Ärzte Zeitung, 05.01.2017
 

Niedergelassene Ärztin

"Ich war noch nie so zufrieden!"

Dr. Jana Husemann hat vor gut einem Jahr den Schritt in die Niederlassung gewagt – kann Bedenken junger Kollegen aber verstehen. Gerade Praxismanagement, Kodieren von Diagnosen und wirtschaftliche Überlegungen waren zunächst Neuland für sie. Heute gibt Husemann ihr Wissen weiter.

Von Dr. Jana Husemann

"Ich war noch nie so zufrieden!"

© privat

Niederlassung oder Anstellung? Bei der Frage, ob ich den Schritt in die eigene Praxis wagen soll, war für mich vor allem die tolle Erfahrung, die ich als Ärztin in Weiterbildung in der Praxis gemacht habe, ausschlaggebend – auch im Vergleich zur Zeit im Krankenhaus davor. Ich wollte die Medizin betreiben, die ich für sinnvoll erachte und meinen Arbeitsplatz mitgestalten können. Es hat sich dann so ergeben, dass ich das Angebot bekam, für meinen Weiterbilder in die Gemeinschaftspraxis einzusteigen.

Dagegen gesprochen hat anfangs, dass ich mich noch zu jung für so eine finanzielle Verpflichtung fand. Und klar, Hamburg ist Schlusslicht bei den KV-Durchschnittsfallwerten. In unserer Praxis – ich bin seit gut einem Jahr in St. Pauli niedergelassen – haben wir einen Fallwert von um die 40 Euro. Das ist schlichtweg zu wenig. Das war mir vorher zum Glück nicht in dem Ausmaß bewusst!

Durch die Hausarztzentrierte Versorgung (HzV) können wir trotzdem gut von der Praxis leben. Ohne die HzV aber würde es kaum gehen. In anderen Regionen ist die Situation für Hausärzte inzwischen zwar deutlich besser, jedoch fördern solche Beispiele natürlich nicht gerade die Motivation, sich niederzulassen.

Als ich mich dann für die Niederlassung entschieden hatte, kam viel Neues auf mich zu: das Kodieren der Diagnosen, die Zifferneingabe und die wirtschaftlichen Überlegungen. Außerdem musste ich erst lernen, welche Diagnostik notwendig und was überflüssig und sogar schädlich ist. Im Krankenhaus wurde häufig per Gießkanne einmal alles gemacht.

Ich musste mich auch erst einmal mit der Praxisführung vertraut machen, auf einmal war ich schließlich Arbeitgeber! Ich finde deswegen, dass Teamführung und auch Betriebswirtschaft spätestens in der Weiterbildung Thema sein sollten.

Die Angst junger Kollegen, den Schritt in die Niederlassung zu wagen, verstehe ich aufgrund meiner Erfahrungen gut. Es gibt kaum unabhängige, aktuelle und gut aufbereitete Informationen rund um die Niederlassung. Deswegen habe ich mit fünf weiteren Kollegen mit Unterstützung des Instituts für hausärztliche Fortbildung im Deutschen Hausärzteverband (IhF) den "Werkzeugkasten Niederlassung" entwickelt. Hier werden in 13 Modulen viele Fragen beantwortet und die oft unbegründete Angst genommen. Aber wir wollen eben auch zeigen, dass das Vorhaben "eigene Praxis" durchaus zu schaffen ist.

Kollegen, die mit dem Gedanken an eigene Niederlassung spielen, sollten nicht so sehr auf das hören, was leider immer noch zu häufig falsch vermittelt wird: "Als Hausärztin arbeitet man zu viel und verdient zu wenig."

Natürlich gibt es auch Bereiche, die noch verbesserungswürdig sind, beispielsweise gibt es mit über 100 Formularen viel zu viel Bürokratie. Angst vor der Niederlassung aber ist absolut unnötig, habe ich gemerkt: Ich war noch nie so zufrieden mit meinem Beruf wie seit meiner Niederlassung!

Auch Banden zu bilden kann helfen, Unsicherheiten zu nehmen: Damit meine ich zum Beispiel, sich entweder in einer Gemeinschaftspraxis niederzulassen oder sich einen qualitativ hochwertigen – das heißt, nicht von einer Pharma-Firma gesponserten – Qualitätszirkel zu suchen. Auch die Mitgliedschaft in der Jungen Allgemeinmedizin Deutschland (JADE), dem Hausärzteverband und in der DEGAM ist sinnvoll, um Fragen zu klären, Kontakte zu knüpfen und sich seiner eigenen Position sicherer zu werden. Ich bin etwa stellvertretende Vorsitzende des Forums Weiterbildung im Hausärzteverband.

Ich bin froh, dass in meinem Fall die Bedenken am Ende lange nicht so viel gewogen haben wie die Freude darauf, mich niederlassen zu können. Trotz aller anfänglichen Unsicherheiten bereue ich den Schritt in die Niederlassung nicht.

Dr. Jana Husemann

Alter: 34

Aktuelle Position: Niedergelassene Allgemeinmedizinerin in Hamburg

Standespolitisches Engagement: Stellvertretende Vorsitzende des Forums Weiterbildung im Deutschen Hausärzteverband

Dr. Jana Husemann im Video-Interview mit dem Hausärzteverband:

www.tinyurl.com/zzxcwwn

[08.01.2017, 10:37:42]
Lilia Renner 
Kann ich nicht empfehlen
Liebe Fr. Dr. Husemann,
berichten Sie, bitte, nach 5-8 Jahren erneut, wenn Sie die Steuernachzahlung getätigt haben, wenn Sie feststellen, daß Sie sich im Hamsterrad drehen, wenn Sie in Wechseljahre/ Belastbarkeitreduktion kommen und und und. ...
Nach 1 Jahr ist es viel früh eine Ausssage zu machen.
Ich finde diese positive KV-Propaganda den jungen Ärzten gegenüber nicht fair.
 zum Beitrag »
[05.01.2017, 13:50:49]
Thomas Georg Schätzler 
Sehr geehrte Frau Kollegin Jana Husemann,
wenn Sie jetzt seit gut 1 Jahr als Hausärztin mitten in Hamburg St. Pauli neu niedergelassen sind, kommt 2017 Folgendes auf Sie zu: Das Finanzamt HH will von Ihnen rückwirkend Einkommensteuer auf Ihre bisherigen Einkünfte aus selbstständigen Tätigkeiten erheben und sofort bezahlt bekommen.

Gleichzeitig sollen Sie aber auch Vorauszahlungen auf Ihre zukünftigen, noch gar nicht erwirtschafteten   Einkünfte leisten, ohne Rücksicht auf unternehmerische Risiken, notwendige Investitionen und fehlende soziale Absicherung im Krankheits-, Unfall- und Invaliditätsfall, welches gottlob nicht eintreten mag. Sie müssen sich also wappnen bzw. genügend Geld verdienen und zurücklegen können.

Denn die Finanzämter gehen bei freiberuflich tätigen Ärztinnen und Ärzten gleich welcher Fachrichtung, ob Haus- oder Facharzt, seit Jahrzehnten von vergoldeten Wasserhähnen und nicht von einem 40 Euro Fallwert für einen Zeitraum von 3 Monaten aus.

Ansonsten kann ich Sie zu Ihrer Berufswahl nur herzlich beglückwünschen! Ich selbst habe es, seit 1975 ärztlich tätig und seit 1992 hausärztlich in Dortmund niedergelassen, niemals auch nur einen Tag bereut.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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