Ärzte Zeitung, 22.10.2012

Mannheim

Eine Kinderklinik in Not

Probleme an der Uniklinik: In Mannheim ist offenbar die Versorgung an der Kinderklinik gefährdet. Niedergelassene Pädiater berichten von akuten Fällen, die an andere Kliniken verwiesen wurden. Das Problem heißt Personalnot.

Von Ingeborg Bördlein

Ärzte beklagen Zustände in Kinderklinik

Die Kinderklinik der Universitätsmedizin Mannheim: Wegen Einsparungen beim Personal müssten dort schwerkranke Kinder teils monatelang auf einen Termin warten, bemängeln niedergelassene Ärzte aus Mannheim.

© UMM

MANNHEIM. Kinder- und Jugendärzte in Mannheim und Umgebung schlagen Alarm. In einem offenen Brief an den Aufsichtsratsvorsitzenden des Klinikums, den Mannheimer Oberbürgermeister, und den Gemeinderat beklagen sie "Verschlechterungen in der Versorgung Mannheimer Kinder in der Universitätsklinik".

So würden stationär eingewiesene, zum Teil schwerkranke Kinder immer häufiger abgewiesen und Spezialambulanzen aufgegeben oder ausgedünnt.

Wegen des Personalmangels und hoher Fluktuation der Ärzte, müssten Kinder und deren Eltern teils monatelang warten. Die niedergelassenen Ärzte fürchten um den guten Ruf der Klinik.

150 Kinder mussten auf andere Kliniken ausweichen

"Uns geht es nicht darum, unsere klinischen Kollegen zu kritisieren", betonte die Sprecherin der 37 Unterzeichner, Dr. Annette Suhr-Wallem aus Mannheim. Im Gegenteil bestätigt sie eine gute Kooperation mit Klinikärzten und Klinikchef sowie die Wertschätzung für deren Arbeit.

Die Rahmenbedingungen in der Uni-Kinderklinik hätten sich aber seit zwei Jahren verschlechtert. Daher seien die Klinikkollegen nicht mehr in der Lage, noch eine gute Patientenversorgung zu leisten.

So mussten nach Schätzungen der Unterzeichner im letzten Winterhalbjahr etwa 150 akut erkrankte Kinder mit stationärer Einweisung aus Mannheim und Umgebung auf andere Kliniken wie Ludwigshafen oder Heidelberg ausweichen.

"Den Kollegen im kinderärztlichen Notdienst wurde gesagt, dass die Stationen voll seien", so Suhr-Wallem. Den eigentlichen Grund für die Abweisung sehen die Kritiker aber darin, dass wegen Ärztemangels nicht alle Betten belegt werden können.

Das bestätigte auch Klinikleiter Professor Horst Schroten im Südwestrundfunk: Mit dem vorhandenen Personal gehe man schon an die zumutbare Grenze. Er könne es medizinisch nicht verantworten, wenn ein unerfahrener Assistenzarzt eine voll belegte 30-Betten-Station alleine zu betreuen habe.

Einen Imageschaden für die Klinik und eine Versorgungslücke für die Patienten sehen die Kritiker auch darin, dass in den letzten Jahren Spezialambulanzen geschlossen wurden, etwa die Nephrologie und die Kardiologie.

Zwar stehe ein externer kardiologischer Facharzt viermal pro Woche halbtags für die stationäre Betreuung zur Verfügung, nicht aber für ambulante Patienten. In den anderen Spezialabteilungen wie der Endokrinologie/Diabetologie oder Kinderonkologie müssten lange Wartezeiten in Kauf genommen werden.

Kinderklinik behandelt 4500 Patienten pro Jahr stationär

Insgesamt beklagen sie aufgrund der dünnen Personaldecke eine hohe Fluktuation unter den klinischen Kollegen und dadurch häufig wechselnde kollegiale Ansprechpartner.

Erfahrene Kollegen verließen die Klinik schnell und unerfahrene müssten immer wieder neu eingearbeitet werden.

Auch die Notfallversorgung ist in den Augen der Kinderärzte nicht optimal gelöst. So würden Eltern mit ihren kranken Kindern, die das Klinikum aufsuchen, von einer Schwester an den notfallärztlichen Dienst außerhalb des Klinikums verwiesen, was zu Behandlungsverzögerungen in schwierigen Fällen führen könne.

Dazu erklärte ein Klinikumssprecher, dass eine gemeinsame Notdienstversorgung am Klinikum angestrebt werde.

Der Klinikträger kündigte "eine umfassende Bestandsaufnahme der Versorgungssituation" und Klinikumsgeschäftsführer Alfred Dänzer eine "vertiefte Analyse" an. Klinikumssprecher Klaus Wingen sagte der "Ärzte Zeitung", dass trotz rückläufiger Fallzahlen keine ärztlichen Stellen reduziert worden seien.

Die Kinderklinik versorge jährlich 4500 Patienten stationär, früher seien es auch schon mal 5000 gewesen.

Eine gewisse Fluktuation unter den ärztlichen Mitarbeitern an einem Uniklinikumliege in der Natur der Sache. Es sei nicht leicht, hoch qualifizierte Fachärzte der Spezialambulanzen rasch zu ersetzen.

Die niedergelassenen Ärzte machen vor allem wirtschaftliche Erwägungen für die Verschlechterung der Versorgung verantwortlich. Mit der Kinderklinik könne man nun mal keine guten Geschäfte machen, so Suhr-Wallem.

Indirekt bestätigt die Geschäftsführung diese Vermutung: Verluste in der Kinderklinik würden aus der Behandlung Erwachsener abgedeckt.

[23.10.2012, 12:26:27]
Thomas Fuchs 
Preis der Ökonomisierung des Medizinbetriebes 2
Dem kann ich nur beipflichten. Man sieht beispielhaft an den Uniklinika Gießen und Marburg, welche Auswirkungen es hat, wenn der medizinische Betrieb anlegerorientiert "optimiert" wird. Profite aus kranken Menschen schlagen zu wollen ist eine der Blüten der Privatisierung. Aber keine schöne. Insbesondere Uniklinika arbeiten nicht kostendeckend, weil geforscht und ausgebildet wird. Die Schlagzeilen sind voll davon (z.B. FAS vom 21.10.12 zum Teilchenbeschleuniger in HD).

Wenn der Geschäftsführer in Mannheim sagt, die ärztlichen Stellen seien idem, dann werden aber auch nur die Köpfe gezählt, nicht was drin ist. Ausbildung kostet, insbesondere Zeit, die Erfahrene mit Unerfahrenen verbringen und in welcher eben nichts erwirtschaftet wird. Und wie im Artikel beschrieben: Die Pädiatrie ist ohnehin Zuschussgeschäft.

Daneben sind es nicht nur die gut ausgebildeten ärztlichen Kollegen und Kolleginnen die fehlen, auch in der Pflege wird mit den Füßen abgestimmt.

Quo vadis, Medizin? Ich geh' woanders hin. zum Beitrag »
[23.10.2012, 11:57:06]
Dr. Knut Hollaender 
Preis der Ökonomisierung des Medizinbetriebes
Der Preis für die Ökonomisierung der Medizin erfordert es, dass nicht renditeträchtige Abteilungen geschlossen werden. Hüft- und Knieendoprothesen sowie Herzkatheter am Fließband rechnen sich halt besser als chronische erkrankte Kinder. zum Beitrag »

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