Ärzte Zeitung, 12.12.2008
 

Hintergrund

Ein Krankenhaus in Oldenburg ist Vorbild für Qualität in der Palliativmedizin

Das Palliativzentrum des Evangelischen Krankenhauses Oldenburg ist für die gelungene Umsetzung des Behandlungspfades Liverpool Care Pathway ausgezeichnet worden. Auf diese Weise sichert die Klinik die Qualität der Betreuung Sterbender.

Von Christian Beneker

Das Palliativzentrum des Evangelischen Krankenhauses Oldenburg versorgt seit 2006 als erstes Haus in Deutschland sterbende Patienten nach dem festgelegten Behandlungspfad Liverpool Care Pathway (LCP). Das gelingt so gut, dass das Krankenhaus den diesjährigen Preis der Qualitätsinitiative Niedersachsen des Niedersächsischen Vereins zur Förderung der Qualität im Gesundheitswesen (QI) erhalten hat.

Zehn Jahre hat es für den Kulturwandel gebraucht

"Wir sind einen langen Weg gegangen", sagt der Chefarzt der Medizinischen Klinik des Krankenhauses, der Rheumatologe und Palliativmediziner Dr. Michael Schwarz-Eywill. "Heute sind wir in einer Situation, dass der LCP in allen Stationen unseres Hauses Beachtung findet." Fast zehn Jahre lang hat es gedauert, bis das Krankenhaus in Oldenburg diese "andere Wahrnehmungskultur", wie Schwarz-Eywill sagt, entwickelt und kultiviert habe.

Im Prinzip ist der LCP ein Behandlungspfad und ein Instrument des Qualitätsmanagements zugleich, das sich auf die Sterbephase schwer kranker Patienten bezieht. Es besteht aus 20 Punkten auf einer Checkliste. Mit ihr werden Ziele für eine möglichst gute Begleitung definiert und immer wieder überprüft, etwa die Behandlung und Linderung häufiger Symptome wie Schmerzen, Luftnot oder Unruhe. Dabei bietet der LCP dem Behandlungsteam praktische Hilfe etwa bei der Bedarfsmedikation oder beim Absetzen unnötiger Medikamente, bei der Betreuung der Angehörigen sowie der Information des Hausarztes.

Der Behandlungspfad bietet dem Team praktische Hilfe an.

Die Punkte zwölf bis 20 des Behandlungspfades beziehen sich auf die Betreuung nach dem Tod des Patienten, also zum Beispiel auf die Dokumentation, die Angehörigenbenachrichtigung oder eventuelle Aufbahrung des Toten. "Der LCP bietet ein festes Fragenraster, das auch von Nicht-Experten angewendet werden kann", unterstreicht Schwarz-Eywill den Nutzen des Konzeptes.

"Heute machen sich alle Kollegen aller Stationen bei ihren Visiten Gedanken darüber, ob der Patient, den sie gerade besuchen, möglicherweise eine palliative Versorgung nötig hat", erklärt Schwarz-Eywill die Oldenburger Praxis. Gegebenenfalls wird dann der Hausarzt informiert. Ein Konsildienst aus zwei Pflegekräften, zwei Ärzten und einer Seelsorgerin unterstützt die Kollegen vor Ort - mit einer 24-stündigen Rufbereitschaft.

Vor der Aufnahme in die Palliativversorgung treffen sich die behandelnden Ärzte, um sich die Befunde und den Patienten noch einmal genau anzusehen. Ist die Entscheidung gefallen, legen sie gemeinsam ein Behandlungsziel fest. Das Team besteht aus neun Pflegekräften, Ärzten, einer Physiotherapeutin, einer Kunsttherapeutin und einer Seelsorgerin.

Wenn der Palliativ-Patient entlassen wird, kümmert sich eine eigens eingestellte Koordinatorin anhand einer Checkliste darum, wie Hausarzt, Pflegende und Angehörige am besten zusammenarbeiten können. In Oldenburg ist die Palliativstation mit acht Betten integriert in die internistische Station, denn hier lässt sich der erhöhte Finanzierungsbedarf besser stemmen. Die Palliativbetten werden über die DRG-Komplexpauschale Palliativversorgung von 1000 Euro abgerechnet, die nach sieben Behandlungstagen gezahlt wird. Dazu kommt eine Querfinanzierung aus den DRG-Erlösen der Inneren Medizin, erklärt Schwarz-Eywill. Diese Erlöse liegen pro Palliativpatient zwischen 2500 und 3700 Euro und seien als solche nicht kostendeckend, solange nicht zusätzlich die Komplexpauschale abgerechnet werden kann, sagt Schwarz-Eywill. Die Liegezeit betrage im Schnitt 14 Tage.

Jetzt werden auch Niedergelassene trainiert

In Deutschland wird der LCP bislang ausschließlich im Krankenhaus angewendet. Derzeit werde in England der LCP für den ambulanten Bereich evaluiert, so Schwarz-Eywill. "Um die Kooperation zu verbessern, machen wir gemeinsame Trainings mit den Hausärzten, die aus ganz Deutschland dafür anreisen."

Für sein Engagement hat das Oldenburger Krankenhaus jetzt 5000 Euro Preisgeld der QualitätsInitiative Niedersachsen erhalten. Dr. Gerd Pommer, Vorsitzender der QI, wies auf die wachsende Bedeutung von Behandlungs- und Versorgungsqualität hin: "Neue und besondere Ansätze zur Qualitätsverbesserung müssen auch besonders gewürdigt werden. Wir fordern daher, Qualität künftig noch stärker als selbstverständliches Kriterium der Leistungserbringung zu betrachten, sie professionell zu gestalten und nach außen transparent darzulegen."

www.mcpcil.org.uk;

www.dgpalliativmedizin.de/pdf/doku/AG%20Forschung%2070227%20HOPE%202007%20LCP.pdf

Liverpool Care Pathway

Der Liverpool Care Pathway (LCP) ist ein Leitfaden von 20 Punkten für die Betreuung Sterbender. Er wurde Ende 1998 im Royal Liverpool and Broadgreen University Hospitals NHS Trust (RLBUHT) Marie Curie Hospice in Liverpool erarbeitet.

2006 übersetzten Mitarbeiter des Palliativzentrums im Schweizer Kantonsspital St. Gallen die Liste ins Deutsche. Sie ermöglicht einerseits ein standardisiertes Vorgehen bei der Sterbebegleitung, berücksichtigt aber auch die jeweilige individuelle Verfassung des einzelnen Patienten und seinen persönlichen Betreuungsbedarf.

Der Leitfaden berücksichtigt vor allem auch seelsorgerische Aspekte beim Patienten und bei seinen Angehörigen. In Deutschland wird er bisher nur im Evangelischen Krankenhaus Oldenburg umgesetzt. (cben)

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