Ärzte Zeitung, 19.04.2017
 

Werbung für den Nachwuchs

"Der Hausarzt weiß viel, kann viel, macht viel"

Fremdbestimmt und gefangen im Hamsterrad – nicht als Hausarzt mit eigener Praxis! Ein junger Allgemeinmediziner macht dem medizinischen Nachwuchs in Münster Lust auf die Selbstständigkeit und ermutigt, sich den Beruf des Hausarztes genau anzusehen.

Von Ilse Schlingensiepen

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Im Hamsterrad – eine eigene Praxis kann das verhindern.

© fotomek / fotolia.com

MÜNSTER. Rund um die Allgemeinmedizin und die Arbeit als Hausarzt hält sich eine Reihe von hartnäckigen Vorurteilen. Sie haben nichts mit der Realität zu tun, können aber junge Ärztinnen und Ärzte vom Weg in die Hausarztpraxis abhalten, weiß der angehende Allgemeinmediziner Dr. Michael Bloch.

Bei der Nachwuchsinitiative "Zukunft Praxis" des westfälisch-lippischen Hausärzteverbands in Münster nutzt er deshalb das Forum, um beim medizinischen Nachwuchs für ein attraktives Fach und einen spannenden Beruf zu werben. Seine Botschaft: "Der Allgemeinmediziner weiß viel, kann viel und macht viel."

"Der Hausarzt weiß viel, kann viel, macht viel"

Dr. Michael Bloch, Arzt in Weiterbildung.

© Schlingensiepen

Im Studium seien ihm immer wieder Vorurteile über die Allgemeinmedizin begegnet, berichtet Bloch, der selbst in der Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin ist. Hinter sich hat er bereits Studium und Promotion in Medizin-Informatik.

Nicht nur "Omis mit offenen Beinen"

Das erste Vorurteil, das Bloch zerpflückt: "Der Allgemeinmediziner hat nur mit alten Omis mit offenen Beinen zu tun und stellt ansonsten nur gelbe Scheine aus oder wird fürs Sprechen bezahlt." Das Leben in der Praxis sieht ganz anders aus, der Hausarzt versorgt Patienten allen Alters mit einer großen Bandbreite an Erkrankungen, die Fälle sind zum Teil hochkomplex, sagt Bloch. Er hat das Tertial Allgemeinmedizin des Praktischen Jahrs in einer großen Hausarztpraxis absolviert, was er den jungen Ärzten im Publikum dringend zur Nachahmung empfiehlt: "Ihr habt dort ein unheimlich hohes Lernpotenzial."

Das PJ in der Hausarztpraxis habe ihm das eigenständige Arbeiten mit Sinn und Verstand ermöglicht. Die vier Monate in der Praxis seien selbst dann sinnvoll, wenn jemand nicht unbedingt Allgemeinmediziner werden will. "Was man dort lernt, kann man für alles brauchen", sagt er. Ein weiterer Vorteil: Das Tertial in der Hausarztpraxis wird komplett auf die Weiterbildungszeit angerechnet. Sein Tipp: "Schneller geht's auf keinen Fall zum Facharzt!"

Auch das immer wieder gehörte Argument von der Bedeutungslosigkeit der Allgemeinmediziner, die von den "richtigen" Spezialisten belächelt werden, lässt er nicht gelten. "Der Allgemeinmediziner ist der Gate-Keeper, der entscheiden muss, was passiert." Ihm komme im Gesundheitswesen eine zentrale Funktion zu. Nicht umsonst würden Politik und Kassen so sehr um die Hausärzte werben.

Bild vom Einzelkämpfer? Überholt!

Junge Ärzte bräuchten keine Angst zu haben, dass sie als Hausärzte nur vergleichsweise wenig verdienen. "Wer bei einem sechststelligen Betrag von wenig Geld redet, der hat den Schuss nicht gehört", findet Bloch. Zudem seien Hausärzte viel autonomer als die angestellten Kollegen in den Kliniken. "Das Hamsterrad dreht Ihr selbst!" Das Bild vom Allgemeinmediziner als Einzelkämpfer, der rund um die Uhr für seine Patienten da sein muss, stimme schon lange nicht mehr. Stattdessen könne er kooperieren, sich Netzwerke bauen und seine Arbeitszeiten selbst organisieren, erläutert er. Hausärzte können außerdem ihr Portfolio selbst gestalten. "Ihr habt einen Riesen-Strauß an Möglichkeiten", schwärmt er.

Dem Vorurteil, der Hausarzt sei ein Arzt zweiter Klasse, fehlt nach Einschätzung des jungen Mediziners das Fundament. Ein Blick in die Weiterbildungsordnung genüge, um zu sehen, dass man nicht "irgendwie" Hausarzt werden kann: "Sie zeigt, wie viel Wissen notwendig ist, um an den Facharzt für Allgemeinmedizin zu kommen."

Auch der Nachwuchs mit Interesse am wissenschaftlichen Arbeiten muss keinen Bogen um das Fach machen, stellt Bloch klar. "Ob man forschen will oder nicht hängt von einem selbst ab. Das ist in jedem anderen Fach auch so." Für den jungen Arzt steht fest: Mit der Entscheidung für die Allgemeinmedizin machen junge Ärzte nichts falsch. Sie verdienen genug, spielen eine entscheidende, unverzichtbare Rolle in einem komplexen Gesundheitssystem und können sich auf gesellschaftliche und politische Anerkennung verlassen. Sein Fazit: "In der Allgemeinmedizin brauchen wir die besten, motiviertesten Ärzte."

[23.04.2017, 22:47:01]
Winfried Löer 
Zu "Der Hausarzt weiß viel, kann viel, macht viel"
Welch erfrischender Artikel! Als erfahrener Hausarzt kann ich dem Artikel des jungen Kollegen Dr. Michael Bloch in allen Einzelheiten zustimmen.
Der Hausarzt ist in seinen Qualitäten so, wie er sich anbietet und ist auch so anerkannt.
Nach 35-jähriger Tätigkeit in eigener Praxis kann ich die Befriedigung durch die beruflichen Aufgaben voll bestätigen.
Realistischerweise muß ich hinzufügen, dass sich ein Teil der Kollegen durch Bürokratie und Respekt vor den Institutionen dermaßen beeindrucken läßt, dass die genannten Vorurteile für sie voll zutreffen.
Ich würde mich freuen, einen Nachfolger mit dieser Einstellung und Motivation zu finden.
Unsere jahrzehntelange Erfahrung bestätigt ganz genau, dass Freiräume für die persönliche Gestaltung keineswegs sehr befriedigenden finanziellen Aussichten im Wege stehen.
Dr. Winfried Löer zum Beitrag »

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