Ärzte Zeitung online, 29.03.2017
 

Digital Health

Das erwarten Patienten

Ob elektronische Befunde, Online-Termine oder Videosprechstunde: Mehr als jeder dritte Bundesbürger würde gerne öfter digital mit seinem Arzt kommunizieren. 60 Prozent befürworten die elektronische Patientenakte. Eine Chance für Ärzte, sofern sie auch die Risiken im Blick behalten.

Von Rebekka Höhl

Das erwarten Patienten

BERLIN. Das Internet und die sogenannten "mobile Devices" wie Smartphone, Tablet-PC oder Fitnesstracker sorgen dafür, dass Gesundheitsinformationen überall und jeder Zeit verfügbar sind. Und dafür, dass Gesundheitsdaten auch mobil erhoben werden können. Ein Trend, den viele Patienten für sich bereits nutzen: 45 Prozent der Bundesbürger, die ein Smartphone besitzen, haben Gesundheits-Apps im Einsatz. Weitere 45 Prozent könnten sich vorstellen, diese zu nutzen. Die Bundesbürger haben aber vor allem Interesse an digitalen Anwendungen, die sie direkt mit ihrem Arzt verbinden, so das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Digitalverbands Bitkom und der Bayerischen TelemedAllianz (BTA) unter über 1000 Bundesbürgern.

E-Mail wird nur selten genutzt

So haben zwar 32 Prozent der Befragten Untersuchungsergebnisse wie MRT-Befunde von ihrem Arzt oder der Klinik schon einmal auf CD bekommen, weitere 43 Prozent würden sich dies aber wünschen. Eine Erinnerung an Termine oder fällige Vorsorgeuntersuchungen per SMS oder E-Mail erhalten derzeit 14 Prozent, dies fänden weitere 45 Prozent ebenfalls interessant. Dass sie Arzttermine online ausmachen, könnten sich 40 Prozent der Bürger vorstellen, bereits genutzt wird die Online-Terminvergabe von knapp einem Fünftel (18 Prozent). Und dass die Kommunikation mit Arzt oder Klinik – etwa bei Zwischenfragen – per E-Mail läuft, ist für 35 Prozent denkbar. Genutzt wird dieser Kommunikationsweg derzeit gerade einmal von neun Prozent.

Mehr als jeder vierte Bundesbürger (27 Prozent) würde zudem seinen Arzt auch via Online-Sprechstunde konsultieren. Tatsächlich tut dies aber erst ein Prozent der Befragten. Das hängt vor allem damit zusammen, dass die Videosprechstunde erst ab April offizielle Kassenleistung wird und auch dann – wegen des geltenden Fernbehandlungsverbotes – nur in einem sehr engen Rahmen, nämlich vornehmlich zur Verlaufskontrolle, zum Einsatz kommen darf. Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder bezeichnet die Online-Sprechstunde denn auch als "exotisches Konstrukt im Gesundheitsmarkt".

Indes hofft Professor Siegfried Jedamzik, Geschäftsführer der Bayerischen TelemedAllianz, dass die "Anfangsfixierung" beim EBM-Honorar irgendwann aufgehoben wird. Denn pro Quartal und Arzt ist der Technik-Zuschlag (GOP 01450; 4,21 Euro bzw. 40 Punkte) auf maximal 1899 Punkte festgesetzt, das entspricht 47,5 Videosprechstunden. Das bilde aber nicht die Vielfalt der Praxen ab: "Wir haben Praxen mit 1500, 2000 oder 3000 Scheinen", so Jedamzik. Auch die Videokontaktziffer (GOP 01439; 9,27 Euro bzw. 88 Punkte) sieht er noch kritisch. "Wenn ich einen Patienten eine viertel Stunde online berate, ist das insgesamt natürlich unterfinanziert."

Mit Blick auf die geplante Telematikinfrastruktur (TI), die Datenautobahn der Gesundheitskarte und ihrer Anwendungen, ist jedoch besonders ein Ergebnis der Umfrage bemerkenswert: 60 Prozent der Bundesbürger würden eine elektronische Patientenakte, in die sie selbst Einblick erhalten, durchaus nutzen. Knapp über ein Drittel lehnt die E-Patientenakte allerdings ab, sechs Prozent sind noch unentschlossen. Nicht ganz ein Drittel könnte sich vorstellen, künftig auch die telemedizinische Überwachung des eigenen Gesundheitszustandes zu nutzen.

