Ärzte Zeitung, 16.11.2016
 

Allgemeinmedizin

Manchmal eine Liebe auf den zweiten Blick

In Baden-Württemberg werden Quereinsteiger immer häufiger Facharzt für Allgemeinmedizin. Besonders Anästhesisten gehen diesen Weg gerne.

Von Anne Zegelman

Manchmal eine Liebe auf den zweiten Blick

Teilweise entdecken Ärzte ihre Neigung zur Allgemeinmedizin erst spät.

© peppi18 / fotolia.com

HEIDELBERG. Die Gynäkologin hat mehr als die Hälfte ihres Berufslebens bereits hinter sich – und entscheidet sich, noch einmal die Fachrichtung zu wechseln. Der Anästhesist entschließt sich zu einer zusätzlichen 24-monatigen Weiterbildung, um sich anschließend als Hausarzt niederzulassen. Und der chirurgische Oberarzt wird zum Weiterbildungsassistenten.

Was unwahrscheinlich klingt, geschieht in Baden-Württemberg gerade immer häufiger. Zahlreiche Fachärzte haben sich seit einer Änderung der Weiterbildungsordnung 2011 bereits dazu entschieden, als Quereinsteiger den Schritt in die Allgemeinmedizin zu gehen.

Das lässt sich auch anhand von Zahlen der Verbundweiterbildung Plus erkennen. "Mittlerweile sind bis zu zehn Prozent unserer Teilnehmer sogenannte Quereinsteiger", sagt Dr. Simon Schwill, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Universitätsklinikums Heidelberg und Mitglied des Teams der Verbundweiterbildung Plus, bei einem Netzwerktreffen in Heidelberg.

Viele kommen aus Anästhesie

In konkreten Zahlen bedeutet das: Von 597 Teilnehmern der Verbundweiterbildung sind über 36 Quereinsteiger. Um mehr über berufliche und persönliche Hintergründe zu erfahren, befragten Schwill und seine Kollegen eben jene Quereinsteiger im Herbst 2015, die Ergebnisse präsentierte der Arzt in Weiterbildung nun.

15 Teilnehmer der Verbundweiterbildung Plus antworteten. Bei der qualitativen Studie kam heraus: Sieben Kollegen kommen aus der Anästhesie, je drei aus der Chirurgie und der Inneren Medizin und zwei aus anderen Fächern.

Als Gründe für den Wechsel nannten sie das breite Spektrum medizinischer Tätigkeiten in der Allgemeinmedizin, den ganzheitlichen Ansatz, gute Niederlassungsmöglichkeiten und dauerhaft günstigere Arbeitsbedingungen.

"Nur über Qualität hineinziehen"

Interessant: Im Schnitt hatten die Fachärzte zuvor 6,5 Berufsjahre in ihrem Fach gearbeitet, bevor sie sich für einen Wechsel entschieden. "Daraus können wir den Schluss ziehen, dass ein Quereinstieg in die Allgemeinmedizin auch für erfahrene Fachärzte attraktiv ist", so Schwill.

Gefragt wurden die Quereinsteiger auch, ob sie die 24-monatige Weiterbildungszeit in der Praxis als angemessen betrachteten. "Zwei Drittel waren damit einverstanden, das übrige Drittel sagte, ein bis eineinhalb Jahre hätten auch gereicht", berichtet Schwill.

Professor Joachim Szecsenyi, Ärztlicher Direktor der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Heidelberg, betont, nur die Qualität von Weiterbildung könne in das Fach hinein ziehen. "Und deshalb müssen wir eine bessere Weiterbildung aufbauen als die anderen Fächer!"

Instrument gegen Hausarztmangel

Der Deutsche Ärztetag hatte den Quereinstieg 2011 als Instrument gegen den Hausarztmangel beschlossen. Ärzte, die eine Facharztanerkennung in einem Gebiet der unmittelbaren Patientenversorgung erworben haben, sollen demnach 18 bis 36 Monate ihrer Weiterbildung auf die stationäre Weiterbildungszeit angerechnet bekommen können.

Sie müssen lediglich noch eine 24-monatige Weiterbildung in der ambulanten allgemeinärztlichen Versorgung anhängen und die 80-stündige Kursweiterbildung in psychosomatischer Grundversorgung besuchen.

Mit dem Beschluss hatte der Ärztetag 2011 hitzige Debatten ausgelöst. So positionierte sich die DEGAM deutlich gegen den Beschluss und kritisierte, die Möglichkeit suggeriere, dass eine qualifizierte allgemeinmedizinische Versorgung von allen Ärzten geleistet werden könne und ein fachlich einschlägig qualifizierter Facharzt für Allgemeinmedizin im Grunde überflüssig sei.

Noch ist die Möglichkeit für einen Quereinstieg auch nur vereinzelt gegeben. Neben Baden-Württemberg lässt Hessen die verkürzte Weiterbildung zu, auch Rheinland-Pfalz, Thüringen und Schleswig-Holstein sind Beispiele.

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