Ärzte Zeitung, 08.03.2012

Kliniken buhlen um qualifizierte Ärztinnen

Mit Konzepten für die Work-Life-Balance buhlen Kliniken um qualifizierte Ärztinnen

Deutsche Kliniken spüren längst, dass die Medizin weiblicher wird. Um auch künftig qualifizierte Mitarbeiter zu bekommen und zu halten, setzen sie daher auf familienfreundliche Förderprogramme und Mentoring-Netze.

Von Rebekka Höhl

NEU-ISENBURG. Das Thema Frauen- und Familienförderung ist in den Kliniken angekommen. Vor allem die privaten Klinik betreiber versuchen, sich mit kreativen Work-Life-Balance-Konzepten attraktiv für qualifizierte Ärztinnen zu machen. In leitenden Positionen sind Medizinerinnen aber nach wie vor eher selten zu finden.

Die Statistiken sprechen eine eindeutige Sprache: Nicht einmal zehn Prozent der leitenden Ärzte an hessischen Krankenhäusern sind Frauen. So zumindest sieht die Datenlage beim Hessischen Statistischen Landesamt für 2010 aus.

Bei den Oberärzten zählten die Statistiker unter den 2077 Stelleninhabern immerhin schon über ein Viertel Frauen. Auch in den privaten Kliniken sind Frauen in den Führungsetagen bislang rar.

Gerade einmal sieben Prozent der Chefärzte bei Helios seien weiblich, berichtet Karin Gräppi, Helios Konzerngeschäftsführerin Personal (CLO).

"Damit sind wir aber nicht zufrieden und arbeiten daher mit verschiedenen Programmen daran, diesen Wert zu steigern." Bei den Oberarzt-Posten kämen Ärztinnen auf 31 Prozent.

Mehr als 50 Prozent Frauen in der Wandsbeker Führungsspitze

Bei Vivantes sind von 93-Chefarzt-Posten zwölf von Ärztinnen besetzt (13 Prozent). Zudem ist ein Fünftel der leitenden Oberärzte weiblich, bei den Oberärzten sind es 39 Prozent.

Dabei arbeiten von den 198 Oberärzten elf Männer und 16 Frauen in Teilzeit, wie der Klinikkonzern mitteilt.

Asklepios kann zwar keine Zahlen für all seine Häuser nennen. Eine Stichprobe aus der Asklepios Klinik Wandsbek (aus Mitte 2010) zeigt aber, dass der Konzern auf gutem Wege ist: Dort seien nämlich 39 von 73 Führungspositionen von Frauen besetzt, so die Klinik-Gruppe.

Und was die Wenigsten wüssten, so Mathias Eberenz, Konzernbereich Unternehmenskommunikation & Marketing bei Asklepios: In Hamburg befinde sich mit Asklepios proresearch die größte Einrichtung für klinische Forschung und Entwicklung in Deutschland.

Und: sie werde von einer Frau geführ: Cornelia Wolf. Die Einrichtung arbeite weltweit für mehr als 100 Auftraggeber und sei an über 180 multinationalen Studien beteiligt.

Doch wie sieht es an den Unikliniken aus? Knapp ein Viertel der weiblichen Kolleginnen innerhalb der Ärzteschaft der Universitätsmedizin Mainz seien Oberärztinnen, sagt Barbara Reinke, Pressereferentin der Universitätsmedizin Mainz.

Der Anteil der Leitenden Ärztinnen betrage rund zehn Prozent. Außerdem seien von den 107 an der Universitätsmedizin tätigen Professoren zwölf Frauen.

Persönliche Berater helfen bei der Karriereplanung

Zahlen, mit denen sich nicht nur Helios nicht mehr zufrieden gibt. Denn die Medizin wird erkennbar weiblich. "57 Prozent der Assistenten bei Vivantes sind weiblich. Bei den Fachärzten ist das Verhältnis 50:50", berichtet Ina Colle, Ressort Change-Management/Personalentwicklung bei Vivantes.

