Ärzte Zeitung, 21.09.2010

Service soll Medizin und Pflege ergänzen

Durch eine grundlegende Umorganisation in Krankenhäusern und Pflegeheimen könnten Missstände teilweise behoben werden, meint ein Pflegemanager.

Von Ina Harloff

Service soll Medizin und Pflege ergänzen

Neben dem ärztlichen und pflegerischen Dienst müsste es einen gesonderten dritten Bereich geben - den Servicebereich. Dieser soll beispielsweise die Ausgabe von Essen und Trinken oder Bettpfannen leeren übernehmen, so der Geschäftsführer des Städtischen Klinikums Görlitz.

© deanm1974 / fotolia.com

BERLIN. Die medizinische Versorgung in Deutschland leidet nicht am Fachkräftemangel, sondern an ineffizienten Prozessen und veralteten Strukturen in den Einrichtungen des Gesundheitswesens. Das sagte René Alfons Bostelaar, Diplom-Pflegemanager und Geschäftsführer des Städtischen Klinikums Görlitz, vor Kurzem auf dem JuraHealth Congress 2010. Eine zunehmende Komplexität der Fälle verlange professionsübergreifende Therapien und Behandlungen. Die zunehmende Spezialisierung und Hochleistungsmedizin müsse einhergehen mit einer spezialisierten Hochleistungspflege.

Dazu bedürfe es jedoch eines konsequenten Umdenkens. "Die Frage: Wer macht was, wie, wo, wann und mit welcher Qualifikation ist die schlimmste Frage, die man in einer Klinik stellen kann. Da geht es nämlich ans Eingemachte", so Bostelaar.
Die Handlungsebene im Krankenhaus der Zukunft müsse aber unbedingt eine komplette Veränderung erfahren. "Ich glaube nicht an den Fachkräftemangel. Das Problem sind vielmehr unsere tradierten und stellenweise superaltmodischen Ablaufprozesse. Dort werden zehn bis 15 Prozent der Ressourcen verschwendet", kritisiert der Pflegemanager.
Mehr Personal sei nicht die Lösung. Stattdessen müsse neben dem ärztlichen und pflegerischen Dienst eine dritte Säule geschaffen werden - der Servicebereich.

Dieser könnte Aufgaben aus dem Pflegebereich übernehmen, wie Waschen, Bettpfannen leeren oder Essen und Trinken verabreichen. Die Vergütung dieser "Servicekräfte" würde dementsprechend niedriger ausfallen als bei examinierten Pflegefachkräften. Die dadurch freigesetzten Ressourcen könnten wiederum hoch spezialisierten und akademisierten Pflegekräften zugeführt werden.

Diese würden im Gegenzug Tätigkeiten aus dem medizinischen Bereich übernehmen wie Infusionen und Injektionen oder Blutdruckmessung. "Das bedeutet aber auch, dass Ressourcen aus dem medizinischen Bereich in den Pflegebereich transformiert werden müssen", so Bostelaar. Die Koordination und Neuverteilung der Aufgaben könne ein Case Manager (CM) übernehmen.

Die gegenwärtigen Möglichkeiten zur Umsetzung des Case-Management-Konzepts betrachtet Professor Ingo Palsherm, designierter Studiendekan Gesundheitsökonomie an der privaten Hochschule Fresenius, mit einiger Skepsis. "Die Behandlungssteuerung würde in diesem Modell bis zu einem gewissen Umfang in die Hände des CM gelegt werden. Die Therapiehoheit hätte jedoch weiterhin der Arzt", erklärt Palsherm den Konflikt, der sich aus der Rolle des CM ergeben könnte. Dessen Kompetenzen müssten laut Palsherm auf jeden Fall noch detaillierter geklärt werden. Zudem müsse der Case-Manager über hinreichende medizinische Kenntnisse verfügen. Sonst könnten auch aus haftungsrechtlicher Sicht Probleme entstehen.

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