Ärzte Zeitung online, 07.06.2017

Karriere-Sprechstunde

Mit gesunder Mischkalkulation in die eigene Praxis

Das Risiko, sich in eigener Praxis niederzulassen, geht gegen Null. Diese Erkenntnis nahmen Teilnehmer einer Fortbildung für existenzgründungswillige Ärzte in Stuttgart mit nach Hause. Wichtig ist aber auch eine klare Vorstellung von der eigenen Geschäftsidee.

Von Michael Sudahl

Mit gesunder Mischkalkulation in die eigene Praxis

Viel sparen müssen Ärzte vor ihrer Existenzgründung in der Regel nicht. Die Finanzierung kommt meist auch ohne Eigenkapital ins Gleichgewicht.

© Eisenhans / Fotolia.com

STUTTGART. "Wer eine Praxis eröffnen möchte, dessen Geschäftsidee muss funktionieren." Peter Ramolla bringt es auf den Punkt. Der Rechtsanwalt und Leiter der Bezirksdirektion Stuttgart der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) nimmt bei der "KarriereSprechstunde", einer Fortbildung für junge Ärzte und Zahnärzte in Stuttgart, kein Blatt vor den Mund. Egal ob Zahnarzt oder Handchirurg, Hausarzt oder Dermatologe: Alle Praxisinhaber in spe stünden vor ähnlichen Problemen. Wenn es um Fragen auf dem Weg in die eigene Praxis geht, heißt es zuerst: Welches Geschäftsmodell ist das passende für mich? Oder, wie einer der Teilnehmer nicht ohne Selbstironie fragt: "Wo befindet sich der Goldesel?"

"Wo steht der Goldesel?"

Die KarriereSprechstunde ist eine Fortbildungsreihe für junge Ärzte und Zahnärzte, die gemeinsam von der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (apoBank), ETL Advision und "Ärzte Zeitung" initiiert worden ist. In Stuttgart ist auch die Kassenärztliche Vereinigung als Kooperationspartner mit im Boot.

Prinzip der Veranstaltung ist es, dass Rechts-, Steuer-, Finanz-, Praxis- und Niederlassungsexperten Existenzgründern und Ärzten, die es werden wollen, zu allen relevanten Fragen der Niederlassung Rede und Antwort stehen. Mit dabei ist auch jeweils ein Arzt, der sich vor Kurzem zum Schritt in die eigene Praxis entschlossen hat. Diesen Part übernimmt in Stuttgart Dr. Malte-Christian Thode. Der Dermatologe hat vor kurzem mit einer Kollegin eine Praxis eröffnet. Thode hat schnell expandiert, inzwischen hat seine Praxis viereinhalb Sitze. Allerdings, so räumt er ein: Ganz ohne Operationen wäre sie nicht rentabel – Existenzgründung als Frage der Mischkalkulation.

Thodes Fall trifft die Kernanliegen der Anwesenden: Wie hoch sollte der Anteil der Privatpatienten in einer Praxis sein? Gelingt es, zu 50 Prozent als angestellter Arzt in der Klinik zu arbeiten und parallel eine reine Privatzahler-Praxis zu eröffnen? Wie kann ich mich von Kollegen vor Ort abheben, damit Patienten zu mir kommen – und gibt es überhaupt einen freien Sitz für mich in meiner Wunschregion? Thodes Antwort ist sein Geschäftsmodell: Der Dermatologe aus Ludwigsburg sieht auch hier eine Mischkalkulation. Kassenpatienten sorgen für Frequenz und damit fürs tägliche Grundrauschen. Mehr Geld verdient der junge Praxisinhaber jedoch mit Privatzahlern, Privatpatienten und Kassenpatienten, die Zusatzleistungen buchen.

Ausfallrisiko bei drei Promille

Ein anderer Aspekt auf dem Weg in die eigene Praxis ist die Finanzierung von Geräten, Einrichtung und Kaufpreis. Hier zeigt sich Klaus-Jürgen Bayer von der apobank entspannt: Das bundesweite Ausfallrisiko bei Arztpraxen liege bei gerade einmal drei Promille. Für Industrie-Kredite rechnen Banken mit bis zu fünf Prozent Ausfall. Daher gebe die apobank auch viele Kredite ohne Eigenkapital des Existenzgründers. Zumal es von öffentlicher Seite etliche Fördergelder gibt. Diese seien mit etwa einem Prozent Zins günstig gestaltet, was der aktuellen Niedrigzinslage geschuldet ist.