Und auch die Hessischen Landesstatistiker melden, dass 2010 in den hessischen Krankenhäusern rund 58 Prozent der Assistenten im ersten Weiterbildungsjahr Frauen waren. Bei den Asklepios Kliniken in Hamburg waren 2011 ebenfalls knapp 54 Prozent der Neu-Einsteiger im ärztlichen Dienst weiblich.

Dabei setzen die Klinikträger auf gleich mehrere Wege der Förderung. Zum Standard gehören mittlerweile Mentoring-Programme für Ärztinnen. Bei Helios ist es ein Mentorinnen-Netzwerk, das den Austausch zwischen jungen und erfahrenen Medizinerinnen fördert.

Vivantes veranstaltet seit 2011 eigens Karriereworkshops für Ärztinnen. Zusätzlich nimmt der Klinik-Konzern nach eigenen Angaben derzeit an einem Cross Mentoring Programm des KAV (Kommunaler Arbeitgeberverband) teil, das unternehmensübergreifend aufgebaut werden soll.

Und der Konzern versuche, im Rahmen der Nachfolgeplanung gut ausgebildete und qualifizierte Ärztinnen im Unternehmen zu halten und zu fördern, sagt Colle. Die Universitätsmedizin Mainz hingegen setzt auf das Edith Heischkel-Mentoring Programm.

Das Programm beinhaltet One-to-one-Mentoring, bei dem Nachwuchswissenschaftlerinnen über ein Jahr durch erfahrene Mentoren aus Wissenschaft oder Industrie persönlich begleitet werden.

Ergänzt wird das Programm durch Coachings in Sachen Kommunikation und Führungsverantwortung und einem Networking mit weiteren Wissenschaftlerinnen.

Notfallservice für Ärztinnen mit Kind

Doch was, wenn die Familienplanung den Karriereweg durchkreuzt? Wie Colle erklärt, müssten sich Ärztinnen nach wie vor noch häufiger zwischen Karriere und Kindern entscheiden.

"Was unter anderem vielerorts an Betreuungsmöglichkeiten für Kinder liegt, aber auch an den Arbeitszeiten und -bedingungen im Krankenhaus. Vivantes unterstützt Mütter zum Beispiel durch Kids Mobil oder den geplanten Kindergarten."

Kids mobil

Seit 2006 bietet Vivantes seinen Mitarbeitern den kostenlosen mobilen Betreuungsservice "Kids mobil". Der Service kann von Eltern, die in der Klinik arbeiten, immer dann angefordert werden, wenn ohne Unterstützung der reibungslose Dienstablauf gefährdet wäre. Dazu zählt etwa, dass ein Arzt oder eine Ärztin kurzfristig für einen Kollegen einspringen muss, das eigene Kind krank wird oder der eigentlich vorgesehene Babysitter ausfällt. In solchen Notfallsituationen schickt die Klinik qualifizierte Betreuungskräfte direkt zu den Kindern nach Hause.

Kids mobil ist ein Notfallservice für unplanbare Einsätze von Ärzten mit Kindern. Hierbei übernehmen geschulte Fachkräfte die Notfallbetreuung der Kinder, und zwar zu Hause bei den Kindern.

Für Ärztinnen gibt es laut Colle aber noch eine Hürde: Weil sie, wenn sie nach der Geburt eines Kindes in Teilzeit arbeiteten, in der Regel auch länger bis zur Erreichung des Facharztes bräuchten, würden die männlichen Kollegen nach wie vor schneller die höheren Gehaltsgruppen erreichen.

Immerhin, an Teilzeitmodellen - vor allem familienfreundlichen - scheint es in den Kliniken nicht mehr zu mangeln. Von der klassischen 50- oder 75-Prozent-Stelle über tageweises Arbeiten bis hin zu Kombi Modellen zwischen Mutter und Vater bieten die Kliniken mittlerweile das ganze mögliche Spektrum.

"Gerade in den kleinen Kliniken gibt es auch Modelle, wo ein Paar im Jobsharing arbeitet. Oder zwei Frauen teilen sich eine Stelle und organisieren die Kinderbetreuung gemeinsam", sagt Gräppi.

