Ärzte Zeitung online, 07.08.2012

Social Media

Deutsche Kliniken oft offline

Während sich niederländische und britische Kliniken gerne in sozialen Netzwerken tummeln, nutzen deutsche Kliniken - im europäischen Vergleich - die sozialen Medien bislang zögerlich. Mit einer Ausnahme: Zwei Drittel der deutschen Häuser sind bereits bei Facebook aktiv.

Deutsche Kliniken hinken bei Social Media noch hinterher

Soziale Netzwerke: Die Kliniken in der Bundesrepublik haben noch Potenzial.

© pearleye / iStockphoto

NEU-ISENBURG (reh). Soziale Medien wie Facebook, Twitter und Co sind längst auch im Gesundheitswesen präsente Kommunikationsmittel. Doch wie stark nutzen etwa Kliniken die neuen Medien?

Dieser Frage sind niederländische und britische Forscher nachgegangen. Insgesamt 873 Kliniken aus zwölf westeuropäischen Ländern beobachteten die Forscher in Sachen Social-Media-Präsenz und -Nutzung.

Das Ergebnis: Vor allem niederländische und britische Kliniken machen von den neuen Medien gerne Gebrauch. Während deutsche Kliniken noch zurückhaltend sind.

Die Forscher der Radboud University Nijmegen und der University of Southampton sammelten in drei Perioden zwischen April 2009 und July 2011 Daten zu 873 Kliniken mit einer Mindestzahl von 200 Betten (Van de Belt TH, Berben SAA, Samsom M, Engelen LJ, Schoonhoven L; Use of Social Media by Western European Hospitals: Longitudinal Study; J Med Internet Res 2012;14(3):e61).

Zusätzlich mussten die Kliniken über eine eigene Website verfügen. Dabei wurden Häuser aus folgenden Ländern in die Langzeitstudie aufgenommen: Niederlande, Belgien, Luxemburg, Deutschland, Österreich, Schweiz, Großbritannien, Irland, Norwegen, Schweden, Finnland und Dänemark.

Youtube wird gerne eingesetzt

Beobachtet wurde die Nutzung von YouTube, Twitter, Facebook, LinkedIn und von Webblogs.

Was auffällt: Die Nutzung der sozialen Medien nahm im Laufe der Studie in allen Ländern zu. Den drastischen Anstieg gab es bei Facebook, hier waren im letzten Prüfzeitraum - also von April bis Juni 2011 67 Prozent aller untersuchten Kliniken präsent.

Während es im zweiten Prüfzeitraum (August bis Dezember 2010) nur zehn Prozent waren. Bei YouTube legte die Nutzerquote zwischen dem ersten (April bis August 2009) und letzten Prüfzeitraum von zwei auf 19 Prozent zu.

Insgesamt fanden die Forscher in zehn Ländern YouTube-Accounts von Kliniken. Spitzenreiter waren die Kliniken in den Niederlanden, hier verfügten 38 Prozent über einen eigenen YouTube-Account.

Rang zwei belegte Großbritannien, wo 35 Prozent der untersuchten Kliniken YouTube aktiv nutzen.

In Schweden waren es fast ein Viertel der Kliniken, während nur 15 Prozent der deutschen Kliniken das Video-Portal nutzen. Damit belegt Deutschland Rang sechs. Im Schnitt hatte eine Klinik zwischen April und Juni 2011 sieben Videos auf YouTube eingestellt.

In acht Ländern wurde auch Twitter von den Kliniken genutzt. Wobei sich wieder zeigt: Vor allem niederländische Kliniken setzen auf die schnelle Kommunikation via Tweeds.

Immerhin 56 Prozent der niederländischen Kliniken hatten einen Twitter-Account, bei den Norwegern waren es 47 Prozent der Kliniken und bei den Briten 39 Prozent.

Niederlande Schlusslicht bei Facebook

Deutsche Kliniken hingegen scheinen mit Twitter noch nicht so viel anfangen zu können, denn nur sieben Prozent der untersuchten Häuser konnten einen Twitter-Account vorweisen.

Die durchschnittliche Zahl an sogenannten Followers - also Personen, die den Nachrichtenpfaden auf Twitter folgen - je Klinik lag im Frühjahr 2011 bei 271. Eine Klinik habe es sogar auf über 3300 Follower geschafft, schreiben die Studienautoren.

