Ärzte Zeitung online, 11.05.2017
 

Hüft-Op

Patienten nach nur einem Tag entlassen

Als nach eigenen Angaben erste in Deutschland praktiziert ein Ärzteteam aus Seligenstadt eine neue, minimal-invasive Hüft-Op. Damit kann der Patient oft schon am selben Tag nach Hause gehen.

Von Alexander Joppich

„Hip in a day“: 
            Hüft-Op-Patienten nach nur einem Tag entlassen

Erste Gehversuche mit neuem Hüftgelenk: Patientin Ute Liebl aus Wiesbaden wird direkt nach der Op wieder mobilisiert. Fachärzte Rhein-Main

SELIGENSTADT. Am Morgen Hüft-Op, am Abend wieder zu Hause: In Seligenstadt operieren Ärzte an der privaten Emma Klinik nach einer neuen Methode an der Hüfte. Mit der "Anterior Minimal Invasion Surgery" (AMIS) sei es möglich, dass Patienten am gleichen Tag operiert und entlassen werden, sagt Dr. Manfred Krieger. Er ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie und Belegarzt an der Emma Klinik. Die minimal-invasive Methode sei muskelschonender, komplikationsärmer und mit weniger Schmerzen für den Patienten verbunden als die Standardmethode, so Krieger.

Bei AMIS nutzen die Mediziner nicht, wie nach dem Standard üblich, den hinteren oder seitlichen Zugang zum Hüftgelenk, sondern den vorderen. Die darüber liegenden Muskeln werden nicht geschnitten, um Zugang zur Hüfte zu erhalten: Stattdessen schiebt der Operateur die Muskellogen zur Seite und operiert durch die natürlichen Öffnungen der Muskelbünde hindurch. Nur die Muskelhülle und der Hautschnitt müssen genäht werden. Die Op-Dauer verkürze sich von durchschnittlich drei Stunden auf eine Stunde, führt Krieger aus.

Umdenken war nötig

Daneben verzichten jene Mediziner, die mit der neuen Methode operieren, ebenfalls auf Wunddrainagen, Blasenkatheter und Schienen. Drainagen und Katheter hält der Orthopäde für eine gesundheitliche Gefahr für Patienten, da durch sie Keime in den Körper eindringen könnten, und Mediziner diese häufig aus Gewohnheit oder Bequemlichkeit nutzten – und nicht aufgrund des medizinischen Nutzens.

Er lege die "Patienten nicht in eine Ritterrüstung, die dazu führt, dass der Patient nicht mehr aufsteht". Krieger, der pro Jahr rund 300 Hüft- und Kniegelenk-Operationen durchführt, plädiert dafür, dass ein Patient nach der Hüft-Op innerhalb kürzester Zeit mobilisiert wird. Schon knapp eine Stunde nach dem Eingriff richte dieser sich zum ersten Mal auf und gehe einige Schritte. "Je länger der Patient liegt, desto höher sind die Komplikationsraten", erklärt der Facharzt. "Rapid Recovery" nennt er den Ansatz der sofortigen Belastung des Gelenks.

Drei- bis viermal am Tag erhält der Operierte eine Physiotherapie – bis er die Entlassungsziele erfülle: Schmerzfreiheit, flüssiges Gehen von 300 Schritten und ein leichtes Treppensteigen. Diese erreichen laut Krieger 90 Prozent der Patienten innerhalb von zwei Tagen. Viele bräuchten nur einen Tag, weswegen die Ärzte die Methode unter dem Namen "Hip in a day" (Hüfte an einem Tag) vermarkten. "Der Durchschnittspatient sollte nach sechs Wochen flüssig gehen können", so Krieger.

Seiner Meinung nach seien die Komplikationsraten bei der neuen Methode niedriger, er nannte allerdings keine konkreten Zahlen. In den Niederlanden habe man eine Wiederaufnahmerate von zehn Prozent, was auch für Deutschland realistisch sei.

Vorbild Niederlande

Das Team an der Emma Klinik hat die Methode aus den Niederlanden importiert, dort wenden Ärzte sie schon seit einiger Zeit an. Dafür seien alle Beteiligten hätten sich vor Ort informiert, um AMIS zu erlernen. Die Ärzte "mussten alte Zöpfe abschneiden", so Rolf Kirchner, Facharzt für Anästhesiologie. So habe man gelernt, dass die schmerzstillende Gabe von Morphin oft Übelkeit auslöst, die häufig wiederum mit Medikamenten behandelt werde – ein Teufelskreis. Der Anästhesist gibt einem Patienten während der Op eine lokale Infiltrationsanästhesie neben der Vollnarkose.

Mit Kleinigkeiten werde die schnelle Erholung gefördert: Die erste feste Mahlzeit erhalten Patienten eine Stunde nach der Operation, den ersten Kaffee sogar direkt nach dem Eingriff.

In einer sogenannten Patientenschule lernen die Patienten vor der Op ihren Ansprechpartner aus jedem relevanten Bereich kennen: Operateur, Anästhesist, Verwaltungsmitarbeiter und Reha-Helfer. In seiner Präsentation erklärt Kirchner zudem, welche Betäubung er verabreicht und was organisatorisch zu beachten ist. So müssten die Mitarbeiter den Kostenträgern regelmäßig erklären, dass die Reha nicht zehn Tage nach dem Eingriff anfange, was teilweise Standard ist, sondern direkt im Anschluss an die Op beginnen könne. Außer Privatpatienten behandele man mittlerweile auch Kassenpatienten durch Verträge zur Integrierten Versorgung.

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