Ärzte Zeitung online, 10.01.2012

Ärzte an kommunalen Kliniken setzen auf Streik

Die Fronten sind verhärtet - jetzt droht den 600 kommunalen Kliniken der Ärztestreik. Bei einer Urabstimmung hat sich die klare Mehrheit der Ärzte dafür ausgesprochen. Schon bald könnten 50.000 Ärzte in den Arbeitskampf treten.

Kommunalen Kliniken droht Ärztestreik

Warnstreik an der Uniklinik: Dieses Bild könnte bald vielen kommunalen Kliniken drohen.

© Tobias Kleinschmidt / dpa

BERLIN (dpa). Klinikpatienten müssen sich auf einen flächendeckenden Ärztestreik an den rund 600 kommunalen Kliniken in Deutschland einstellen.

In einer Urabstimmung votierten 92,7 Prozent der Mitglieder des Marburger Bundes in diesen Krankenhäusern für den Ausstand. Das teilte die Ärztegewerkschaft am Dienstag in Berlin mit.

Gewerkschaftschef Rudolf Henke sagte, er erwarte den Streikbeginn der rund 50.000 Ärzte am 26. Januar. Die ausstehende Entscheidung der großen Tarifkommission der Ärztegewerkschaft am Dienstagabend galt als Formsache.

Die Tarifgespräche mit den Arbeitgebern über höhere Gehälter und bessere Arbeitsbedingungen waren Anfang Dezember gescheitert. "Die Ärztinnen und Ärzte sind entschlossen, ihren Forderungen größtmöglichen Nachdruck zu verleihen", sagte Henke.

Arbeitgeber wollen nur 1,48 Prozent mehr geben

Die Ärztegewerkschaft fordert sechs Prozent mehr Gehalt, eine bessere Bezahlung der Bereitschaftsdienste sowie eine Reduzierung dieser Dienste auf maximal vier pro Arzt und Monat.

Die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeber (VKA) hatte eine Erhöhung im Rahmen der Krankenhaus-Budgetsteigerung von 1,48 Prozent für 16 Monate sowie eine Einmalzahlung von 250 Euro angeboten. Die weitaus meisten kommunalen Krankenhäuser gehören zum Bereich der VKA an.

"Die Rechnung der Arbeitgeber geht völlig an der Realität vorbei", sagte Henke. Die Krankenhäuser hätten in den ersten drei Quartalen 2011 einen Erlöszuwachs von 4,2 Prozent erzielt.

Die Gewerkschaft warf den Arbeitgebern vor, klare Festlegungen für verlässliche Arbeitszeiten zu scheuen. 55 Prozent der Ärzte in kommunalen Kliniken leisteten pro Monat durchschnittlich fünf bis neun Bereitschaftsdienste.

VKA-Hauptgeschäftsführer Manfred Hoffmann entgegnete, das Ergebnis der Urabstimmung sei wenig überraschend gewesen. "Wir sind bereit, wieder in die Verhandlungen einzusteigen", sagte er.

Unterstützung vom Hartmannbund

"Jetzt geht es darum, dass wir uns schnell wieder zusammensetzen", sagte Hoffmann in Berlin. Die Rechnung des Marburger Bundes habe keine Grundlage: Zwar hätten die Kliniken mehr Behandlungsfälle verzeichnet, doch damit sei auch der Aufwand gestiegen.

Hoffmann rief die Ärztegewerkschaft dazu auf, ähnlich wie mit der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) zu verfahren. Im November hatten sich beide Seiten in letzter Minute über einen Tarifvertrag für die Mediziner an den Unikliniken geeinigt und einen bereits beschlossenen Ausstand verhindert.

Unterstützung erhielt der MB vom Hartmannbund (HB). Die Entscheidung für einen Streik sei "die logische Konsequenz aus dem geradezu absurden und inakzeptablen Tarifangebot der VKA", kommentierte der HB-Vorsitzende Dr. Klaus Reinhardt das Ergebnis der Urabstimmung.

Sechs Prozent mehr Gehalt und eine bessere Planbarkeit und Bezahlung von Bereitschaftsdiensten seien "eigentlich eine Bringschuld der Kliniken und nichts, was man sich erbitten oder erstreiken muss", so Reinhardt.

Das Angebot der VKA in Höhe von 1,5 Prozent könne lediglich als Ohrfeige empfunden werden.

[11.01.2012, 19:56:39]
Dr. Edgar Remmel 
Die Kliniken müssen die Einnahmesituation verbessern und nicht bei den Gehältern sparen
Die Grundlage der DRG Berechnungen für die Kliniken waren die Personalkosten aus einer Zeit als hunderte von Überstunden pro Jahr und ärztlichen Mitarbeiter ohne Dokumentation und erst Recht ohne Bezahlung erbracht wurden.
Das rächt sich natürlich heute, wo die Kollegen sich leisten können halbwegs auf Einhaltung der Arbeitszeiten zu pochen. für die gleiche Arbeit müssen mehr Planstellen geschaffen werden.
Nur wenn die ärzlichen Gehälter wieder attraktiv werden wird sich der Drop out au der therapeutischen Medizin oder ins Ausland bremsen lassen.
So muss die Krankenhausfesellschaft dafür sorgen die DRG auf den Grundlagen der wirklich erbrachten Arbeitszeit neu zu berechnen, dann ist auch das Geld da vernünftige Gehälter zu bezahlen.
Das Runtergeschaere der kostenträger führt zu einem Ausbluten der Kliniken wie wir es von England her kennen.
England kann sich aber mit gut ausgebildeten Deutschen den Wiederaufbau der klinischen Versorgung leisten.
Von den 18.000 im Ausland tätigen Ärzten könnte man sicher genügend zurückholen wenn vernünftige Gehälter gezahtl würden. Dazu gehören aber kräftige Lohnzuschläge in den nächsten Jahren um die Verzichtsjahre der Vergangenheit zu kompensieren.
Eine Gesellschaft zerstört sich die medizinische Versorgung wenn der Chef der Herzchirurg an der Uni weniger verdient als der Sparkassendirektor und der Oberarzt eines operativen Faches weniger als ein Filialleiter. zum Beitrag »
[10.01.2012, 20:39:21]
Dipl.-Med Wolfgang Meyer 
Eine andere Sprache verstehen Arbeitgeber nicht!
Es kann nicht die Aufgabe der Ärzte sein, für die vielleicht wirtschaft-
liche Problemsituation mancher Krankenhäuser Verständnis zu haben und Lohnverzicht zu üben. Zum Glück hat sich die Personalsituation in den letzten Jahren so geändert, daß berechtigte Forderungen auch geäußert werden können. Es bleibt zu hoffen, daß der zu erwartende Arbeitskampf nicht zum Ritual verkommt. Klar ist, daß es immer noch genügend Ärzte bei
öffentlichen Arbeitgebern gibt, die nicht so behandelt und bezahlt werden,
wie sie es gemäß ihrem Engagement eigentlich müßten. Zu wünschen ist, daß sich auch die anderen Berufsgruppen in den Krankenhäusern zu Wort melden, besonders auch die Mitarbeiter in ausgegründeten Servicegesellschaften dem
Lohndumping im Krankenhaus den Kampf ansagen! zum Beitrag »

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