Ärzte Zeitung, 11.06.2018

Ärztemangel

Kliniken müssen Ärzten mehr bieten als nur Geld

Um junge Mediziner auch an abseits gelegenen oder kleineren Klinikstandorten zu halten, braucht es kreative Karrieremöglichkeiten. Wie es gehen könnte, zeigten Kliniker auf dem Hauptstadtkongress.

Von Rebekka Höhl

Kliniken müssen im Wettbewerb mehr als nur Geld bieten

Der Grad der Digitalisierung kann Kliniken als Arbeitgeber attraktiver machen, sagt Dr. Jürgen Hinkelmann (Mitte) von der Uniklinik Frankfurt.

© Stephanie Pilick

BERLIN. "Als ich nach Greifswald gegangen bin, haben mir alle gesagt: Du wirst keine Mitarbeiter finden."

Professor Klaus Hahnenkamp hat die Schwarzmaler aber eines besseren belehrt und das in einer rund 54 000-Einwohner-Stadt nahe Ostsee und polnischer Grenze, in deren Umgebung eher ländliche Strukturen herrschen und die selbst an einer Überalterung leidet.

Sein Konzept: Den Facharzt neu erfinden sowie neue, zeitgemäße Berufsbilder für den Nachwuchs bieten.

Denn das Problem, dass junge Ärzte den Kliniken nicht mehr treu sind, ist kein ganz neues, wie der Direktor der Klinik für Anästhesiologie an der Universitätsmedizin Greifswald beim Hauptstadtkongress berichtete. Hahnenkamp war früher an der Uniklinik Münster tätig, bereits dort war ihm die extrem hohe Fluktuation aufgefallen.

Eine Analyse hatte dort damals ergeben, dass die Ärzte vor allem in jungen Jahren gehen. "Das hat nicht allein etwas mit den Karrierestufen zu tun", so Hahnenkamp.

Zwar gebe es in den Kliniken nach dem Assistenzarzt de facto nur noch drei Stufen: den Facharzt, den Oberarzt und den Chefarzt. Aber bis zur vermeintlichen Stelle des Oberarztes hatten viele junge Kollegen erst gar nicht gewartet.

Mit Bezahlung oft zufrieden

Hahnenkamp und seine Kollegen hatten daher in Münster eine Erhebung gestartet. Und dabei zeigte sich, dass neben den Karrierechancen den jungen Ärzten vor allem zwei Punkte wichtig sind: die Wertschätzung am Arbeitsplatz und strukturierte Mitarbeitergespräche.

Die Daten habe man mit Umfragen aus vier weiteren Unikliniken verglichen. Hahnenkamp. "Das Ergebnis war mehr oder weniger dasselbe. Mit der Bezahlung waren die jungen Ärzte zufrieden."

Hahnenkamp hat daraus gelernt: In Greifswald gibt es neben strukturierten Mitarbeitergesprächen, die einer festen Checkliste folgen, auch ein Trainingscenter, in dem interprofessionelle Kurse für Ärzte und Pfleger angeboten werden.

Für Assistenzärzte gibt es pro Jahr zwei Weiterbildungswochen, in denen sie an Simulatoren und vor allem mit Pflegekräften zusammen Situationen "im geschützten" Raum trainieren, mit denen sie im Klinikalltag konfrontiert werden.

"Das Lernen im geschützten Raum haben Sie sonst nur an der Uni", sagte er. Außerdem gibt es ein Facharzt-Curriculum. "Wer den Facharzt hat, will ja nicht an einem Punkt stehen bleiben, sondern auch weiterkommen", so der Anästhesist.

Hahnenkamp hat aber auch ganz neue Berufsbilder geschaffen: Über ein Pilotprojekt, das über den Innovationsfonds gefördert wird, wurde ein Telenotarzt etabliert, der die Rettungssanitäter unterstützt. "Bei uns wurde extra das Landesgesetz geändert, sodass dadurch auch Hilfsfristen abgedeckt werden." Die Stellen seien "ratz fatz besetzt gewesen", berichtet er.

Sechs Rettungswagen sind derzeit mit der notwendigen Technik für die Anbindung des Telenotarztes ausgestattet. "Und die Notaufnahmen nehmen gerne Patienten auf, die über den Telenotarzt versorgt wurden, da sie wissen, dass sie mehr Daten und Informationen als bei anderen Patienten erhalten."

Mit Digitalisierung anlocken

Die Uniklinik Frankfurt geht einen etwas anderen Weg: Sie bietet ihren Ärzten eine strukturierte Kommunikation an und versucht, mit Digitalisierung zu locken, dabei kommt auch IBMs Supercomputer Watson zum Einsatz.

"Der Arzt muss bei uns nicht plötzlich anders dokumentieren", erklärte Dr. Jürgen Hinkelmann, Referent des Ärztlichen Direktors am Uniklinikum und selbst Mediziner.

Er diktiert oder schreibt wie gewohnt seine Daten. Über ein sogenanntes "natural language processing" würden aber bestimmte Begriffe ausgewertet und die Daten oder Arztbriefe automatisch strukturiert. "Über ein Integrationszentrum können wir in einen Austausch mit anderen Kliniken gehen."

Das schafft neue Möglichkeiten in Forschung und Therapie. Dabei stellte er jedoch klar: "Clinical decision support kann eine Hilfe sein, sie wird den Arzt oder auch die pflegerische Leistung aber nie ersetzen, sondern immer nur ergänzen."

Physician Assistent (PA) könnte helfen

Kleinen Häusern könnte aber auch der Physician Assistent (PA) helfen, sagte Frank Merkle, Direktor des Steinbeis-Transfer-Instituts Medicine and Allied Health. Denn in Zeiten des Ärzte- und Fachkräftemangels müsse man überlegen, wie man Aufgaben verteilen könne.

"Solche neuen Berufsbilder haben auch ein Limit", so Merkle, "sie können keine Diagnose stellen, keine Therapie ansetzen, keine Patienten aufklären." Diese Berufsbilder könnten den Häusern aber helfen, sich besser zu strukturieren.

Und damit auch Ärzten wieder mehr Freiraum für ihre ärztliche Tätigkeit bieten. Der vielfach vorgebrachten Angst von Ärzten, hier würde eine Substitution ärztlicher Leistungen vorgenommen, die auch auf dem HSK durchklang, setzte Merkle entgegen, dass der PA noch eine Orchidee sei: "Das ist ja keine Massenbedrohung, es gibt vielleicht 250 Studenten in Deutschland."

Er warb dafür, den PA vielmehr als Chance gerade für kleine Kliniken zu sehen. Das Pflegeproblem oder gar den Ärztemangel werde dieser Beruf jedoch nicht lösen, sagte er.

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