Start-up ist bis dahin pleite", meinte eine Interviewpartnerin aus der Gesundheitsbranche, wie es in der Studie heißt.

Dies spiegele auch die Erfahrungen der KfW-Gruppe über die Finanzierungsschwerpunkte für "Digital Start-ups" im Gegensatz zu "Tech-Start-ups" wider: Für sie sei nicht die aufwändige Vorabentwicklung eines technisch ausgereiften Produkts maßgeblich, sondern die Schnelligkeit der Markterschließung.

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Innovationen, die außerhalb klassischer Forschungslabore entstehen, besser gefördert werden müssen. "Es gibt eine immense Dynamik bei neuen digitalen Geschäftsmodellen, bei bahnbrechenden Konzepten aus der Kultur- und Kreativwirtschaft und bei weiteren nichttechnischen Innovationen" so Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Studie noch Parlamentarische Staatssekretärin beim BMWi war.

Detailanalysen sind geplant

Die nichttechnischen Innovationen müssten gestärkt und noch besser für die Wirtschaft genutzt werden, lautete ihr Plädoyer. Zwar seien die Unternehmen bei Forschung und Entwicklung sehr gut. Das allein reiche heute aber nicht mehr: Neue Geschäftsmodelle, neue Dienstleistungen, neue Nutzungskonzepte – moderne Innovationspolitik müsse ein vielfältiges Ideen-Spektrum adressieren.

Das BMWi wird die Ergebnisse nach eigener Aussage weiteren Detailanalysen unterziehen. "Die Nutzung von Erfahrungen aus existierenden Unterstützungsgebieten, etwa der Förderung von Gründungen oder technischen Innovationen, kann dabei helfen, konkrete Umsetzungsmaßnahmen auszuformulieren", verlautbarte aus dem Ministerium.

Ministerium bekommt Gegenwind

Die positive Grundhaltung des BMWi teilt die 2006 von der Bundesregierung eingesetzte Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) indes nicht, wie in ihrem letztjährigen Gutachten zu lesen war: "Angesichts der Tatsache, dass sich digitale Geschäftsmodelle in allen Sektoren entwickeln, stellt die Expertenkommission industriespezifische Förderstrategien in Frage."

Die Bundesregierung scheine mit ihren Ansätzen (Industrie 4.0, Smart Service World, E-Health etc.) aber genau diesen Weg einzuschlagen. "Kritisch erscheint dabei, dass sektorübergreifende Schwächen – beispielsweise im Bereich internetnaher Software und digitaler Geschäftsmodelle – nicht sinnvoll in Angriff genommen werden können", so die EFI im Gutachten.

Vielmehr bestehe die Gefahr, dass der Blick auf den Mangel an Schlüsselfähigkeiten verstellt werde und Lerneffekte und positive Externalitäten, die sich aus Förderprogrammen ergeben könnten, nur partiell genutzt würden. Das heißt, die EFI setzt auf das Erlangen fundierter Expertise in einer Branche, die dann auf andere abstrahlen soll, statt eines unkoordinierten Nebeneinandertüftelns an derselben Baustelle in mehreren Branchen.

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