Ärzte Zeitung online, 25.08.2017
 

Eifel

Hausärzte setzen auf Selbsthilfe

Was tun, wenn immer mehr Hausärzte auf dem Land in Ruhestand gehen und kein Nachwuchs in Sicht ist? In der Eifel wollten Allgemeinärzte nicht länger auf externe Problemlösungen warten. Sie gründeten eine Genossenschaft.

Von Lydia Schumacher

Hausärzte setzen auf Selbsthilfe

Vergeblich: Mit großen Plakaten wurde im Herbst 2016 für die Teilnahme an einer Ärzte-Infoveranstaltung in Bitburg geworben. Doch nur ein Arzt kam.

© Kurt Daun

BITBURG. Im Eifelkreis Bitburg-Prüm werden bald bis zu 60 Prozent der Hausärzte in den Ruhestand gehen. Um in Zukunft die medizinische Versorgung sicherzustellen, haben engagierte Kollegen vor einem halben Jahr eigens eine Genossenschaft gegründet. In trockenen Tüchern wird das alles frühestens am 20. September sein, denn dann fällt die Entscheidung über die Zulassung. Im positiven Fall kann es Modellcharakter haben für ländliche Regionen in ganz Deutschland.

Einsatz am Flugplatz

Hausärzte setzen auf Selbsthilfe

Dr. Michael Jager (2.v.r.), Mitbegründer der Genossenschaft, arbeitet mit Allgemeinmedizinerin Dr. Ingrida Radisauskiene (r.) und Internistin Dr. Ulrike Warmers (2.v.l.) sowie der medizinischen Fachangestellten Katja Theis-Hendrick.

© Schumacher

Donnerstag ist Großkampftag für den Allgemeinmediziner Dr. Michael Jager in Bitburg. Aufstehen, frühstückten und zu Fuß in die Praxis eilen. Sprechstunde von acht bis zwölf, danach Telefonsprechstunde bis 12.30 Uhr. Eine halbe Stunde Mittagspause muss reichen für ein belegtes Brötchen und eine Tasse Kaffee. Noch ein kurzer Blick in die Post, dann geht es zu Hausbesuchen. Heute hat Jager noch den Einsatz am Flugplatz, hilft dort Asylbewerbern, deren Sprache er nicht spricht. Von 16 bis 18 Uhr wieder Sprechstunde in der Praxis.

Wenn er Glück hat und ihn nicht noch ein spontaner Krankheitsfall zum Hausbesuch auf einem der Dörfer im Umkreis von 30 Kilometern veranlasst, hat er danach Feierabend. Wenn er Pech hat, muss er nach solchen Tagen noch in der Bereitschaftsdienstzentrale der Niedergelassenen Dienst tun – bis zum nächsten Morgen um sieben. Und dann weiter mit der Sprechstunde von acht bis zwölf ohne große Pause.

Seit 25 Jahren sieht Jagers Alltag so ähnlich aus. Bis zu 1500 Patienten schleust er derzeit pro Quartal durch die Praxis. Jager und seine Kollegen in der Region leben einen Alltag, um den sie kaum ein Medizinstudent beneiden dürfte. Nach jüngsten Umfragen konnten sich nur sieben Prozent der Medizinstudenten an der Universität Mainz überhaupt vorstellen, sich nach der langen Ausbildung auf dem Land niederzulassen. Und das heißt noch lange nicht, dass sie es auch tun werden. Derzeit sind allein in Bitburg siebeneinhalb Hausarztsitze unbesetzt. In den kommenden Jahren werden es noch deutlich mehr werden, weil sich viele der Ärzte in den Ruhestand verabschieden.

Hausärzte setzen auf Selbsthilfe

Glaubt nicht, dass Geld allein hilft, junge Ärzte aufs Land zu holen: Dr. Burkhard Zwerenz, Chef des Hausärzteverbandes Rheinland-Pfalz.

© Stefan Lieser

Auch in Mainz hat man die extrem problematische Situation in der Eifel voll im Blick. Die KV Rheinland-Pfalz spricht von einem "Tsunami", der auf solche Landstriche zurollt. Diagramme auf der Internetseite der KV zeigen in hell- und dunkelgrau aber nur einen Teil des Desasters auf: Die Regionen Wittlich und Prüm gelten demnach als "Fördergebiet" und sind deshalb dunkelgrau. Demjenigen, der sich dort als Hausarzt in eigener Praxis niederlässt, winken 60 000 Euro aus dem Strukturfonds.

Bitburg hell markiert

Noch ist die Region Bitburg so hell markiert wie die Stadt Trier. Das liegt aber nur daran, dass die KV auf Zahlen aus der Vergangenheit schaut. Würde sie nur fünf Jahre in die Zukunft blicken, sähe das anders aus. Im Oktober des vergangenen Jahres wollte der Berufsverband mit riesigen Plakaten künftige Ärzte zu einer Veranstaltung unter dem Titel "Arzt. Nah. Dran" nach Bitburg locken, um ihnen zu vermitteln, welche Vorteile eine eigene Praxis im Notstandsgebiet hat. Es sollte eine "Veranstaltung mit Biss" werden, wobei sich "Biss" wohl auf den gereichten Imbiss bezog. Auf Nachfrage hat die KV Rheinland-Pfalz die Teilnehmerzahl mitgeteilt: ein einziger angehender Arzt war der Einladung gefolgt.

