Ärzte Zeitung online, 20.07.2018

Vergleich

So unterschiedlich ist die Internisten-Ausbildung in der EU

Viele junge Ärzte wollen einen Teil ihrer Ausbildung im Ausland absolvieren. Der europäische Internistenkongress ECIM in Wiesbaden bietet die Möglichkeit, sich einen Überblick zu verschaffen. Im Interview berichtet Mitorganisator Dr. Matthias Raspe von den landestypischen Unterschieden.

Von Thomas Meißner

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Bei der Planung der Weiterbildung ist es sinnvoll, auch über Landesgrenzen hinweg Infos einzuholen und Vergleiche zu ziehen.

© Karin & Uwe Annas / Fotolia

Ärzte Zeitung: Herr Dr. Raspe, was macht den European Congress of Internal Medicine (ECIM) für junge Internisten interessant?

Dr. Matthias Raspe: Es ist faszinierend, viele junge Ärzte aus anderen Ländern zu treffen, zu erfahren, wie diese dort arbeiten, wie ähnlich oft die Alltagsprobleme sind, aber auch wie unterschiedlich Details der Weiterbildung gelöst sind. Viele junge Internisten, die dorthin kommen, haben die Europäische Föderation für Innere Medizin (EFIM) über die Summer und Winter Schools kennengelernt.

Jeder der schon einmal an diesen Weiterbildungen teilgenommen hat, ist angesteckt vom europäischen Flair, das sie ausstrahlen. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin schreibt dafür übrigens zweimal jährlich vier Stipendien zu den Schools aus.

Dr. Matthias Raspe

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© Tim Flavor Fotografie, Berlin

  • Werdegang: Studium in Würzburg, 2008-2010 Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes, 2012 Promotion
  • Aktuelle Position: Facharzt für Innere Medizin und Arzt in Weiterbildung an der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Infektiologie und Pneumologie an der Charité Berlin.
  • Engagement: Sprecher des Bündnisses Junge Internisten der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), Mitorganisator des ECIM 2018 in Wiesbaden (Programm der Young Internists)
  • Was ist denn ähnlich wie in Deutschland, wo gibt es Unterschiede?

    Raspe: Ähnlich sind die überwiegend hohen Arbeitsbelastungen. Die Arbeitsorganisation ist dagegen sehr verschieden: Schweden scheint vergleichsweise angenehme Arbeitsbedingungen zu haben, etwa was die Ausstattung mit Personal und was Arbeitszeiten anbelangt. In Rumänien verdienen junge Ärztinnen und Ärzte so wenig, dass sie oft noch bei den Eltern wohnen.

    In Portugal gibt es eine sehr gut strukturierte Weiterbildung mit intensiver Supervision und regelmäßigen Kontrollen des erreichten Wissensstandes. In Großbritannien durchlaufen Assistenzärzte fest vorgegebene Rotationszyklen, dadurch lernen sie immer wieder neue Krankenhäuser kennen.

    Das sind fundamentale Unterschiede zu Deutschland mit seinem eher grob gestrickten Weiterbildungskonzept, in dem die Weiterbildungsassistenten sehr auf sich allein gestellt agieren müssen und im Berufsalltag nicht viel Zeit für Weiterbildung bleibt.

    Und wie sieht es in Bezug auf den medizinischen Alltag aus: Werden internistische Probleme in anderen Ländern anders gelöst?

    Raspe: Die Innere Medizin ist in Europa sehr verschieden organisiert. In nicht wenigen Ländern gibt es gar keine allgemeine Innere Medizin mehr. So ist zum Beispiel die Kardiologie vielerorts bereits ein Spezialisierungszweig, der von Anfang an abgekoppelt ist von der sonstigen Inneren Medizin.

    In Frankreich umfasst die allgemeine Innere Medizin sehr stark auch die Endokrinologie und Rheumatologie – wie fit diese Kolleginnen und Kollegen auf diesen Gebieten sind, habe ich bei den Sommer- und Winterschulungen der EFIM gemerkt. In Deutschland rotieren Weiterbildungsassistenten dagegen nur noch selten durch rheumatologische Abteilungen, weil es davon schlicht zu wenige gibt.

