Ärzte Zeitung online, 23.01.2018

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Ein Plädoyer für mehr Medizinstudienplätze!

Medizinstudent Marcel Schwinger ist der Meinung, dass mehr Studienplätze in der Humanmedizin einen hohen Nutzen für die gesamte Gesellschaft haben – und rechnet vor, wie der Nutzen in Zahlen beziffert werden kann.

Ein Plädoyer für mehr Medizinstudienplätze!

Ein vollgepackter Anatomie-Hörsaal in der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg: Doch die Zahl der Humanmedizinstudenten stagniertin Deutschland.

© Waltraud Grubitzsch / dpa/ picture alliance (Archivbild)

Während die Zahl der Hochschulabsolventen in Deutschland in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen hat, stagnieren die Absolventenzahlen im Fach Humanmedizin. Im Prüfungsjahr 2014 erwarben insgesamt 314.000 Erstabsolventen einen Abschluss an einer deutschen Hochschule. Damit ist deren Zahl (2004: 192.000) in zehn Jahren um 39 Prozent angestiegen (Quelle: Statistisches Bundesamt 2016).

Demgegenüber stagnieren die Absolventenzahlen in der Medizin. Seit dem Jahr 2007 bewegt sich der jährliche Wert zumeist bei unter 10.000 Absolventen (Schwarzer/Fabian: Medizinerreport 2012).

Dieses Missverhältnis wirkt sich negativ auf den Gesundheitssektor aus. Während zahlreiche andere Branchen ihren Fachkräftebedarf durch Absolventen, die einen Bachelor- und/oder einen Masterabschluss erworben haben, befriedigen können, tut sich im Gesundheitswesen eine größer werdende Lücke auf.

 Noch wird der negative Fachkräftesaldo überdeckt, und zwar durch den Einsatz ausländischer Ärzte, mit denen vor allem Krankenhäuser ihre immer gravierender werdenden Personalprobleme zu lösen versuchen.

Entwicklung ist besorgniserregend

Marcel Schwinger

Ein Plädoyer für mehr Medizinstudienplätze!

© Fotostudio Jahn, Meiningen

Marcel Schwinger ist 27 Jahre alt, ausgebildeter Gesundheits- und Krankenpfleger und studiert Medizin in Würzburg. Im urologischen OP der Uniklinik, wo er auch heute noch neben dem Studium arbeitet, hat er schon viele unterschiedliche Eingriffe aus Sicht des Pflegers miterlebt. Für seine medizinische Ausbildung hat er sich das Motto gesetzt: „Tue, was du kannst – und könne, was du tust.“

Waren im Jahr 2006 in Deutschland 16.000 ausländische Ärzte tätig, so stieg diese Zahl im Jahr 2016 auf knapp 42.000 an – eine Steigerung um mehr als das Zweieinhalbfache (Bundesärztekammer: Ärztestatistik 2016). Dies ist ein Grund, warum die Zahl der berufstätigen Ärzte im Deutschland zwischen 2006 (311.000) und 2016 (378.000) insgesamt zwar leicht angestiegen ist.

 Vor dem Hintergrund, dass angesichts einer älter werdenden Bevölkerung und der Zunahme von Zivilisationskrankheiten der Bedarf an medizinischen Leistungen deutlich schneller steigt als die Zahl der Ärzte, ist die Entwicklung aber besorgniserregend.

Fachleute sind sich einig: Mit Blick auf die demografische Entwicklung in Deutschland wird der Behandlungsbedarf sowohl im ambulanten als auch stationären Bereich weiter steigen. Und das Gesundheitswesen ist darauf nicht vorbereitet. Es fehlt an Ärzten.

Schon jetzt spürbar

Praktisch zieht die Entwicklung schon jetzt eine Verschlechterung der medizinischen Versorgung vor allem in ländlich geprägten Regionen nach sich. Die Frage ist, ob sich die Gesellschaft mit diesem Zustand abfinden will oder ob die Politik in Bund und Ländern die Herausforderung erkennt und annimmt.

Tatsache ist: Wer nichts tut, der riskiert, in eine Situation des chronischen Ärztemangels hineinzulaufen. Wer nur unzureichende, nur halbe Schritte geht, der wird das Leiden von Patienten buchstäblich verlängern. Und wer jetzt Beruhigungspillen verteilt, der riskiert morgen einen Kollaps.

Zentrale Einsicht fehlt

Denen, die Verantwortung tragen, fehlt es bisher an einer zentralen Einsicht: Gesundheit wird in Zukunft Kranken in Deutschland nicht automatisch in die Hände fallen. Damit auch in zehn und zwanzig Jahren überall, egal ob Stadt oder Land, eine angemessene, qualitativ hochstehende medizinische Versorgung angeboten werden kann, muss jetzt gehandelt werden.

Aber wo? An welcher Stelle? Und mit welchen Maßnahmen?

Von den zahlreichen Stellschrauben, die in den Blick genommen werden müssen, sei hier nur eine herausgegriffen – mithin eine besonders wichtige: Es braucht mehr Medizinernachwuchs. An der Erhöhung der Studienplatzzahlen in der Medizin an deutschen Hochschulen führt kein Weg vorbei.