Interessanter wird das Bild, wenn es um die Nutzung von Facebook geht. Tatsächlich in allen zwölf Ländern fanden die Forscher Facebook-Accounts der untersuchten Kliniken.

Dabei bilden ausgerechnet die Social-Media-affinen niederländischen Kliniken mit 15 Prozent das Schlusslicht. Das erklären die Studienautoren damit, dass es in den Niederlanden mit Hyves ein länderspezifisches sehr etabliertes soziales Netzwerk gibt.

Und diese nationalen sozialen Netze, so die Forscher, hätte man in der Studie nicht mit aufgenommen.

Die meisten Klinik-Facebook-Accounts zählten die Forscher in Großbritannien (93 Prozent der Kliniken), Norwegen und Dänemark (mit je 88 Prozent der Kliniken) und Österreich (84 Prozent der Kliniken). Aber auch in Deutschland sind fast 67 Prozent der Kliniken auf Facebook aktiv.

Auf LinkedIN sind deutsche Kliniken hingegen kaum zu finden, nur drei Prozent haben ein Profil auf dem Portal. Wohingegen mehr als jede zweite britische Klinik und 81 Prozent der niederländischen Kliniken auf dem Portal vertreten sind.

Großen Nachholbedarf hätten alle Kliniken bei der Verlinkung ihrer Social-Media-Profile mit der eigenen Klinikwebsite, berichten die Studienautoren.

Lediglich eine der 873 untersuchten Kliniken hätte etwa einen Direktlink zu ihrem LinkedIN-Profil gesetzt. Und gerade einmal fünf Kliniken hätten Links zu ihren YouTube-Auftritten gesetzt.

Beim Thema Webblog halten sich übrigens alle Kliniken stark zurück: Insgesamt nutzen nur drei Prozent der Kliniken aller Länder diese Form der Kommunikation.

Für Ärzte und Kliniken gelten strenge Regeln in sozialen Netzen

Social-Media-Accounts sind für Kliniken und Ärzte nicht ganz unproblematisch. Generell können Ärzte und Kliniken wie andere Freiberufler und Unternehmen auch für die Praxis oder klinische Einrichtung eigene Seiten in soziale Netzwerke wie Facebook einstellen.

Wichtig für Facebook- und ähnliche Seiten ist allerdings, dass eine solche öffentliche "Fan-Seite" prinzipiell wie eine Praxis- bzw. Klinik-Website behandelt wird. Das heißt, es gilt die Impressumspflicht gemäß Paragraf 5 Telemediengesetz (TMG). Dabei kann auch ein mit "Impressum" bezeichneter Link angelegt werden, der zum Impressum der eigenen Website führt.

Ein anderer wichtiger Punkt: Es dürfen keine Infos zu Patienten gepostet, getwittert oder als Video auf YouTube eingestellt werden. Denn Patientendaten unterliegen einem strengen Datenschutz und der ärztlichen Schweigepflicht. Verstöße gegen die Schweigepflicht können in Deutschland strafrechtliche Folgen haben. Auch stark verfremdete medizinische Fälle haben nichts in sozialen Netzen zu suchen.

Ärzte und Kliniken sollten auch darauf achten, dass Patienten selbst keine Krankengeschichten auf die Fan-Seite der Praxis oder Klinik stellen. Lässt sich dies technisch nicht unterbinden, sollte das Praxisteam oder Klinikpersonal solche Einträge sofort bei Sichtung löschen, damit daraus nicht später Vorwürfe gegen den Arzt bzw. die Klinik vorgebracht werden können.

Und natürlich gilt auch in sozialen Medien das Fernbehandlungsverbot.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Nutzen Antibiotika bei Dentaleingriffen?

Patienten mit Herzklappen-Ersatz haben nach zahnärztlichen Eingriffen womöglich ein erhöhtes Risiko für infektiöse Endokarditiden. Doch wie groß ist es und schützen Antibiotika? mehr »

"Die Haltung der Kassen ist irrational"

Die Vertragsärzte kauen schwer am schwachen Ergebnis der Honorarverhandlungen für 2018. Es sei fraglich, ob der aktuelle Mechanismus auf Dauer ein geeignetes Preisfindungsinstrument sei, so KBV-Chef Dr. Andreas Gassen. mehr »

Medizin vor Ökonomie - Kodex soll Prioritäten klarmachen

Medizinische Fachgesellschaften treten gegen die Ökonomisierung der Medizin an – mit einem Kodex. mehr »