Für Jedamzik, der nach eigenem Bekunden von Anfang an die Entwicklung der TI begleitet hat, steht übrigens fest, dass der Rollout der Datenautobahn spätestens 2018 auch kommt. Er rechnet eher sogar, dass es bereits zu Jahresende etwas werden könnte, denn die Online-Anbindung in der ersten Testregion Nordwest sei gut angelaufen.

Nicht ohne Nebenwirkungen

Bei aller Euphorie fürs Internet und digitale Anwendungen sollten Ärzte die Risiken jedoch nicht außer Acht lassen. Denn – auch das hat die Umfrage ergeben – 55 Prozent der Bundesbürger informieren sich über Gesundheitsthemen mittlerweile im Internet. Ein Fünftel der Bürger haben dabei von ihrem Arzt schon einmal ein Medikament verordnet bekommen oder eine Therapie erhalten, weil sie diesen darum gebeten haben, nachdem sie darüber im Internet etwas gelesen haben. Ebenfalls knapp ein Fünftel der Bürger hat die vom Arzt verordnete Dosierung eines Arzneimittels schon einmal verändert, nachdem sie im Web darüber recherchiert hatten. Zwölf Prozent haben das Medikament dabei sogar komplett abgesetzt.

48 Prozent der Bürger meinen, dass ihnen die Infos aus dem Web dabei helfen, souveräner gegenüber ihrem Arzt aufzutreten. Rund ein Drittel gibt an, den Arzt durch das Zusatzwissen aus dem Internet besser zu verstehen. Überrascht hat selbst Bitkom-Hauptgeschäftsführer Rohleder, dass nur 13 Prozent der Bürger angeben, dass die Gesundheitsrecherche im Web dazu führt, dass sich die Bundesbürger häufiger als vorher Sorgen um ihren eigenen Gesundheitszustand machen. Schließlich kann die Vielfalt in Infos auch Ängste der Patienten schüren.

In der realen Praxiswelt komme es aber gar nicht so häufig vor, dass Patienten mit vorgefertigten Meinungen aus dem Web ins Arztgespräch gehen, beschwichtigt Jedamzik. "Meine Erfahrung ist über die Jahre positiv geworden." Zum Anfang des Internets hätten ihm Patienten durchaus einen ganzen Packen an Material aus dem Web auf den Tisch gelegt. "Heute informieren sich die Patienten gezielter." Der Allgemeinmediziner aus Ingolstadt sieht im informierten bzw. "empowerten" Patienten, wie er ihn nennt, aber auch eine Chance. Übrigens: 91 Prozent der Bundesbürger informieren sich trotz Internet zu Gesundheitsthemen bei ihrem Arzt, damit bleibt der Arzt des Vertrauens Infoquelle Nummer eins.

Keine Kompromisse beim Datenschutz

Die prinzipielle Aufgeschlossenheit der Bürger gegenüber Digital Health darf zudem nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie als Patient beim Thema Datenschutz nicht zu Kompromissen bereit sind. 74 Prozent wollen laut der Umfrage selbst kontrollieren, welche Ärzte Zugriff auf ihre digitalen Gesundheitsdaten haben. Ist das der Fall, können sich immerhin 60 Prozent der Bürger jedoch vorstellen, dass behandelnde Ärzte ihre Daten auch an andere Ärzte weitergeben. Nur 24 Prozent wären auch damit einverstanden, dass ihre Krankenkasse Gesundheitsdaten kontrolliert und an behandelnde Ärzte weiterleitet. "Wir müssen hier eine Balance zwischen dem Schutz der Privatsphäre des Einzelnen und der Nutzung der Daten für eine hochleistungsfähige und bezahlbare Versorgung schaffen", sagt Rohleder.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Infos aus dem Web: Nicht ohne Aufklärung

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Progesteron-Gel kann Frühgeburt vermeiden

Sinkt der Progesteronspiegel in der Schwangerschaft zu früh, verursacht das wohl eine vorzeitige Wehentätigkeit und Geburt.Einige Frauen schützt eine vaginale Hormonapplikation davor. mehr »

Statine mit antibakterieller Wirkung

Die kardiovaskuläre Prävention mit einem Statin schützt möglicherweise auch vor Staphylococcus-aureus-Bakteriämien. Das hat eine dänische Studie ergeben. mehr »

Das steht in der neuen Hausarzt-Leitlinie Multimorbidität

Die brandneue S3-Leitlinie Multimorbidität stellt den Patienten als "großes Ganzes" in den Mittelpunkt – und gibt Ärzten eine Gesprächsanleitung an die Hand. mehr »