Dabei weist Gräppi darauf hin, dass es gar nicht mehr nur die Mütter, sondern immer mehr Männer sind, die in Teilzeit arbeiten. Bei Helios ist die Teilzeitquote von 12 Prozent in 2010 auf 14 Prozent in 2011 gestiegen.

Im gleichen Zeitraum sei die Teilzeitrate bei den Männern wesentlich stärker angestiegen als bei den Frauen. Vor allem den männlichen Führungskräften müsse klar gemacht werden, dass auch immer mehr Männer in Elternzeit gingen und dies "selbstverständlich" sei.

Der Klinik-Konzern will Familienfreundlichkeit daher von oben her vorleben. "Das Thema, wie bekomme ich Privatleben, Familie und Job unter einen Hut, geht alle etwas an", so Gräppi.

In Führungskräfteseminaren würde daher nicht nur gezeigt, wie man bei seinem Team auf eine gute Work-Life-Balance achte, sondern auch, wie wichtig es sei, mit gutem Beispiel voran zu gehen.

Kreativität bei der Kinderbetreuung

Bei der Frage der Kinderbetreuung scheinen die privaten Kliniken den Krankenhäusern in öffentlicher oder gemeinnütziger Trägerschaft um einiges voraus zu sein.

Eine gemeinsame Umfrage der Landesärztekammer (LÄK) Hessen und der Hessischen Krankenhausgesellschaft (HKH) in 2011 zeigte, dass von 114 antwortenden Krankenhäuser nur 14 eine betriebseigene Kinderbetreuungseinrichtung vorhielten.

Davon hatte keine Einrichtung an Sonn- und Feiertagen geöffnet. Weitere 17 Häuser boten Belegplätze in kooperierenden Kindertagesstätten an.

Zwar hält auch Asklepios nicht an allen Klinikstandorten eigene Kitas vor, aber der Klinik-Konzern hat allein im vergangenen Jahr rund drei Millionen Euro in die Sanierung und den Ausbau seiner Kitas investiert. Das Unternehmen bietet zudem Online-Weiterbildungsmodule, um Ärztinnen und Ärzte auch während der Elternzeit fachlich fit zu halten.

Von den 65 Helios-Kliniken haben 13 ein eigenes Kinderbetreuungsangebot, in denen derzeit 300 Mitarbeiter-Kinder betreut werden. Zwei Kitas wurden erst kürzlich neu in Plauen und Siegburg eröffnet.

Wie Gräppi berichtet, unterstütze der Konzern den Aufbau neuer Kitas und halte hierfür sogar einen vom Unternehmen entwickelten Leitfaden vor.

Und Vivantes hat neben dem Kids mobil Kooperationsvereinbarungen mit verschiedenen Trägern von Kinderbetreuungseinrichtungen und kann so ein Kontingent von Betreuungsplätzen für Kinder ab acht Wochen bis hin zum Schuleintritt zur Verfügung stellen. Zudem plant Vivantes eine Kita mit erweiterten Öffnungszeiten mit einem Kooperationspartner an einem Vivantes Standort.

Aber auch die Universitätsmedizin Mainz hat in Sachen Kinderbetreuung einiges zu bieten: "Wir belegen eine städtische Einrichtung, haben einen Betriebskindergarten - in Trägerschaft eines Vereins - und sind seit gut einem Jahr Träger einer eigenen Einrichtung für Kinder bis drei Jahre, den Unimediminis", sagt Reinke. Die Öffnungszeiten seien teilweise verlängert oder dem Schichtdienst angepasst.

Letzteres war auch einer der kritischen Punkte in der Umfrage von LÄK und HKG Hessen: In den meisten Betrieben würden die Öffnungszeiten zwischen 16:00 Uhr und 17:30 enden, hieß es. Nur zwei Krankenhäuser hatten angegeben, Kinder bis 20:40 Uhr bzw. 22:00 Uhr betreuen zu können.

Die Asklepios Kliniken (Gruppe) sind zudem 2011 als erster Gesundheitskonzern dem Unternehmensnetzwerk "Erfolgsfaktor Familie" beigetreten. Es dient als Plattform für den Erfahrungsaustausch rund um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ziel ist es, dadurch qualifizierte und erfahrene Mitarbeiter zu halten.

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