Ärzte Zeitung online, 06.09.2017
 

Krisenmanagement

Defizite bei Kliniken – insbesondere bei chemischen Angriffen

Kliniken müssen sich strukturiert auf Krisenfälle wie Terror oder Bombenfunde vorbereiten. Am meisten verwundbar sind sie bei chemischen Gefahrenlagen, so ein Experte. Er fordert staatliche Finanzspritzen für die Krisenübungen.

Von Matthias Wallenfels

Defizite bei Kliniken

Eine 1,8 Tonnen schwere Bombe entschärften Rene Bennert (l.) und Dieter Schwetzler in Frankfurt. Dafür mussten auch zwei Kliniken evakuiert werden.

© B. Roessler/dpa

FRANKFURT/BERLIN. Die reibungslose Evakuierung von 16 Babys der Klinik für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin aus dem Bürgerhospital in Frankfurt vergangenes Wochenende im Kontext der Entschärfung einer 1,8 Tonnen schweren Weltkriegsbombe ist für Detlef Cwojdzinski der eindeutige Beweis dafür, dass das dortige Klinikkrisenmanagement die regelmäßigen Übungen internalisiert hat.

Viele Kliniken in Deutschland – ob groß oder klein und unabhängig von der Trägerschaft – müssten für den Fall der Fälle noch ihre Hausaufgaben machen, betont der Krisenexperte, der bei der Berliner Senatsverwaltung für den gesundheitlichen Bevölkerungsschutz zuständig ist, im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Krisenvorsorge nicht im Budget

Defizite bei Kliniken

Viele Opfer des Sarinanschlags auf die Tokioter U-Bahn vom März 1995 mussten in Kliniken – die darauf keineswegs vorbereitet waren.

© Andy Rain/epa/dpa

Cwojdzinski ist auch Herausgeber eines Leitfadens zur Krankenhausalarmplanung, den er in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe erstellt hat.

Knackpunkt sei für viele Kliniken die Tatsache, dass das Krisenmanagement und die notwendigen Übungen für viele Krankenhäuser aus dem laufenden Budget zu bestreiten sind, da die DRG – und damit das Fallpauschalensystem – die Honorierung der Krisenvorsorge nicht vorsehen.

"Das muss auf die politische Agenda, bestimmte Vorsorgemaßnahmen müssen staatlicherseits finanziell unterstützt werden", fordert Cwojdzinski, der seit 1985 bundesweit Klinikvertreter in puncto Krankenhausalarmplanung schult – und angesichts drohender Terroranschläge akuten Handlungsbedarf sieht.

Als vorbildlich für die Zusammenarbeit von Kommunen und Kliniken nennt er die Städte Berlin, Hamburg und Frankfurt, die die Krankenhäuser bei den notwendigen Übungen auch finanziell unterstützen.

Vier Alarmszenarien

Essenziell für den Krisenfall sei der Aufbau einer besonderen Führungsorganisation, zu der nicht nur die Klinikleitung, sondern beispielsweise auch die Leitungskräfte der Notaufnahmen gehören, die zum Beispiel über die Patientenverteilung entscheiden.

Wie er verdeutlicht, müssen Krankenhäuser generell auf vier Alarmszenarien vorbereitet sein:

  1. Massenanfall von Verletzten (MANV): Hierzu zählen Terrorszenarien wie der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz im Dezember, bei dem ein Lkw in die Menge raste und zwölf Todesopfer forderte. Hier benötigte zum Beispiel eines der Anschlagsopfer im Krankenhaus aufgrund seiner schweren Verletzungen allein 40 Blutkonserven, so Cwojdzinski. Die Vorhaltung oder schnelle Zuführung solcher Mengen gehört im Rahmen des Krisenmanagements für Kliniken zur materiellen Krisenvorsorge.
  2. Interne Gefahrenlagen: Dazu zählen der Ausfall kritischer Infrastrukturen wie auch Funde von Weltkriegsbomben. Letztere sind im Umfeld von Kliniken in Deutschland nicht so selten, wie Cwojdzinski mit Blick auf die vergangenen Jahrzehnte resümiert.
  3. Biologische Gefahrenlagen: Unter dieses Krisenszenario fallen Patienten mit hochpathogenen Erregern sowie Pandemiefälle, die hohe Anforderungen an die Isolierung und die Notfallversorgung stellen.
  4. Chemische Gefahrenlagen: In dieser Kategorie finden sich Giftgasanschläge. Ein Fall für das Lehrbuch ist hier der Saringasanschlag der japanischen Endzeitsekte Aum Shinrikyo vom März 1995 auf die Tokioter U-Bahn mit 13 Toten und knapp 6000 Verletzten. Hier rätselten die Klinikärzte, mit welcher Substanz sie es zu tun hatten (wir berichteten). Wie Cwojdzinski hinweist, seien damals 23 Prozent der Klinikmitarbeiter über die Opfer des Anschlags während des Versorgungsgeschehens kontaminiert worden.

Mit Blick auf die vier Krisenszenarien sieht er die Kliniken in Deutschland für die internen Gefahrenlagen am besten gerüstet. Das Besondere: "Spontane Fälle wie die jüngste Evakuierung in Frankfurt klappen immer."

Die größten Defizite beim Krankenhausalarmmanagement offenbarten sich bei den chemischen Gefahrenlagen. Die Übungen seien nicht zuletzt aufgrund der obligatorischen Schutzkleidung aufwändig und teuer. Auch halte nicht jede Klinik die entsprechende Ausrüstung vor.

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