Ärzte Zeitung online, 23.01.2015

Uni Kiel

Keim bei elf Toten nachgewiesen

Am Campus Kiel des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) sind laut Medienberichten mehrere Menschen nach einer Infektion mit gefährlichen multiresistenten Keimen gestorben.

KIEL. Die Zahl der Kieler Patienten, die positiv auf den gegen viele Antibiotika resistenten Keim Acinetobacter baumannii getestet wurden, ist höher als bislang angenommen.

Laut Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) wurden bis Sonntagvormittag mindestens 27 Patienten am Campus Kiel positiv getestet.

Bei elf Toten wurde der Keim nachgewiesen. Bei neun von ihnen konnte der Keim inzwischen als Todesursache ausgeschlossen werden.

Der Keim soll auf die gesperrte internistische Intensivstation begrenzt sein. Nicht ausgeschlossen wurde, dass sich die Zahl der infizierten Patienten in den kommenden Tagen noch erhöht.

Der Campus Kiel ist vorerst von der Aufnahme künstlich beatmeter internistischer Notfallpatienten abgemeldet. Weil die Isolierungsmaßnahmen die Intensivkapazitäten einschränken, kann es bei großen Operationen zu Verschiebungen kommen.

Überträger der Infektionen ist vermutlich ein am 11. Dezember verlegter Patient aus Schleswig-Holstein, der in der Türkei Urlaub gemacht hatte. Eine erste Phase von Übertragungen des Erregers bei drei Patienten war zunächst zu Jahresbeginn wieder abgeklungen.

Übertragung über die Luft

Die Übertragung des Erregers erfolgt durch Schmier- oder Kontaktinfektionen und über die Luft. Die Bakterien können außerhalb des menschlichen Körpers Trockenheit überstehen und lange überleben. Die Übertragungsfähigkeit wird als sehr hoch eingeschätzt.

Allerdings führt die Übertragung laut UKSH nur "relativ selten" zu schweren Infektionen, überwiegend bei schwerkranken Patienten auf Intensivstationen.

Vorherrschende Krankheitsbilder sind die nosokomiale Pneumonie, Harnwegsinfektionen, Wundinfektionen und Sepsis.

Nach Angaben des Universitätsklinikums wurde das Gesundheitsamt am 24. Dezember über die Infektionen informiert und die Häufung des Nachweises gemeldet. 

Für Diskussionsstoff in den Medien sorgt die Tatsache, dass der inzwischen verstorbene Türkei-Tourist bei der Aufnahme ins UKSH nicht auf Keime untersucht wurde.

Ein solches Screening sei nicht nötig gewesen, der Mann habe keine auffälligen Symptome gezeigt, hieß es.

Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz forderte in diesem Zusammenhang laut Medienberichten ein ähnliches Verfahren für die Aufnahme in Krankenhäuser wie in den Niederlanden.

Dort wird zunächst jeder Patient auf Keime getestet erst bei einem negativen Ergebnis von einer Isolierstation auf eine andere Station verlegt. Auch der Sparzwang am seit Jahren defizitär arbeitenden UKSH wurde in Medien im Zusammenhang mit den Keimen berichtet. (di)

[25.01.2015, 19:56:20]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Nur keine Panik,
das mit dem "Hygienebeauftragten" sehe ich etwas anders, weil das normaler Teil JEDER ärztlichen Ausbildung ist. Wenn man das als "gesellschaftliche Bedrohung" einstuft, ist die Konsequenz nicht nur dieses Beitrags, die Fokussierung auf die Keimquellen außerhalb des Krankenhauses auch in Deutschland selbst (Landwirtschaft). zum Beitrag »
[25.01.2015, 17:43:22]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Einschleusung multi-resistenter Keime
Auch hier gilt: "Überträger der Infektionen ist vermutlich ein am 11. Dezember aus dem Mittelmeerraum verlegter Patient". Also primär k e i n e schlampige Arbeit des medizinischen und technisch-logistischen Personals am Campus Kiel des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH). Vgl.
http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/infektionskrankheiten/?sid=877363

Was ich immer wieder betont habe: Multiresistente Keime kommen nicht allein aus heiterem Himmel und werden ausschließlich von unsachgemäß hantierenden, "unhygienischen" Krankenhaus- und Praxismitarbeitern auf arglose Patienten übertragen. Sondern diese Keime müssen selbst ja auch irgendwo her kommen. Und sie werden offensichtlich zu einem relevanten Anteil von a u ß e n in Klinik und Praxisräume hineingetragen. Der englische Fachbegriff "communicable diseases" trifft den Sachverhalt: übertragbare Krankheiten, die durch interagierende, kommunizierende Personen übertragen werden.

"Colonization with extended-spectrum beta-lactamase-producing and carbapenemase-producing Enterobacteriaceae in international travelers returning to Germany" von C. Lübbert et al. (J Med Microbiol 2015; 305: 148) belegt, dass auch Fernreisende multiresistente Keime beherbergen können.

Außer Frage steht, dass wir für über 2000 Kliniken in Deutschland Hygienebeauftragte brauchen. Diese sollen keineswegs nur darüber wachen, dass Hände von Mitarbeitern, Patienten und Besuchern desinfiziert werden. Nein, vom Klinikparkplatz bis zum Schornstein müssen a l l e infektiologischen Belange der Krankenhaushygiene bei Patienten, Gebäude, Personal, Arbeitsabläufen und Logistik berücksichtigt werden. Aber das Einschleusen von multi-resistenten Keimen über Patienten, Angehörige und Besucher können sie nicht verhindern.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Angst vor Stürzen sorgt für Verzicht auf Antikoagulans

Ein erhöhtes Sturzrisiko ist noch immer der häufigste Grund, auf eine orale Antikoagulation bei Vorhofflimmern zu verzichten. mehr »

Warum der Zuckersirup zum dicken Problem werden könnte

Seit Anfang Oktober gibt es in der EU keine Quotenregelung mehr für die aus Mais, Getreide oder Kartoffeln gewonnene Isoglukose. Experten befürchten eine Zunahme von Übergewicht und Diabetes. mehr »

Stotter-Therapie im virtuellen Raum

Geschätzt über 800.000 Bundesbürger stottern. Viele von ihnen ziehen sich komplett zurück, weil sie Ablehnung fürchten. Ein Ausweg: Therapie-Methoden, bei denen man zunächst zu Hause sprechen übt – online. mehr »