Ärzte Zeitung online, 02.11.2011

Deutschland sollte Klinikbetten loswerden

In den Kliniken in Deutschland werden einer Studie zufolge künftig weniger Betten gebraucht. Geht es nach den Forschern, könnten sogar 200 Krankenhäuser geschlossen werden.

Deutschland hat zu viele Klinikbetten

Ein Bett auf dem Flur eines Krankenhauses: Viele Betten in Kliniken werden nicht gebraucht, hat eine Analyse des HWWI ergeben.

© shutterstock.com

HAMBURG (dpa). In Deutschland werden einer Studie zufolge künftig weniger Krankenhausbetten gebraucht. Der Grund: Die Bevölkerung schrumpft.

Das ergibt eine Analyse des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) im Auftrag der HSH Nordbank, die am Mittwoch in Hamburg vorgestellt wurde.

Zwar würden vermehrt ältere Kranke eine Behandlung im Krankenhaus benötigen, doch werde das durch eine kürzere Behandlungszeit mehr als ausgeglichen.

Dabei helfe auch der technische Fortschritt. Unter dem Strich könne die Bettenzahl bis 2020 um 3,8 Prozent zurückgehen, 200 Krankenhäuser seien entbehrlich.

Finanzierungsdruck bleibt hoch

Zwischen 1991 und 2009 sei die Zahl der Krankenhausbetten um 24 Prozent und die Zahl der Krankenhäuser um 14 Prozent zurückgegangen.

"Der Finanzierungsdruck auf das Gesundheitssystem bleibt dennoch erhalten", sagte Henning Vöpel, einer der Autoren der Studie. Zwar sinke der jährliche Investitionsbedarf wegen fallender Bettenzahlen von derzeit 2,9 auf 2,7 Milliarden Euro.

In den vergangenen Jahren habe sich aber ein Investitionsstau aufgebaut, der wiederum vermehrte Ausgaben erforderlich mache. So sei in Zukunft mit einem Bedarf an Investitionen von bis zu 3,4 Milliarden Euro jährlich zu rechnen.

Kliniken in öffentlicher Trägerschaft weiter nötig

Regional sehen die Hamburger Forscher stark unterschiedliche Entwicklungen voraus. In strukturschwachen Gebieten mit vielen alten Menschen seien weiter Krankenhäuser in öffentlicher Trägerschaft notwendig.

Sie arbeiteten defizitär, seien aber Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Dagegen würden Krankenhäuser privatisiert, die privatwirtschaftlich rentabel betrieben werden könnten.

In den vergangenen 18 Jahren sei der Anteil privater Krankenhäuser um 17 Prozentpunkte auf 32 Prozent gestiegen.

[05.11.2011, 16:08:00]
Dipl.-Med Wolfgang Meyer 
Bei der Gesundheitsfürsorge einsparen - bei Großprojekten verjubeln!
Es wundert den, der sich in diesem Lande nicht desinformieren läßt, wenig.
Schienenwege verrotten, Krankenhäuser fallen zusammen (zumindest viele in
kommunaler Trägerschaft), Sozialleistungen werden zurückgefahren, kultu-
relle Einrichtungen schließen, Bibliotheken leben von Buchspenden der Leser und und und... Dafür peitschen Politiker und Industrielle profitable
Großprojekte durch, verscherbeln Kliniken und kommunale Infrastruktur plus
entsprechende Versorgungsunternehmungen (eigentlich Eigentum der Steuer-
zahler in den Regionen) und sehen zu, wie sich die Versorgungslage der Be-
völkerung bei stetig steigenden Kosten stetig verschlechtert. Wo bleibt der Volkszorn? Der entlädt sich oft über Menschen, die sich nicht wehren können. Eine Studie zu solcher Thematik sollte die HSH einmal initiieren! zum Beitrag »
[03.11.2011, 14:23:33]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Da hilft wohl der Blinde dem Lahmen sicher über die vielbefahrene Straße?
Da haben sich Zwei gesucht und gefunden: Henning Vöpel, Gesundheitsexperte am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), und Markus Rosenbaum, Leiter der Gesundheitswirtschaft, HSH Nordbank. Die Bank hatte die HWWI- Studie über die Zukunft der deutschen Krankenhäuser in Auftrag gegeben.

Habe ich richtig gelesen, HSH Nordbank? DER SPIEGEL online schreibt aktuell über die Kreditanstalt: "Riskante Geldgeschäfte führten die HSH Nordbank in der Finanzkrise an den Rand des Ruins. Ihre Hauptanteilseigner Hamburg und Schleswig-Holstein mussten die Landesbank retten. Doch nicht nur drohende Milliardenverluste und Bonuszahlungen brachten die Bank immer wieder in die Schlagzeilen - auch ein Sumpf aus Lügen und Denunziation."

Folgsam lobt die Studie vor allem die Privatisierung. Laut Rosenbaum wirtschaften diese Kliniken häufig effizienter. Und 'rein zufällig' hat seine HSH Nordbank an die Gesundheitsbranche rund 1,6 Milliarden Euro als Kredite vergeben, davon etwa die Hälfte an Klinikbetreiber. Auch zukünftig wolle sich die HSH im Gesundheitsbereich engagieren. Das HWWI-Gutachten will den Trend zur Privatisierung im Krankenhauswesen mit 32 Prozent Anteil privater Krankenhäuser weiter markieren.

Wie das funktioniert, ist am Beispiel der im Nachhinein sogar teilweise rechtswidrigen Privatisierung der Unikliniken Marburg und Gießen exemplarisch zu zeigen. Marode, heruntergewirtschaftete Bausubstanz, demotivierte Mitarbeiter und abgeschnürte staatliche Projektförderung fahren selbst renommierte Universitätskliniken vor die Wand. Die Kliniksubstanz wird an einen Großinvestor für ein 'Taschengeld' verramscht, der wiederum mit Personal-, Gehalts- und Betriebsmittel- Kürzungen reagiert, um schnellstens den 'break-even-point' zu erreichen. Danach werden die Gewinnerwartungen der Aktien- und Anteilseigner befriedigt.

Die Mitarbeiter- und Patienteninteressen, Forschungs- und Entwicklungsziele, humane Medizin und Gesundheitsförderung werden zu Gunsten kurzfristiger Kapitalverwertungsinteressen über Bord geworfen. Wer oder Was nicht passt, wird passend gemacht. Dafür hat man schließlich Politiker und Entscheidungsträger auf seine Seite gezogen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas H. Schätzler, FAfAM Dortmund


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