Ärzte Zeitung online, 01.03.2018

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Nichts geht ohne PJler

Medizinstudentin Solveig Mosthaf wundert sich über die tragende Rolle, die PJlern in einigen Krankenhäusern zukommt – dem chronischen Personalmangel sei Dank. Eine gute Ausbildung stellt sie sich anders vor.

Nichts geht ohne PJler

PJler im OP? Besonders da, wo Assistentenmangel herrscht, wohl kein Bild mit Seltenheitswert.

© Kzenon / stock.adobe.com

Ich lese gerade "House of God", ein Buch, das vor 30 Jahren geschrieben wurde und den Alltag von Assistenzärzten in einem amerikanischen Krankenhaus beschreibt. Es berichtet vom alltäglichen Kampf um Leben und Tod, vom Spannungsfeld zwischen finanziellen Interessen des Krankenhauses und der würdigen Patientenversorgung, von der Schwierigkeit, unter ständigem Zeitdruck gleichzeitig mitzufühlen und sich abzugrenzen. Zum Glück, denke ich, ist das heutzutage anders.

Doch dann höre ich die Geschichten von Freundinnen und Freunden, die den Berufsalltag schon kennenlernen durften. Von einigen im Praktischen Jahr, von einigen, die zwecks Entscheidungsfindung und im Rahmen ihrer Bewerbungen hospitieren, von einigen, die schon als Assistenzärztinnen und -Ärzte arbeiten. Es hat sich nichts geändert.

Stationen sind unterbesetzt. Wird eine Assistenzärztin schwanger und scheidet aus (Letzteres sollte aufgrund der Tatsache, dass eine Schwangerschaft neun Monate dauert, irgendwie doch vorhersehbar sein), wird kein Ersatz eingestellt. Ganz plötzlich ist die Betreffende weg – oh, schon? – und die Kollegen machen Überstunden, schieben oder verzichten auf ihren Urlaub, schaffen es irgendwie trotzdem, die Arbeit zu wuppen. Muss ja.

Krank werden ist nicht drin

Im OP-Saal funktioniert nichts ohne PJler. An kleinen, peripheren Häusern, wo Assistentenmangel herrscht, werden PJler teilweise sogar als erste Assistenz eingeplant, sind also unverzichtbar. Krank werden, Lerntage, Fehlzeiten sind dann nicht drin. Dabei lernt man bestimmt viel, eine gute Ausbildung stelle ich mir aber anders vor. Und ob das gute Patientenversorgung ist, kommt dann eben auf die Fähigkeiten des PJlers an.

Solveig Mosthaf

© Konstantin Güldner

Solveig Mosthaf ist 24 Jahre alt und im 10. Studien-/8. Fachsemester in Freiburg.

Zurzeit ist sie an Kinderheilkunde, Frauenheilkunde oder Allgemeinmedizin interessiert. Sie fühlt sich in der sprechenden Medizin wohler als z.B. in der reinen Chirurgie.

Außerdem ist sie aktiv in der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. (bvmd).

Bei einer Hospitation passierte es einem Freund, dass er seitens der Verantwortlichen völlig ignoriert wurde und ihm von denjenigen, die schon dort arbeiteten, ausdrücklich davon abgeraten wurde, in diesem Haus anzufangen. Der Chef hatte keine Zeit für ein Vorstellungsgespräch, oder nahm sich keine Zeit, sondern meinte nur am Ende der Hospitation im Vorbeigehen "Achso, ja, Sie sind nett, Sie können den Job haben."

Unzumutbare Zustände

Es ist kein Geheimnis, dass Stationen unterbesetzt sind, Notaufnahmen überfüllt und Pflegekräfte überlastet. Für viele ältere Menschen bedeutet heute ein Krankenhausaufenthalt, dass sie danach nie wieder richtig auf den Berg kommen. Ja, das liegt einerseits am Immer-älter-werden und an multimorbiden Körpern. Aber es liegt auch an den unzumutbaren Zuständen in den Krankenhäusern. Es passieren Fehler und es werden Dinge übersehen, des Geldes wegen werden diagnostische und/oder therapeutische Eingriffe durchgeführt, für die die Indikation an den Haaren herbeigezogen ist.

Warum hat sich das seit dem "House of God" nicht geändert? Warum haben diejenigen, die sich der Gesundheit der anderen verschrieben haben, mit die ungesündesten Arbeitsbedingungen? Warum sind 80-Stunden-Wochen die Regel? Warum sollen Krankenhäuser schwarze Zahlen schreiben, warum aus Krankheit Gewinn machen? Warum gibt es nicht längst einen Aufschrei, und zwar außerhalb der Kreise derjenigen, die im Gesundheitssektor arbeiten? Wer möchte denn als Patient sein Leben in die Hände völlig übermüdeter, unkonzentrierter Ärztinnen und Ärzte geben? Oder sogar in die Hände derjenigen, die noch gar keine sind?

Der beste Beruf der Welt

Ich habe mich inzwischen darauf eingestellt, dass die ersten Arbeitsjahre anstrengend werden, dass ich kaum Freizeit haben und Freunde und Familie zu kurz kommen werden. Doch ich habe Lust zu arbeiten, weil Arzt zu sein der beste Beruf der Welt ist.

Im Endspurt des Bundestagswahlkampfes wurde das Thema Pflegenotstand angeschnitten, das war endlich nötig. Aber die Diskussion darf jetzt nicht versiegen, im Gegenteil. Sie muss ausgeweitet werden: Reformbedarf ist da, nicht nur in der Pflege, sondern im ganzen System.

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