Ärzte Zeitung, 20.10.2016
 

Schritt in die Niederlassung

Praxis und Kinder? – Das geht!

Der Ehemann ist ständig beruflich unterwegs, und doch ist sie mit zwei kleinen Kindern selbstständig in eigener Praxis: Die Neurologin Dr. Carola Oberschmidt wagte den Schritt. Und hat ihn bis jetzt nicht bereut.

Von Hauke Gerlof

Praxis und Kinder? – Das geht!

Eine gute Kinderbetreuung ist entscheidend, um verlässlich in der Praxis arbeiten zu können.

© motorradcbr / fotolia.com

FRANKFURT/MAIN. Eigentlich wollte sich Dr. Carola Oberschmidt erst in fünf Jahren niederlassen. Die Kinder sind jetzt mit drei und fünf Jahren noch recht klein, und sie wusste nicht recht, ob diese Verantwortung nicht zu viel werden könnte.

Doch dann ergab sich für die Neurologin plötzlich die Gelegenheit, einen halben Sitz zu übernehmen – und auch noch mit diesem Sitz in ein neues Ärztezentrum nur 500 Meter von ihrem Wohnsitz in Bad Soden im Taunus entfernt eintreten zu können.

Diese Konstellation vor Ort wollte sich Oberschmidt nicht entgehen lassen, denn grundsätzlich war ihr schon bewusst, dass sie nicht den Weg gehen wollte, der für viele Frauen in der ambulanten Medizin vorgezeichnet ist: "Bis zur Rente angestellt, immer nur wenig eigenen Gestaltungsspielraum? Das wäre für mich auf die Dauer nicht befriedigend gewesen", sagt die Fachärztin.

Anstellung als Zwischenlösung

Vor der Entscheidung für die Niederlassung war Oberschmidt bereits ein Jahr in einer großen Praxis im Rhein-Main-Gebiet angestellt gewesen und hatte dort auch viel mitgenommen. "Direkt aus der Klinik hätte ich mich sicher nicht niedergelassen. Aber so habe ich schnell gemerkt, so schwierig ist das gar nicht in der Praxis." So habe sie zum Beispiel gelernt, wie es mit der Abrechnung über den EBM und die GOÄ funktioniert.

Oberschmidt möchte anderen Frauen Mut machen, sich die Niederlassung ebenfalls zuzutrauen. Beim 3. Tag der Privatmedizin am 29. Oktober in Frankfurt am Main hält sie daher einen Workshop zum Thema "Leben und Arbeiten im Gleichgewicht: Welches Praxismodell passt zu meinem Lebensentwurf?"

Genau diese Frage stellte sie sich auch sehr intensiv, als sie plötzlich die Chance hatte, einen halben Sitz zu bekommen. Im Team oder allein? Privat- oder Kassenpraxis? Wenn Team, dann welche Kooperationsform? "Das wechselte fast jede Woche", erinnert sich die Neurologin. Sie entschied sich schließlich für eine Praxisgemeinschaft mit einer größeren Facharztpraxis, um die Personalkosten und die Raumkosten niedrig zu halten und doch in einer professionellen Struktur mit ganztägiger Erreichbarkeit arbeiten zu können.

"Das ist schon manchmal viel mit Kindern und Arbeit"

Dort belegt sie 70 von 500 Quadratmetern. "Eine ganze Einzelpraxis allein mit einem halben Praxissitz zu finanzieren, das wäre in der Kalkulation knapp geworden", erläutert sie. Übergangsweise arbeitet sie seit Juli vor Öffnung des Ärztezentrums jetzt noch in Räumen in einem Alten- und Pflegeheim.

Gleichzeitig genießt es Oberschmidt bereits, dass sie nicht mehr "Urlaubstage zählen muss, wenn der Kindergarten einen Schließtag hat oder ich mal einen Tag zwischendurch frei nehmen möchte". Durch die Regeln des Versorgungsstärkungsgesetzes weiß sie sich auch durchaus unterstützt, falls sie zwischendurch der Kinder wegen etwas kürzertreten muss.

"Das ist schon manchmal viel mit Kindern und Arbeit. Aber ich könnte zum Beispiel auf den halben Sitz einen Sicherstellungsassistenten anstellen – bis zu sechs Jahren mit meinen zwei Kindern – und trotzdem weiterarbeiten, ohne Druck." Ihr Mann ist beruflich ständig unterwegs, da ist die Flexibilität der Berufsausübung auch als Selbstständige entscheidend.

Notfall-Back-up in der Betreuung

Am Tag der Privatmedizin will sie jungen Kolleginnen und Kollegen auch Tipps geben, wie sie den Alltag gut meistern können. Sie habe zum Beispiel schon während der Zeit der Anstellung immer mit doppeltem Boden gearbeitet: "Ein Kinderbetreuungsplatz allein reicht noch nicht, wenn keine Großeltern in der Nähe sind", erläutert sie.

Bei Krankheit sei es wichtig, immer ein Notfall-Back-up zu haben. So habe sie eine Kinderfrau auf Mini-Job-Basis organisiert, die flexibel einspringen kann. Als Angestellte habe sie ihre Zeit auch so eingeteilt, dass sie zwei Tage voll gearbeitet habe – an den Tagen, an denen ihre Haushaltshilfe im Haus gewesen sei.

"Wenn dann ein Kind krank wurde, konnte sie die Kinder hüten." So gebe es für viele Probleme aus dem Alltag eine Lösung.

Weitere Tipps für eine gesunde Work-Life-Balance wird Dr. Carola Oberschmidt beim Tag der Privatmedizin im Workshop 4 geben. Infos: www.tag-der-privatmedizin.de

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