Ärzte Zeitung, 21.10.2016
 

Als Landarzt pendeln

Perspektive für junge Ärzte?

Eine neue Studie zeigt: Grundsätzlich sind Nachwuchsmediziner durchaus dazu bereit, im Schnitt jeden Morgen bis zu 40 Minuten zur Arbeitsstelle zu fahren.

Von Luise Poschmann

Perspektive für junge Ärzte?

Und täglich grüßt der Stau – wer will da als junger Arzt schon aufs Land pendeln?

© Peter Gercke / dpa

LEIPZIG. Es gibt in Deutschland viele Ansätze, wie die medizinische Versorgung der Bevölkerung auf dem Land auch in Zukunft sichergestellt werden kann. Die Maßnahmen reichen von Förderprogrammen über Investitionskostenzuschüsse bis hin zur Gewährung eines Mindestumsatzes. Eine neue Studie der Universität Leipzig zeigt nun, dass auch die Finanzierung von Fahrzeiten Motivation für die Arbeit im ländlichen Raum sein könnte.

Forscher der Selbstständigen Abteilung für Allgemeinmedizin haben rund 1100 Studierende im achten und zehnten Semester an den Universitäten in Leipzig, Halle (Saale) und an der Berliner Charité befragt. Sie wollten von ihnen wissen, welche Strecke sie bereit wären, pro Tag zu einer Praxis oder einem Krankenhaus im kleinstädtisch-ländlichen Raum zurückzulegen. Und was sie dazu animieren könnte, vielleicht doch noch ein wenig mehr Fahrzeit in Kauf zu nehmen.

40 Minuten Pendelzeit

Die ersten Ergebnisse zeigen: Grundsätzlich sind die Nachwuchsmediziner dazu bereit, im Schnitt jeden Morgen bis zu 40 Minuten zur Arbeitsstelle zu pendeln. Kommen finanzielle Anreize hinzu, lässt sich der akzeptierte Zeitaufwand auf über 50 Minuten steigern.

Großen Gefallen finden die Studierenden an der Idee, dass die Fahrzeit als Arbeitszeit gilt und auch als solche vergütet wird. Für rund zwei Drittel der Befragten würde dies die Attraktivität einer Tätigkeit auf dem Land stark oder sehr stark steigern. Ähnliche Werte erreicht die Variante, dass die Pendelzeit wie Arbeitszeit bezahlt wird, aber nicht als solche angesehen wird.

Auch eine generell deutlich höhere Vergütung der ärztlichen Tätigkeit steht ähnlich hoch im Kurs.

Deutlich weniger Einfluss als die finanziellen Anreize haben veränderte Arbeitszeitmodelle. So kann sich ein Viertel der Befragten gar nicht für die Idee erwärmen, die Vollzeitstelle auf nur dreieinhalb Tage in der Woche zu verlagern, um damit etwas weniger Pendelzeit zu haben. Auch die Möglichkeit, organisatorische Dinge im Home-Office erledigen zu können, stößt nur bei rund zwei Drittel auf zumindest mittelmäßiges Interesse.

Professor Thomas Frese von der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, der an der Studie beteiligt ist, wirbt für flexible Lösungen. Nicht für alle komme eine Niederlassung infrage, die auf Dauer angelegt ist, sagt er. "Zum Beispiel haben die Ärzte oft auch Partner, für die es auf dem Land keine Arbeit gibt", fügt er hinzu.

Gemeinsam mit den anderen Studienautoren hat Frese beispielhaft eine Karte für Sachsen entwickelt, auf der die Auswirkungen der Fahrzeiten räumlich dargestellt sind. Ausgehend von den Großstädten Dresden, Leipzig und Chemnitz ließen sich demnach weite Teile des Freistaates durch Pendeln abdecken.

Problematisch blieben aber noch das Vogtland, einige Regionen in Nordsachsen und ein Großteil Ostsachsens. Einige "weiße Flecken" ließen sich also auch durch verstärktes Pendeln nicht erreichen.

Lebensperspektiven ändern sich

Eine Einschränkung der Studie sei allerdings, dass Studierende befragt wurden, deren Einstellungen sich nach ihrem Abschluss möglicherweise noch verändern – zum Beispiel, weil sie dann einen anderen Umgang mit Geld haben oder eine Familie gründen möchten, sagt Mitautor Tobias Deutsch. Außerdem gebe es generell keine "Pauschallösungen" für alle Regionen. Detaillierte Ergebnisse ihrer Untersuchungen wollen die Wissenschaftler Anfang 2017 in einer Fachzeitschrift veröffentlichen.

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