Beachtenswert findet Bayer obendrein das Ergebnis einer apoBank-eigenen Umfrage unter jungen Heilberuflern, wonach Work-Life-Balance an erster Stelle steht, wenn es um die Verwirklichung von Lebenszielen geht. Für den Banker ergibt sich daraus eine erweiterte Beratungsperspektive. "Wenn Eigenkapital vorhanden ist, nehmen Sie es für Ihre Immobilie", rät der Leiter der Filiale Stuttgart. Zinsen für Praxisdarlehen lassen sich von der Steuer absetzen, Zinsen fürs Eigenheim nicht.

Immer wieder stellt sich auch die Frage nach dem Preis einer Praxis, die zum Verkauf steht. Preise wie vor 40 Jahren seien heute kaum noch zu erzielen. Oft klafften Preis-Vorstellung und Realität auseinander, weiß Dr. Lars Lindenau von ETL Advision. Je nach Ertragssituation seien zwar Verkaufspreise bis zum Zweifachen des Jahresgewinns möglich, so der Rechtsanwalt und Steuerexperte. Häufig seien Nachfolger aber nicht bereit, so tief in die Tasche zu greifen. Zumal ehemals erwirtschaftete Erträge nur die Vergangenheit zeigen und keine Garantie für die Zukunft sind. Schnell zu finden sind Abgeber-Angebote auf Online-Praxisbörsen.

Kooperationen für Spezialisten

Hinsichtlich der Gesellschaftsform bei der Übernahme mit Übergangszeit lautet der Expertenrat unisono: Vorsicht bei der Berufsausübungsgemeinschaft (BAG)! Das Risiko, eine Gesellschaft mit einem Senior einzugehen, sei hoch. Denn der denkt gegebenenfalls ans Aufhören, will weniger arbeiten und nichts mehr investieren. Ein Bremsklotz für jeden Jungstarter. "Stattdessen vereinbaren Sie besser einen glatten Schnitt", gibt Lindenau zu bedenken. Als Urlaubsvertretung und für ein, zwei Praxistage könne der Nachfolger den scheidenden Senior dann anstellen. Somit sei er Herr im eigenen neuen Laden.

Dabei sind Übernahme einer Einzelpraxis oder der Eintritt in eine Zweier-BAG nicht die einzigen Optionen. Wer sich niederlassen will, sollte auch über alternative Geschäftsmodelle nachdenken. Der Einstieg in ein MVZ oder eine größere BAG ist zum Beispiel für hoch spezialisierte Ärzte wie einen Hand-Chirurgen interessant. Als Teil vom Ganzen kann er bestehende Angebote ergänzen und erweitern. Auch als Belegarzt an einer Klinik zu arbeiten und parallel eine kleine (Privat-)Praxis aufzubauen, kann ein Weg sein. Ramolla warnt aber vor zu vielen Ideen: "Ihr Konzept muss in erster Linie Patienten erreichen". Der Work-Life-Balance zum Trotz: "Was nützen ihnen auf ihre Bedürfnisse angepasste Öffnungszeiten, in denen keiner kommt", wird der KVBW-Mann deutlich. Er empfiehlt auch, etwas Anlaufzeit bei neuen Praxen einzukalkulieren.

Die Veranstaltungsreihe "Karriere-Sprech- stunde – mein Weg in die eigene Praxis" wird fortgesetzt. Der nächste Termin: 21. Juni um 16 Uhr in der apoBank-Filiale in Bonn. Infos: www.apobank.de/karrieresprechstunde.

Die Helferlein zur Existenzgründung

Naturgemäß haben die meisten Ärzte kein betriebswirtschaftliches Studium absolviert. Wer sich niederlassen will, wird aber zum Unternehmer und benötigt Hilfe unterschiedlicher Experten. Die wichtigsten:

- Kassen(zahn)ärztliche Vereinigungen können Praxis-Gründer und –Übernehmer mit Zahlen versorgen. Hier erfahren sie, mit welchen Kosten und Erträgen zu rechnen ist. Diese unterscheiden sich etwa nach Region und Fach. Niederlassungsberater kommentieren auch Praxisergebnisse abgebender Ärzte.

- Steuerberater sollten Branchenkenntnisse besitzen. Sie helfen beim Erstellen eines Businessplans und beraten hinsichtlich Steuermodellen und zu erwartender Steuerzahlungen. Gut ist es, wenn sie zudem Kontakt zu spezialisierten Rechtsanwälten haben, die wiederum Gesellschafter- und Arbeitsverträge aufsetzten können.

- Banken finanzieren das Startbudget für die Praxis. Dazu gehören Einrichtung, Geräte, Kaufpreis und gegebenenfalls eine Kreditlinie, um Mitarbeiter zu bezahlen. Branchenkenntnisse helfen auch hier weiter. Zudem erhalten Ärzte über die Hausbank Fördermittel von Bund und Ländern.

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