Ärzte Zeitung online, 04.01.2010

Eine Facharztstelle in Hessen war noch nie so leicht für Neu-Ärzte zu besetzen

FRANKFURT AM MAIN (ine). Mehr als 70 Prozent der 181 Kliniken in Hessen können freie Arztstellen nicht besetzen. Im Klinikalltag führt dies oft zu einer Leistungsverdichtung. Für Ärzte hat dieser Trend allerdings auch etwas positives: Es war es noch nie so einfach, eine Facharztstelle zu bekommen.

Eine Facharztstelle in Hessen war noch nie so leicht für Neu-Ärzte zu besetzen

Ärzte dringend gesucht!.

Foto: © comstock

"Der Ärztemangel betrifft Assistenzarztstellen, Fach- und Oberarztpositionen", sagte Rainer Greunke, Direktor der Hessischen Krankenhausgesellschaft auf einem Symposium der Landesärztekammer in Bad Nauheim. Um dem Personalmangel zu entschärfen und neue Mitarbeiter zu finden, müssen nach Meinung Greunkes die Kliniken bei den Arbeitszeiten flexibler werden. Notwendig sei aber auch externe Unterstützung: "Wir müssen die Studienkapazitäten an den Universitäten erhöhen, die Studien- und Weiterbildungsordnungen überprüfen, finanzielle Anreize setzen und die ärztliche Tätigkeit entbürokratisieren."

"Die Bewerberdicke ist in allen Fachbereichen dünn", sagte auch Dr. Wolfgang Martin, Personal- und Karriereberater bei der Mainmedico GmbH in Frankfurt/Main. Im Jahr 2004 seien noch 24 Bewerber auf eine Stelle gekommen - 2008 waren es nur noch 14 Bewerber. Nach einer Mainmedico-Analyse des Stellenmarktes im "Deutschen Ärzteblatt" sind im Jahr 2008 dort 6000 freie Arztstellen offeriert worden. 80 Prozent der Stellenanzeigen hatten Akutkrankenhäuser geschaltet, acht Prozent Rehakliniken, sieben Prozent der Medizinische Dienst der Krankenkassen, zwei Prozent der Öffentlichen Gesundheitsdienst und vier Prozent Medizinische Versorgungszentren. Zu den Top Ten der gesuchten Ärzte zählten nach Angaben von Martin folgende Fachgebiete: Gefäßchirurgie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Gastroenterologie, psychosomatische Medizin, Viszeralchirurgie, Neurologie und Kardiologie.

Für Ärzte, so der Personalberater, habe dieser Trend auch etwas positives: Nach einer erfolgreichen Weiterbildung finde sich in der Regel schnell eine geeignete Facharztstelle. Die Auswahl sei groß. Und auch die Aussichten auf eine Oberarztposition seien nicht schlecht. Oftmals kämen rein rechnerisch noch nicht einmal zwei Bewerber auf eine Oberarztausschreibung. Am oberen Ende der Karriereleiter werde es allerdings eng: "Da Anfang der neunziger Jahre von den Kliniken verstärkt Fachärzte eingestellt worden sind, hat die Zahl potenzieller Mitbewerber um eine Chefarztposition zugenommen", sagte Martin. Zudem sei die Fluktuation an der Spitze geringer als noch vor zehn Jahren.

Ein Trend, so der Personalberater, lasse sich in nahezu allen Versorgungsbereichen beobachten: Das ärztliche Berufsbild verändere sich weg vom Einzelkämpfer hin zum Teamplayer. Das Arbeiten in vernetzten Strukturen und multiprofessionellen Teams setze sich zunehmend durch. "Dies betrifft vor allem die neuen Tätigkeitsfelder an der Schnittstelle von ambulantem und stationären Sektoren und die organspezifischen Zentren der Kliniken", so Martin. Die Möglichkeit im Team zu arbeiten reize auch viele Ärztinnen. Frauen, so der Personalberater, lehnten hierarchische Strukturen eher ab als Männer und seien deshalb oft auch nicht bereit, in einem solchen System mehr Verantwortung zu übernehmen.

In der Frauenheilkunde würden etwa 80 Prozent der Facharzt-Anerkennungen von Frauen erworben. Im Schnitt schreibe jede dritte Abteilung pro Jahr eine Oberarztposition aus. Viele Ärztinnen hätten jedoch ganz andere Anforderung an eine Oberarztposition als ihre männlichen Kollegen, etwa die Möglichkeit, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren.

Derzeit, so Martin, flaue der Nachfrageboom nach Fachärzten etwas ab, die Ausschreibungszahlen seien leicht rückläufig. Allerdings sei die Nachfrage in den letzten Jahren auch nicht immer steil nach oben, sondern eher wellenförmig verlaufen. Zudem überprüften viele Kliniken derzeit ihre Suchstrategien. "Das Thema Nachwuchsmangel ist keineswegs vom Tisch", so das Fazit des Personalberaters.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Hüpfen und Einbeinstand halten fit

Hüpfen, Treppensteigen oder auf einem Bein Zähneputzen: Mit bewussten, einfachen Übungen können alte Menschen ihre Beweglichkeit erhöhen und die Sturzgefahr senken. mehr »

Gala mit Herz und Verstand

Mit einer festlichen Gala hat Springer Medizin pharmakologische Innovationen und ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet. Die Preisträger vermittelten Hoffnung auf Heilung und auf Hilfe, hieß es am Donnerstagabend. mehr »

Das sind die Gewinner des Galenus-von Pergamon-Preises 2017

Mit dem Galenus-von-Pergamon-Preis, der auch international große Anerkennung findet, wurden erneut Exzellenz in der deutschen pharmakologischen Grundlagenforschung und die Entwicklung innovativer Arzneimittel gekürt. mehr »