Ärzte Zeitung, 20.12.2016

Modellstudium

Nichts geht ohne Praxis

Viel wird in diesen Tagen über die Eckpunkte des Masterplans Medizinstudium 2020 diskutiert. Im Düsseldorfer Modellstudiengang ist die Ausrichtung am Versorgungsalltag bereits Realität.

Von Ilse Schlingensiepen

KÖLN. Wer in Düsseldorf Medizin studiert, kommt an der Versorgungsrealität nicht vorbei. Schon nach dem zweiten Semester steht ein einwöchiges Praktikum in einer Hausarztpraxis an.

"Wir wollen Ärzte ausbilden, die schon früh in Kontakt mit Patienten gekommen sind", sagt Professor Stefan Wilm, Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin an der Universitätsklinik Düsseldorf. "Die Studierenden lernen den Umgang mit Patienten erstmals im Kontext der ambulanten Versorgung."

Es bleibt nicht beim einmaligen Hereinschnuppern in die Praxis. Auch im vierten Semester steht eine Woche Praktikum auf dem Programm, im fünften oder sechsten Semester gehen die Studierenden für zwei Wochen in eine Hausarztpraxis.

Im neunten oder zehnten Semester folgt ein weiteres zweiwöchiges Praktikum. Auch ein einwöchiger Aufenthalt in einer Kinderarztpraxis ist Pflicht – ein Unikum in Deutschland. "Alle Studierenden durchlaufen sieben Wochen in der ambulanten Medizin", betont Wilm, der in seiner Kölner Gemeinschaftspraxis selbst Studierenden Einblick in die Arbeit von Hausärzten gibt.

Frühe Kontakt wichtig

Der frühe Kontakt mit den Patienten ist ein wesentlicher Bestandteil des Modellstudiengangs Medizin, der im Oktober 2013 an der Medizinischen Fakultät der Universität Düsseldorf begonnen hat. Damals hat die Universität den Hebel komplett umgelegt. Studienanfängern steht seitdem nur noch der Modellstudiengang offen, der frühere Regelstudiengang läuft nach und nach aus.

"Die Patientenorientierung des Studiums ist für uns einer der Schlüssel, um Ärzte für ihre Aufgaben in der Zukunft fit zu machen", erläutert Wilm. Den Protagonisten der Reform rund um Studiendekanin Professor Stefanie Ritz-Timme war es deshalb ein Anliegen, die Studierenden früh mit typischen Versorgungssituationen vertraut zu machen.

"Sie lernen die Patienten erstmals zuerst aus dem Blickwinkel der ambulanten Primärversorgung kennen." Später folgt die praktische Erfahrung in der Klinik.

Schon ab dem ersten Semester werden die künftigen Mediziner in der körperlichen Untersuchung und der Anamnese geschult. "Das sind die Königstugenden des guten Arztes, deswegen ist es wichtig, sie gleich ins erste Semester zu holen", sagt er. Der Kurs zieht sich bis ins zehnte Semester durch, immer angepasst an die Lehrinhalte. Die Praktika geben den Studierenden die Möglichkeit, direkt am Patienten zu erproben, was sie im Untersuchungskurs gelernt haben.

"Besser als die früheren Semester"

Der Ansatz hat sich bewährt, wie die Prüfungen zeigen, in denen auch die praktischen Fähigkeiten unter die Lupe genommen werden. "Die heutigen Studierenden sind bei Anamnese und Untersuchung viel besser als die früheren Semester", berichtet Wilm, der Vorsitzender der klinisch-praktischen Prüfung ist.

Neben der Patientenorientierung ist die Vermittlung von Kompetenzen ein wesentlicher Baustein der Ausbildung in Düsseldorf. Dabei geht es um verschiedene Kompetenzbereiche: die präventive, diagnostische, therapeutische, aber auch humanbiologische, wissenschaftliche, soziale und ethische, kommunikative und wirtschaftliche Kompetenz sowie die Selbst- und Lehrkompetenz.

Bei der Lehre setzen die Düsseldorfer auf das "Task-Based-Learning": Die medizinischen Inhalte werden vom Behandlungsanlass oder dem Symptom her erläutert, nicht von der Diagnose ausgehend. "Die Studierenden sollen am Beispiel eines Patienten mit Luftnot lernen, welche Ursachen Luftnot haben kann", erläutert Wilm. Das sei ein anderer Ansatz als das systematische Aufarbeiten eines Krankheitsbilds wie COPD.

Wilm hofft, dass das Angebot genau diejenigen anzieht, die Interesse an einem wissenschaftlich basierten praxis-, patienten- und kompetenzorientierten Studium haben. "Studierende, die explizit sagen: Ich möchte als Arzt am Menschen arbeiten."

 

Kommt Praxisbezug im Studium zu kurz? Und kann der Masterplan dieses Problem lösen? PJ‘ler Felix Saalfeld (23) aus Magdeburg und seine Sicht im Video:

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