Sprung vom Hochhaus-Dach

Dr. Burkhard Zwerenz, der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes Rheinland-Pfalz mit Niederlassung in Prüm, beschreibt das Dilemma so: "Wenn jemand vom Dach eines Hochhauses springt, dann kümmert das noch keinen, solange er bei Etage fünf ist. Relevant wird es erst, wenn er ganz unten ankommt." Seiner Meinung nach macht sogar der finanzielle Segen aus dem Strukturfonds wenig Sinn. Von seinen Töchtern, die gerade Medizin studieren, würde sich keine nur wegen des Geldes irgendwo niederlassen: "Die jungen Mediziner können sich ihre Stellen tatsächlich aussuchen. Sie kommen nur dann hierher, wenn sie das möchten. In dem Fall würden sie sich über die 60 000 Euro Förderung freuen." Lösen könne man das Problem, indem man junge Ärzte direkt anspricht und ihnen Praktika und Fortbildungen in der Praxis auf dem Land anbietet.

Um den drohenden "Tsunami" zu verhindern, haben Ärzte sich zusammengeschlossen und wollen Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Im Oktober des vergangenen Jahres haben sie die Genossenschaft "MEDICUS Eifler Ärzte eG" gegründet, die junge Kollegen als Angestellte in einem dezentralen MVZ beschäftigen soll. Langfristig sollen sie sogar die Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin hier machen können.

Jager versteht, dass junge Menschen aus anderem Holz geschnitzt sind als er, dass sie mehr auf ihre Work-Life-Balance achten. Er ist der Vorstand der jüngst gegründeten Genossenschaft und von dem Modell überzeugt: "Ein dezentrales MVZ mit Zweigpraxen könnte entstehen, mitsamt einer zentralen Abteilung für die Erledigung der gesamten Bürokratie. Junge Ärzte könnten so ihren ‚nine-to-five-Job‘ machen."

Dr. Ulrike Warmers, die als Internistin eine Gemeinschaftspraxis mit Schwerpunkt für Diabetologie in Bitburg betreibt, ist ebenfalls als Gründungsmitglied dabei: "Wir könnten mit einem gewissen Ärztestamm auf individuelle Lebenslagen der Mitarbeiter eingehen und Problemlagen wie Urlaub oder Krankheit in der Region endlich abfangen." Auch ihr selbst droht Ungemach: Ihre Kollegin Dr. Annette Fischer-Ruvet, mit der sie seit zwölf Jahren die Praxis betreibt, wird 65 Jahre alt und möchte auf 50 Prozent reduzieren. Auch Jager hatte die eigene Zukunft im Sinn, als er sich für die Genossenschaft entschied: "Ich bin 64 Jahre alt und möchte nach 25 Jahren meine Patienten nicht im Stich lassen."

Kaum hatte sich das Bitburger Genossenschaftsmodell herumgesprochen, erreichte es schon mehr als die vielen großen Plakate der KV: Die Allgemeinmedizinerin Ingrida Radisauskiene hat ihren Wohnsitz bereits nach Bitburg verlegt und arbeitet jetzt als Angestellte mit einem Budget von 40 Stunden pro Woche bei ihm mit. Sie kam gerade rechtzeitig: Der Hausarzt Dr. Hsiao hatte Ende 2016 seine Praxis geschlossen, nachdem er anderthalb Jahre lang vergeblich nach einem Nachfolger gesucht hatte. Seine 1200 Patienten sind seither auf der Suche nach einem neuen Hausarzt. Jager hofft, dass die Kollegin vielleicht so auf den Geschmack kommt und seine Praxis übernimmt.

Ein Regress-Problem

Um weitere Bewerber will sich die Genossenschaft erst nach der Zulassung durch die KV bemühen. Der Antrag wurde in der vergangenen Woche gestellt, am 20. September tagt der Zulassungsausschuss..

Die Zulassung hängt derzeit auch noch von einem Regress-Problem ab. Für im Vergleich zur Gruppe überdurchschnittlich hohe Verordnungen müsste die Genossenschaft in Regress genommen werden. Jager: "Ich frage mich, mit welcher Gruppe unsere Genossenschaft dann verglichen werden soll. Die KV verlangt trotzdem eine selbstschuldnerische Bürgschaft zur Haftung im Regressfall. Also bei aller Liebe: ich werde gewiss nicht mit meinem Privatvermögen haften." Ob und wo es noch weitere Widerstände gegen das Modell gibt, wisse er nicht. Der Unterstützung der Kassen könne sich die Initiative bewusst sein. In der Satzung der Genossenschaft steht, dass sie die ärztliche Versorgung in der Region sicherstellen will. Ob das die Existenzberechtigung der KVen grundsätzlich infrage stellt? "Die KV schaut seit Jahren sehenden Auges weg", sagt Jager. Wir versuchen hier etwas auf die Beine zu stellen und hoffen zumindest auf eine einvernehmliche Lösung bei der Zulassung."

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