Ärzte Zeitung online, 06.02.2018

Studium

Lieber ohne Wartezeit gleich in den Arztkittel schlüpfen

Wer in Deutschland lange auf einen Medizinstudienplatz warten muss, für den bieten ausländische Unis mitunter attraktive Alternativen. Die KV Sachsen zahlt sogar die Studiengebühren.

Von Sven Eichstädt

Lieber ohne Wartezeit gleich in den Arztkittel schlüpfen

Studenten des Programms im ungarischen Pécs erhalten ihre Arztkittel als Symbol des Berufs.

© David Verebi / Universität Pécs

Pécs. Bund und Länder müssen das Verfahren zur Vergabe von Studienplätzen im Fach Humanmedizin bis 2019 neu regeln – so urteilte das Bundesverfassungsgericht im Dezember. Denn der Numerus Clausus ist zum Teil nicht mit dem Grundgesetz vereinbar, so das Bundesverfassungsgericht.

Bis dahin dauert es allerdings noch – und der konkrete Ausgang bleibt vorerst ungewiss. Für diejenigen, die gerade auf einen Studienplatz warten, bietet die KV Sachsen deshalb eine Möglichkeit, ohne Wartesemester und bei einem Abischnitt von 2,6 an einen Studienplatz zu gelangen – im ungarischen Pécs und mit Unterstützung von KV und Krankenkassen, die die Studiengebühren bezahlen.

Hausärzte sind Mangelware

Medizinstudium in Pecs

  • Die KV Sachsen bietet Studienwilligen die Möglichkeit, im ungarischen Pécs Medizin zu studieren – ohne Wartezeit und mit einem Abischnitt von bis zu 2,6. KV und Krankenkassen zahlen die Studiengebühren.
  • Im Gegenzug verpflichten sich die künftigen Studierenden, ihre fachärztliche Weiterbildung in Sachsen zu absolvieren und anschließend fünf Jahre als Hausarzt in Sachsen tätig zu sein.
  • Das Studium wird in Ungarn in deutscher Sprache absolviert und dauert zwölf Semester. Der Abschluss wird in Deutschland "eins zu eins anerkannt".

"Wir wenden uns damit an Abiturientinnen und Abiturienten, die großes Interesse am Medizinstudium haben, aber aufgrund des Umstandes, dass die Studienplatzvergabe in Deutschland vorrangig nach Numerus Clausus erfolgt, kaum eine zeitnahe Chance auf einen Studienplatz erhalten", sagt KV-Vorstandsvorsitzender Klaus Heckemann.

Die Kooperation mit der Universität Pécs ist die KV eingegangen, weil seit vielen Jahren ein Mangel an Hausärzten in Sachsen, vor allem in den ländlichen Regionen zu beobachten ist, zugleich aber nicht mehr Studienplätze für Medizin in der Bundesrepublik vergeben werden und auch keine Landarztquote eingeführt worden ist, wie die KV berichtet.

Für das Studienjahr 2018/19 werden 20 Studienplätze ausgeschrieben, auf die man sich schon jetzt bewerben kann. Das Studium wird in Ungarn in deutscher Sprache absolviert und dauert zwölf Semester. Der Studienabschluss wird in Deutschland "eins zu eins anerkannt", wie die KV betont. Das Studium ist stark naturwissenschaftlich ausgerichtet, aber ansonsten sind alle Fächer und Seminare gleichwertig zu einem Medizinstudium in der Bundesrepublik.

Allerdings müssen sich die Studenten verpflichten, im Anschluss an ihr Studium die Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin in Sachsen zu absolvieren und für mindestens fünf Jahre als Hausarzt in Sachsen in einer ländlichen Region tätig zu sein. Damit sind die Gebiete außerhalb der Städte Chemnitz, Leipzig und Dresden einschließlich Radebeul gemeint.

Um schon während des Studiums die hausärztliche Tätigkeit näher kennenzulernen, gehen die Studenten während der sechsjährigen Studiendauer eine Patenschaft mit einer Hausarztpraxis in Sachsen ein, bei der sie jährlich zwölf Tage hospitieren.

Die Studiengebühren liegen ab dem Studienjahr 2018/19 bei 7300 Euro pro Semester. So ergeben sich über die gesamte Studienlänge Gebühren von knapp 88.000 Euro.

Einige Hürden zu nehmen

Nun ist es jedoch so, dass die Studiengebühren zuzüglich Zinsen an die KV von Studenten zurückgezahlt werden müssen, wenn sie aus dem Modellprojekt ausscheiden, also zum Beispiel das Studium in Ungarn abbrechen. Einige Studenten, die 2013 oder in den Folgejahren das Studium in Pécs begonnen hatten, sind inzwischen vom Vertrag zurückgetreten. Sie mussten die Studiengebühren an die KV entrichten.

Wer sich für das Studium in Pécs interessiert, muss mehrere Hürden bewältigen. Zunächst muss mindestens eine Abiturnote von 2,6 erreicht worden sein oder wahrscheinlich erzielt werden, wenn die Bewerber noch zur Schule gehen. Außerdem müssen mindestens zwei der Fächer Biologie, Chemie und Physik in der Sekundarstufe zwei belegt werden.

Ist dies alles erfüllt, kann die schriftliche Bewerbung mit Motivationsschreiben, Lebenslauf und Zeugnissen abgeschickt werden. Dann folgt ein schriftlicher Auswahltest, der aus einem kognitiven Fähigkeitstest sowie einem Persönlichkeits- und Motivationstest besteht.

Die Testergebnisse werden mit der Abiturnote und den Leistungen in den Fächern Biologie, Chemie und Physik verrechnet. Das führt zu einer Rangliste, von der die besten 40 Bewerber zu einem Auswahlgespräch eingeladen werden. Dort wird die von den Bewerbern beschriebene Motivation aus dem Motivationsschreiben hinterfragt.

Die besten 30 Bewerber werden der Universität Pécs zur Zulassung zum Medizinstudium vorgeschlagen und können dort am Zulassungsverfahren der Hochschule teilnehmen. Die Universität Pécs wiederum wählt 20 Bewerber aus, die zum Studium zugelassen und über das Modellprojekt gefördert werden.

Die anderen zehn Bewerber werden ebenfalls zum Studium in Pécs zugelassen, müssen allerdings die Studiengebühren selbst zahlen. Wer sich jetzt bewirbt, kann also im Idealfall im kommenden Jahr sein Studium in Pécs ohne Studiengebühren beginnen und im Jahr 2024 damit fertig sein.

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