    Ist der ECIM also auch eine Möglichkeit voneinander zu lernen?

    Raspe: Auf jeden Fall! Beim europäischen Internistenkongress stellen junge Ärztinnen und Ärzte ein Drittel bis die Hälfte der Teilnehmer. Der ECIM bietet außerdem die Möglichkeit, Poster-Abstracts mit interessanten klinischen Fällen einzureichen. Auf der traditionell großen Poster-Ausstellung mit spannenden Kasuistiken kommt man schnell miteinander ins Gespräch.

    An der Young Internists Corner besteht die Möglichkeit, prominente Persönlichkeiten der internationalen Medizin hautnah kennenzulernen. Im vergangenen Jahr war zum Beispiel Professor Rita Redberg aus San Francisco da, die Herausgeberin des Journal of the American Medical Association (JAMA). Sie hat ja maßgeblich die Less-is-more-Kampagne ins Leben gerufen.

    Wem würden Sie die Teilnahme am ECIM empfehlen?

    Raspe: Vor allem jenen, die sich in der Weiterbildung zum Internisten befinden. Denn es geht bevorzugt um allgemeininternistische Themen. Diese sind eher klinisch ausgerichtet, aber ich denke, auch künftige Allgemeinmediziner könnten sich angesprochen fühlen.

    Hinweisen möchte ich außerdem auf die Workshops, die vor dem offiziellen Kongressbeginn stattfinden und praxisbezogenes Wissen vermitteln.

    Was sagen Sie zu dem neuen europäischen Curriculum Innere Medizin der EFIM?

    Raspe: Ein sehr gutes Projekt! Die Arbeitnehmerfreizügigkeit ist ja eines der Grundkonzepte der Europäischen Union. Um diese Freizügigkeit im Arztberuf zu gewährleisten, wurde das Curriculum erarbeitet. Denn eine vergleichbare Weiterbildung wird es künftig viel einfacher machen, in anderen europäischen Ländern zu arbeiten.

    Ich beobachte, dass europäische Fachabschlüsse zunehmend an Gewicht gewinnen, zum Beispiel bei den Anästhesisten. Ich selbst befinde mich in der Weiterbildung zum Pneumologen und die European Respiratory Society (ERS) bietet ebenfalls ein europäisches Facharztexamen an.

    Die europäischen Curricula sind meiner Meinung nach didaktisch besser aufgebaut als in Deutschland und sehr detailliert ausgearbeitet. Die Young Internists der EFIM haben übrigens für zwölf Länder übersichtliche Informationen erarbeitet, wie man als fremder Arzt dort arbeiten kann.

    Meinen Sie, die Weiterbildung Innere Medizin ist im Ausland insgesamt effizienter gestaltet als hierzulande?

    Raspe: Eine englische Kollegin hat mir mal ihr online geführtes "Logbuch" gezeigt. Dort werden die jeweiligen Meilensteine und EPAs (Entrustable Professional Activities) auf dem Weg zum Facharzt aufgeführt, also die erworbenen professionellen Fähigkeiten und Fertigkeiten, jeweils abgezeichnet vom Weiterbildungsermächtigten – seien es Prozeduren wie etwa einen Aszites zu punktieren bis hin zur Gesprächsführung.

    Auf diese Weise wird sichergestellt, dass die weitergebildeten Ärzte ein bestimmtes Niveau erreicht haben. Der erreichte Qualifizierungsgrad von Ärzten wird besser vergleichbar, etwa bei einem Arbeitsplatzwechsel.

    Gibt es zum europäischen Curriculum Innere Medizin der EFIM bereits einen Abschluss oder eine Prüfung, die abgelegt werden kann?

    Raspe: Noch nicht. Aber das ist angedacht.

    Der 17. Europäische Kongress für Innere Medizin (ECIM) findet vom 30. August bis 1. September 2018 in Wiesbaden statt. Mehr dazu auf der Webseite der DGIM.

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