Ärzte Zeitung online, 23.11.2016
 

Flüchtlinge

"Sprechen Sie Deutsch oder haben Sie jemanden zum Übersetzen dabei?"

Medizinstudent Hekim Colpan schreibt seine Doktorarbeit über die medizinische Versorgung von Flüchtlingen. Die Kommunikation zwischen Arzt und geflüchtetem Patient sei oft sehr schwierig, berichtet er im Blog der "Ärzte Zeitung".

"Sprechen Sie Deutsch oder haben Sie jemanden zum Übersetzen dabei?"

Kinder lernen eine neue Sprache oft viel schneller als Erwachsene - und können schon nach kurzer Zeit für ihre Eltern übersetzen.

© Julian Stratenschulte / dpa

Für immer mehr Ärzte gibt es eine neue Herausforderung: Sie müssen sprachliche Barrieren gegenüber ihren Patienten überwinden. In Zeiten, in denen Millionen auf der Flucht sind, hören wir jeden Tag uns unbekannte Sprachen.

Auch solche, die wir womöglich aus dem Bekanntenkreis wiedererkennen, helfen in der Praxis herzlich wenig, wenn man nicht gerade Kollegen neben sich stehen hat, die aus eben jenem Land kommen und aushelfen.

Aber was macht man, wenn die multilingualen Kollegen gerade nicht zur Seite stehen können?

"Sprechen Sie Deutsch oder haben Sie jemanden zum Übersetzen dabei?"

Hekim Colpan ist 28 Jahre alt und studiert Medizin in Hannover. Nach einer Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten arbeitete er zunächst fünf Jahre im Bereich soziale Sicherung mit Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten. Sein Abitur holte er nebenbei an einem Abendgymnasium nach. Er ist nun im dritten Studienjahr.

© Elena Otto Photgraphy

Nun, die meisten Patienten wissen selbst, wo es weh tut. Und schon ist mit Händen und Füßen, zwei Halbsätzen auf Deutsch und in Muttersprache erklärt, wo es schmerzt. Doch für eine Anamnese und Diagnose bedarf es mehr als einen Fingerzeig auf den schmerzenden Bauch.

"Haben Sie jemanden zum Übersetzen dabei?", ist womöglich die letzte Hoffnung auf externe Hilfe. Oder sollen unsere Ärzte grundsätzlich neben Deutsch und Englisch nun auch beispielsweise Arabisch können? Sicherlich für viele eine interessante Sprache, vielleicht hat ja bislang nur der letzte Anstoß dafür gefehlt.

Hilfe von Vereinen wertvoll

Für all diejenigen, die jetzt nicht wissen, wo die nächste Volkshochschule liegt – es gibt viele Vereine, die sich ehrenamtlich um geflüchtete Menschen kümmern. Und die unter anderem auch als Übersetzer bei der Vorstellung von Patienten fungieren.

Da die meisten geflüchteten Menschen bei ihrer Ankunft in Erstaufnahmelagern bereits von Vereinen und Ehrenamtlichen eine Liste der wichtigsten Adressen ausgehändigt bekommen haben, reicht es, wenn sich Ärzte mit den lokalen Vereinen auseinandersetzen. Es soll Praxen geben, die die Flyer der entsprechenden Vereine bei sich im Wartezimmer ausstellen – weiter so!

Übrigens, die Kleinen werden dabei regelmäßig zu Experten. Dieses Phänomen erleben wir überall: Kinder die noch kein Jahr in Deutschland leben, sprechen die deutsche Sprache besser als ihre Eltern. Würdigung und Respekt vor diesen tollen Kindern, die in ihrer Freizeit den Eltern zur Seite stehen.

Täglicher Schulunterricht ist eben doch etwas anderes als die wenigen Stunden Deutschunterricht, die die Eltern erhalten. Der Lernprozess funktioniert bei Kindern ohnehin wesentlich schneller, zudem haben sie keine Angst, Neues zu lernen.

Ich habe viele wundervolle Menschen kennengelernt, die tolle Ärzte sind und es schaffen, sich selbst und ihren Patienten die Ängste vor der sprachlichen Barriere zu nehmen. So funktioniert die Diagnose sogar oft auch ohne Übersetzer.

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