Ärzte Zeitung online, 11.07.2017
 

Arzt wird Geschäftsmann

Jungmediziner gründet Ernährungs-Start-up

Ernährungsoptimierung entsprechend der individuellen Reaktion auf Lebensmittel: Mit dieser Idee gründet der Arzt Dr. Christoph Twesten sein eigenes Unternehmen – in der Weiterbildung. Ist der Markt reif für seine Ernährungsrevolution?

Von Dirk Schnack

Jungarzt will mit neuartigem Ernährungsprogramm punkten

Dr. Christoph Twesten hat mit „Perfood“ eine personalisierte Ernährungsumstellung entwickelt, deren Vermarktung noch dieses Jahr beginnen soll.

© Dirk Schnack

LÜBECK. Viele junge Ärzte gehen nicht in die Niederlassung, weil sie das wirtschaftliche Risiko scheuen. Dr. Christoph Twesten dagegen gründet rund neun Monate vor seiner Facharztprüfung ein eigenes Unternehmen und unterbricht dafür sogar seine Weiterbildung. "Das ist jetzt ein sensibler Zeitpunkt. Aber ich will die Chance nicht verstreichen lassen", sagt Twesten.

Der 33-jährige Lübecker befand sich bis vor kurzem in der Weiterbildung zum fachärztlichen Internisten und hätte ein Dreivierteljahr später seine Prüfung ablegen können. Das hat er nun verschoben, um sich voll auf sein gemeinsam mit einem Betriebswirt geplantes Start-up zu konzentrieren.

Wichtigstes Kapital des jungen Unternehmens ist das von Twesten mitentwickelte Softwareprogramm "Perfood". Perfood zeigt die individuelle Reaktion des Körpers auf die jeweils zugeführte Ernährung an.

Anhand einer kontinuierlichen Glukosemessung und eines Ernährungstagebuchs wird diese Reaktion über einen Algorithmus ausgewertet. Dann wird analysiert, welche Wirkung die Lebensmittel ausgelöst haben und es werden individuelle Ernährungsempfehlungen erstellt.

Neben dem Sensor, der selbst appliziert wird, benötigt der Anwender eine App, die die Werte und Empfehlungen anzeigt.

Prototyp im Selbstversuch

Twesten hat an sich selbst beobachtet, dass dieser Weg sinnvoll sein kann: Beim Verzehr seiner Lieblingsschokolade geht sein Blutzuckerspiegel deutlich stärker in die Höhe, als wenn er zu einem Alternativprodukt greift. Bei anderen Nutzern ist dieser Unterschied geringer ausgeprägt oder gar nicht vorhanden – Körper reagieren unterschiedlich auf das gleiche Lebensmittel.

Twesten ist optimistisch, dass sein Programm bei den Nutzern zu einer dauerhaften Ernährungsumstellung führen kann, weil sie während der Anwendung direkt und ohne Zeitverzögerung erfahren, wie ihr Körper auf ein Nahrungsmittel reagiert.

"Diese Umstellung muss kein tiefer Einschnitt sein. Schon eine punktuelle und ganz gezielte Veränderung kann helfen. Das wird vielen Menschen leichter fallen als eine komplette Ernährungsumstellung", so Twesten.

Veröffentlichung im Laufe des Jahres

Derzeit ist Perfood noch in der Anwendungsbeobachtung. Die Markteinführung ist für das vierte Quartal dieses Jahres geplant. Zielgruppe sind Endverbraucher, aber auch von Gesprächen mit Krankenkassen und mit großen Betrieben erhofft sich Twesten eine Verbreitung seines Programms.

Bis März hat der Mediziner täglich nach Dienstschluss daran gearbeitet und sich von Kollegen am Lübecker Institut für Ernährungsmedizin inspirieren lassen. Seit Mitte März konzentriert er sich nur noch auf die Produktentwicklung.

Forciert wird die Firmengründung vom "Gründer Cube" auf dem Gelände der Lübecker Uni, der Hochschulabsolventen bei Ausgründungen unterstützt, hilft, Kontakte zu knüpfen und Gespräche mit potenziellen Investoren anschiebt.

Die Entscheidung, neun Monate vor der Prüfung die Weiterbildung zu unterbrechen, ist Twesten nicht leicht gefallen. "Wir haben nur ein kleines Zeitfenster für eine erfolgreiche Unternehmensgründung. Wenn wir das jetzt nicht machen, kann es zu spät sein".

Markt offen

Der Markteinstieg noch dieses Jahr sei ideal: Die Technik ist verfügbar, in der Bevölkerung ist das Bewusstsein für Ernährungsfragen gestiegen und die Preise für die Analysetechnik sinken.

Bis sein Unternehmen Erlöse erzielt, muss Twesten von Ersparnissen leben und ist auf die Unterstützung seiner Familie angewiesen, die seine Pläne bislang rückhaltlos unterstützt.

Wann und in welchem Umfang er wieder in seine Weiterbildung einsteigt, ist offen. Twesten: "Die Arbeit am Patienten vermisse ich. Durch das Firmenkonzept bietet sich mir aber die Gelegenheit, mehr Menschen in einem früheren Stadium zu erreichen".

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