Ärzte Zeitung, 06.11.2011

Hintergrund

Bremer Frühchentod: Weiterhin viele offene Fragen

Die Todesfälle der drei Frühchen im Bremer Klinikum Mitte werfen auch viele tiefgründige Fragen auf: Kämpfen die Kliniken entschlossen genug gegen Frühgeburten? Steht der Fall in Zusammenhang mit den Anreizen oder der Zusammenlegung der Neonatologien? Auch ungeklärt ist noch immer die Infektionsquelle.

Von Christian Beneker

Frühchentod: Weiterhin viele offene Fragen

Die Neonatale Intensivstation des Klinikums Bremen-Mitte: Was die Quelle für die Infektionen ist, die drei Frühchen das Leben kostete, ist noch immer nicht geklärt.

© Ingo Wagner / dpa

Kämpfen die Kliniken entschlossen genug gegen Frühgeburten? Sind die drei Bremer Frühchen im Bremer Klinikum Mitte (KBM) eines natürlichen Todes gestorben? Viele Fragen gibt es rund um den Tod der Frühchen in Bremen.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt weiter. Der Auslöser für die Infektionswelle konnte bislang nicht gefunden werden.

Jede Frühchen-Behandlung notwendig?

Gleichzeitig werden Zweifel laut, ob wirklich jede Frühchen-Behandlung notwendig ist.

Der Bremer Sozialwissenschaftler Bernhard Braun vom Zentrum für Sozialpolitik hat jetzt größere Anreize für Kliniken gefordert, die Geburten bei Frauen mit Hochrisiko-Schwangerschaften so weit wie möglich hinaus zu schieben.

Braun: Falsche Anreize?

Es gebe mit 130.000 Euro pro Fall zwar einen großen Anreiz, Frühgeborene zu versorgen, und je jünger die Frühchen sind, umso höher die Vergütung, sagte Braun. "Es gibt aber seit Jahren Debatten darüber, ob der Anreiz, bis zu 150.000 Euro für einen Fall auszugeben, ein falscher ist", so Braun zu "Radio Bremen".

Es sei sinnvoller, "Krankenhäusern Anreize zu verschaffen, Kinder so lang wie möglich im Mutterleib zu halten, denn es ist nachgewiesen, dass mit fast jeder Stunde und jedem Tag, den die Frühchen länger im Mutterleib sind, ihre Gesundheits- und Überlebenschancen wachsen."

Es gebe aber für die Kliniken "zu wenig Mittel, um darum zu kämpfen", so Braun.

Hansen: Finanzielle Erwägungen spielen keine Rolle

Dr. Diethelm Hansen, Chef der Bremer Klinik-Holding "Gesundheit Nord", zu der das KBM gehört, widerspricht dieser These. Die Gefahr des Rosinenpickens sehe er bei der Versorgung von Hochrisiko-Schwangeren und Frühchen nicht.

"Es gehört zu unseren Qualitätszielen, die Geburten bei Hochrisikoschwangeren möglichst lange hinaus zu schieben. Und wenn dann trotzdem extrem früh entbunden wird, dann gibt es vielleicht mal 240.000 Euro für die Versorgung, aber wir haben das Kind dann auch bis zu 90 Tagen behandelt", so Hansen.

"Ich kann mich nicht erinnern, dass je eine finanzielle Erwägung bei der Versorgung von Frühchen eine Rolle gespielt hätte."

Drei Neonatologien zusammengelegt

Die Station, auf der drei Kinder am Keim Klebsiella pneumonia gestorben sind, ist nach einer Holding-internen Zusammenlegung dreier Neonatologien übrig geblieben.

Bis Ende 2010 gab es in den vier Häusern der "Gesundheit Nord" (Geno) drei LeveI-eins-Neonatologien: im Klinikum Links der Weser (LdW), dem Klinikum Bremen Nord (KBM) und im Klinikum Bremen Mitte (KBM).

Sie wurden Ende vergangenen Jahres im KBM als 16-Betten-Station vereint. Seit Jahren fährt die Geno einen strikten Sparkurs, in dessen Zusammenhang die Level-eins-Neonatologien zusammengefasst wurden.

Jährlich werden in Bremen 80 bis 100 Frühchen versorgt

Hat die Fusion der Versorgungsqualität geschadet? "Es gibt zumindest Hinweise darauf, dass die Behandlungsqualität bei höheren Fallzahlen besser sein soll", begründete Hansen die Konzentration der Behandlung Bremer Frühchen unter 1500 Gramm in der Frauenklinik des KBM.

"Es gibt insgesamt sehr wenige solcher Frühchen, und man kann ihre Behandlung gut in einer Einheit zusammenführen. Man erhält so natürlich effizientere, besser ausgelastete Einheiten", sagte der Geno-Chef.

Die beiden anderen Stationen seien nicht ausgelastet gewesen. In Bremen werden laut Hansen jährlich 80 bis 100 Frühchen versorgt.

Kritik an der Informationspolitik

Unterdessen ist Kritik der Bremer Staatsanwaltschaft an der Informationspolitik von Behörde und Klinikum laut geworden.

"Es ist schwer nachzuvollziehen, warum die Ärzte auf den Totenscheinen der Kinder einen natürlichen Tod angekreuzt haben", sagte Frank Passade, Sprecher der Staatsanwaltschaft, zur "Ärzte Zeitung".

Behörde und Klinik hätten selber auf die "Serie von Infektionen" hingewiesen. "Ich denke, man kann hier nicht mehr von natürlichen Todesursachen sprechen", so Passade.

Aus dem Radio vom Vorfall erfahren

Hintergrund seiner Kritik ist der Umstand, dass die Staatsanwaltschaft erst aus dem Radio von den toten Frühchen erfahren hatte und daraufhin die Ermittlungen aufgenommen hat.

Sie ermittelt seit Dienstag gegen Unbekannt wegen fahrlässiger Tötung. Laut Paragraf 159 der Strafprozessordnung müssen unnatürliche Todesfälle der Staatsanwaltschaft gemeldet werden.

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