Niedrige Abbruchraten

Der Effekt wäre riesig. Einschlägige Statistiken belegen, dass die Zahl der Studienabbrecher in der Humanmedizin mit fünf bis 10 Prozent besonders niedrig ist (Heublein et al.: Die Entwicklung der Studienabbruchquoten an den deutschen Hochschulen.) Mit anderen Worten: Die allermeisten Studienanfänger kommen hinterher "im System" tatsächlich an.

Dies wird gestützt durch die Tatsache, dass der Übergang von Medizinstudierenden in den Beruf meist zügig und ohne Bruch erfolgt. Ein Jahr nach dem Abschluss des Medizinstudiums sind etwa 90 Prozent der Absolventen regulär in der Humanmedizin beschäftigt (Schwarzer, Fabian. Medizinerreport 2012).

Zwar bringt das für die ambulante Versorgung nicht sofort einen Effekt, da nach dem Studium erst noch die fachärztliche Weiterbildung absolviert werden muss. Sicher ist aber, dass der allergrößte Anteil dieser Mediziner tatsächlich eine ärztliche Tätigkeit aufnimmt und damit den sich abzeichnenden Mangel beseitigen hilft.

Masterplan drückt sich

Der von den Bundesministerien für Gesundheit sowie für Bildung und Forschung, von Vertretern der Gesundheits- und der Kultusministerkonferenz der Länder sowie von Koalitionsfraktionen der CDU und SPD des Deutschen Bundestages im Frühjahr 2017 beschlossene Masterplan Medizinstudium 2020 drückt sich ausgerechnet vor einer Aufstockung der Studienplatzzahlen.

Ausdrücklich verzichtet man "zum gegenwärtigen Zeitpunkt darauf, die Forderung nach einer generellen Erhöhung der Studienplatzkapazität aufzugreifen." Eine Begründung liefert der Masterplan nicht. Zwar werden "Aktivitäten einzelner Länder, zusätzlich zu den Maßnahmen des Masterplanes an ausgewählten Hochschulen neue oder zusätzliche Kapazitäten für Studienanfängerinnen und -anfänger der Humanmedizin zu schaffen" begrüßt.

Auf der anderen Seite reicht der Ehrgeiz der Verantwortlichen zu nicht mehr, als "diese Entwicklung zu beobachten insbesondere hinsichtlich der Auswirkungen der Maßnahmen der Gesundheitspolitik auf die Zahl der angehenden Fachärztinnen und Fachärzte für Allgemeinmedizin".

Eine Arbeitsgruppe von Gesundheitsminister- und Kultusministerkonferenz soll regelmäßig Bericht erstatten und "hierbei auch die Frage der notwendigen Studienplatzkapazitäten" berücksichtigen – dies aber nicht vor 2020.

Hohle Versatzstücke

Arbeitsgruppen bilden, begrüßen, abwarten, beobachten, Bericht erstatten – mit diesen hohlen Versatzstücken kaschiert die Politik, dass sie in Wahrheit nichts tut. Es ist außerordentlich enttäuschend, dass die deutsche Gesundheits- und Hochschulpolitik eine Entwicklung, für die sie die Verantwortung trägt, nur passiv beobachtet, anstatt sie aktiv und zukunftsweisend zu gestalten.

Keine Frage: So sieht, mit warmen Worten umschrieben, ein politischer Offenbarungseid aus. Das letzte Wort seitens der Politik kann und darf das nicht gewesen sein. Um dies nicht dem Zufall zu überlassen, müssen zuständige Verbände und Organisationen im Gesundheits- und im Hochschulbereich Druck machen.

Gegen das Nichtstun sei eine einfache Rechnung gestellt. Wir wissen: Ein Medizinstudium ist teuer. Ein Medizinstudent "kostet" seine Hochschule pro Jahr knapp 33.000 Euro (Statistisches Bundesamt. Laufende Ausgaben je Student im Fach Humanmedizin 2014). In jeden Absolventen, der in Regelstudienzeit abschließt, hat die Gesellschaft demnach rund 200.000 Euro investiert.

Eine Erhöhung der Studienanfängerzahlen um 20 Prozent würden 2200 Medizinstudierende pro Jahr mehr bedeuten. Nach sechs Jahren, wenn die Absolventen als approbierte Ärzte in die Praxis gehen, wären das Mehrkosten von 440 Millionen Euro. Für sich genommen, eine stolze Summe – in der Tat.

Nicht teurer, sondern effizienter

Aber: Sie erscheint in einem neuen Licht, wenn man die andere Seite der Medaille betrachtet: die Kosten, die durch Krankheit verursacht werden. Keine Frage, mehr Ärzte würden das System nicht teurer, sondern effizienter machen. Denn Tatsache ist: Wer schneller zum Facharzt kommt, wird schneller gesund. Wer besser behandelt wird, kehrt zügiger ins Arbeitsleben zurück.

Das rechnet sich nicht nur aus Patientensicht, sondern für die Gesellschaft insgesamt. Kosten, die durch ein ineffizientes System, überlastete Ärzte und lange Wartezeiten entstehen, könnten durch mehr Ärzte gesenkt werden. Und nicht nur nebenbei verbessert sich das Angebot der medizinischen Versorgung.

So gesehen: Wäre es nicht eine außerordentliche kluge und weitsichtige Idee, Geld für mehr Medizinstudienplätze zu auszugeben? Wäre das nicht ein wirklich gutes Investment?

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