Ärzte Zeitung, 08.12.2010
 

Hintergrund

Wehret den Anfängen: Die meisten Fehler passieren bei der Diagnostik

Ärzten unterlaufen häufiger Fehler bei der Diagnose von Krankheiten als bei der Therapie. Das hat jetzt die Gutachterkommission für ärztliche Behandlungsfehler der Ärztekammer Nordrhein festgestellt. Die Folge: Erhebliche Leidenswege für Patienten und Mehrkosten.

Von Ilse Schlingensiepen

Wehret den Anfängen: Die meisten Fehler passieren bei der Diagnostik

Immer häufiger müssen Gutachter Fälle prüfen.

© starpics / fotolia.com

Patienten werfen ihren Ärzten häufiger Fehler in der Therapie als in der Diagnostik vor. Bei der Überprüfung der Vorwürfe stellen die ärztlichen und juristischen Gutachter aber bei der Diagnose mehr ärztliche Versäumnisse fest. Das ist die Erfahrung der Gutachterkommission für ärztliche Behandlungsfehler (GAK) bei der Ärztekammer Nordrhein (ÄKNo).

"Diesem Punkt müssen wir künftig mehr Aufmerksamkeit widmen", sagte der GAK-Vorsitzende Dr. Heinz-Dieter Laum bei der ÄKNo-Kammerversammlung in Düsseldorf. Schließlich könnten falsche Diagnosen zu erheblichem Leiden der Patienten führen. "Es können auch Mehrkosten entstehen, wenn die eingeschlagene Therapie von vornherein sinnlos ist", sagte Laum.

Bei Wirbelkörperfrakturen treten häufig Fehler auf

Zwischen dem 1. Oktober 2009 und dem 30. September 2010 prüfte die GAK 362 Diagnosevorwürfe und 1126 Behandlungsvorwürfe. Die Quote der erkannten Fehler betrug bei der Diagnostik 39 Prozent, bei der Therapie waren es 25,3 Prozent. Im Bereich der Frakturen erwies sich mit einer Quote von 55,8 Prozent jeder zweite Diagnosevorwurf als berechtigt. Hier ist die Fehleranfälligkeit bei Wirbelkörperfrakturen besonders groß - sowohl in der Diagnostik als auch in der Therapie.

"Der Ton der Anträge ist gelegentlich unangemessen"

Deutlich überdurchschnittlich hohe Behandlungsfehlerquoten stellte die GAK im Berichtszeitraum auch bei Schenkelhalsfrakturen (62,5 Prozent), oberflächlichen Weichteilverletzungen (51,6 Prozent), distalen Radiusfrakturen (41,2 Prozent) und dem Mammakarzinom (40,7 Prozent) fest.

Insgesamt lag die Behandlungsfehlerquote im Berichtszeitraum bei 28,63 Prozent, das war etwas weniger als die 29,84 Prozent des Vorjahres. Dabei stieg die Zahl der eingegangenen Begutachtungsanträge bei der GAK um sieben Prozent auf 1962.

"Der Anstieg der Anträge ist kein Hinweis darauf, dass die medizinische Versorgung schlechter geworden ist", betonte Laum. Es gebe Anzeichen, dass ein höheres Anspruchsverhalten der Patienten die Ursache für die Zunahme sei. "Dafür spricht auch, dass der Ton der Anträge gelegentlich unangemessen ist", berichtete er. Der ehemalige Oberlandesgericht-Präsident erwartet, dass sich die Steigerung in den kommenden Jahren fortsetzen wird und sieht die Entwicklung mit Sorge. "Wir müssen uns fragen, ob die Arbeitsbelastung auch künftig noch tragbar sein wird." Schließlich müsse die GAK genügend Mediziner finden, die bereit sind, die Kommissionsarbeit mit Idealismus zu erledigen.

Steigende Prämien für die Haftpflicht machen Sorge

Mit großer Mehrheit verabschiedeten die ÄKNo-Delegierten einen Antrag, in dem sie die Sorge über die steigenden Prämien für die Arzthaftpflichtversicherung zum Ausdruck bringen. Die Kammerversammlung fordert den Gesetzgeber auf, "durch gesetzgeberische Maßnahmen die immer weiter klaffende Diskrepanz zwischen dem im Zivilrecht geforderten hohen Sorgfaltsmaßstab und der sozialrechtlich geforderten Beschränkung des Behandlungs- und Beratungsanspruchs auf nur das Ausreichende und Notwendigste" zu beseitigen.

Die Höhe der Versicherungsprämien stehe in krassem Missverhältnis zur ärztlichen Honorierung, sagte der Antragsteller Hans-Peter Meuser von der Freien Ärzteschaft. Dafür trage allerdings nicht die Versicherungswirtschaft die Verantwortung. "Schadenzahl und Schadenshöhe sind vielmehr den Rahmenbedingungen geschuldet, unter denen wir inzwischen unseren Beruf ausüben müssen", sagte Meuser.

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