Ärzte Zeitung online, 02.11.2011

Keime an Bremer Klink: Drei tote Frühchen

Am Klinikum Bremen-Mitte sind drei Frühchen gestorben, weil sie sich offenbar mit resistenten Keimen infiziert haben. Von der Quelle haben die Ärzte keine Spur. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Kritik am Klinikmanagement wird laut.

Drei Frühchen im Klinikum Bremen gestorben

Frühgeborenenstation am Klinikum Bremen: Drei Säuglinge sind gestorben.

© Ingo Wagner / dpa

BREMEN (nös). Im Klinikum Bremen-Mitte hat es einen ernsten Zwischenfall gegeben: Drei Frühchen sind gestorben - offenbar an ESBL-Keimen. Ermittler sind vor Ort, die Staatsanwaltschaft hat sich eingeschaltet.

Der Gesundheitsstaatsrat Joachim Schuster von der SPD bestätigte am Abend auf einer Pressekonferenz den Tod von drei Frühchen - zwei Jungen und ein Mädchen.

Das erste Kind war laut Diethelm Hansen, Geschäftsführer des Klinikbetreibers Gesundheit Nord, Ende Juli auf der Neugeborenenstation der Klinik erkrankt und am 8. August gestorben.

Auslöser sollen ESBL-bildende Klebsiella sein

Ein zweiter Fall sei im September ausgetreten, das Kind starb am 16. Oktober. Am 27. Oktober starb der dritte Säugling. Alle Kleinkinder hätten nicht mehr als 1000 Gramm gewogen.

Auslöser der Todesfälle sollen Klebsiella sein, die Extended-Spectrum-β-Lactamasen (ESBL) bilden. Zunächst hieß es, die Ursache könnten verunreinigte Nährlösungen sein.

Von offizieller Seite gibt es bislang jedoch keine Klarheit über die Eintrittspforte: "Wir kennen leider nicht die Quelle der Infektion", sagte Staatsrat Schuster. Menschen kämen ebenso in Betracht wie Gegenstände.

Insgesamt 15 Kinder infiziert

Klinikchef Hansen: "Wir stehen an einem Punkt, an dem wir noch nicht endgültig wissen, ob wir das Problem im Griff haben."

Insgesamt sollen 15 Frühgeborene infiziert sein, bei sieben von ihnen entwickelte sich ein pathologischer Verlauf, darunter die drei Kinder, die später starben.

Die Neonatologie mit 16 Betten wurde geschlossen und ein Aufnahmestopp für neue Patienten verhängt. Derzeit sind am Klinikum noch zehn infizierte Säuglinge, von denen vier erkrankt sind.

Die Staatsanwaltschaft hat derweil die Ermittlungen aufgenommen. Ärzte der Klinik wurden bereits am Mittwochnachmittag als Zeugen vernommen. Weitere Zeugen hat die Polizei einbestellt. Allerdings: Die Ermittler haben von den Zwischenfällen offenbar erst aus der Presse erfahren.

RKI hilft bei der Ermittlung der Quelle

Bei der Ursachensuche sollen Experten des Robert Koch-Instituts (RKI) helfen. Das RKI bestätigte am Abend gegenüber der "Ärzte Zeitung", dass es eine "Einladung" aus Bremen gegeben habe.

Das Institut wird allerdings nicht hoheitlich tätig, sondern steht den lokalen Behörden beratend und unterstützend zur Seite. Zuständig sind die Behörden vor Ort.

"Wir sind mit unserem Latein am Ende gewesen. Wir haben die Quelle nicht gefunden", sagte die Pflegedienstleiterin Daniela Wendorff am Abend. Schließlich seien die Experten des RKI hinzugebeten worden.

Kritik von allen Seiten an der Klinik

Die Kommunikation der Klinik ist bereits am Mittwoch heftig in die Kritik geraten. Aus dem Gesundheitssenat hieß es, man sei erstaunt über die Informationspolitik der Klinik. Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) kündigte im "Weser-Kurier" an: "Das hat noch Konsequenzen anderer Art."

Bei der Polizei zeigte man sich irritiert über die schnell einberufene Pressekonferenz. Gegenüber "Radio Bremen" sagte ein Polizeisprecher: "Eigentlich hätten wir vorher informiert werden müssen."

Die Bremer Grünen-Politikerin Dr. Kirsten Kappert-Gonther forderte eine restlose Aufklärung: Sie wolle wissen, "ob sich tatsächlich schon im August ein Todesfall ereignet hat und wer diese Information zurückgehalten hat". Sollte sich das bewahrheiten, müsse es Konsequenzen haben. In Bremen regiert die SPD zusammen mit den Grünen.

Lückenlose Aufklärung gefordert

Auch die oppositionelle CDU forderte eine lückenlose Aufklärung der Vorfälle. "Es ist das Schlimmste, was Eltern nach der Geburt eines Kindes passieren kann", sagte der gesundheitspolitische Sprecher der Partei, Rainer Bensch.

Und weiter: "Sollten zwei Kinder wirklich bereits im August gestorben sein, dann ist dies eine grobe Verletzung der Informationspflicht durch die Gesundheitssenatorin."

Diese gibt die Kritik an die Klinikleitung weiter. "Spätestens im Oktober nach Wiederausbruch hätte man mich (...) informieren müssen", sagte Jürgens-Pieper.

Erinnerungen an den Fall in der Uniklinik Mainz

Der Bremer Frühchentod erinnert an den Fall der Uniklinik Mainz. Dort starben im Sommer 2010 drei Frühchen, insgesamt elf Kleinkinder waren erkrankt. Die Frühchen waren in vielen Fällen bereits zuvor wegen schweren Erkrankungen behandelt worden.

Auslöser in Mainz waren verunreinigte Parenteralia, die patientenindividuell in der Krankenhausapotheke hergestellt wurden.

Ermittler konnten damals eine beschädigte Flasche mit einer Aminosäurelösung für die Zubereitung der Infusionen als mögliche Quelle der Einschleppung ausmachen.

Der Bonner Hygieniker Professor Martin Exner konnte später eine extrem hohe Belastung mit Enterobacter cloacae und Endotoxinen nachweisen.

Nach einem Jahr Ermittlungsarbeit schloss die Staatsanwaltschaft Anfang August ihre Akten ohne Anklage. Weder Klinikmitarbeitern noch anderen, etwa Zulieferern der Apotheke, seien Vorwürfe zu machen.

Auch Vorfall in Passau

Zu einem ähnlichen Fall wie jetzt in Bremen kam es zudem Anfang Oktober in Passau. Dort hatten sich an der Kinderklinik vier Säuglinge ebenfalls mit ESBL-Bildnern infiziert. Ein Frühchen starb an den Folgen der Erkrankung.

Bei acht weiteren Babys wurde der Erreger zwar auf der Haut nachgewiesen, sie seien aber gesund.

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