Ärzte Zeitung online, 21.02.2018

Ethik im Smart Hospital

Unimedizin Essen setzt Akzente

Ein interdisziplinäres Expertengremium begleitet die Unimedizin Essen auf dem Weg zum Smart Hospital. Die "Ethik-Ellipse Smart Hospital" fokussiert zum Beispiel Patientenbelange.

ESSEN. Die Universitätsmedizin Essen soll nach dem Willen des Ärztlichen Direktors und Vorstandsvorsitzenden Professor Jochen Werner als eine der ersten Kliniken in Deutschland zum Smart Hospital werden.

Damit bei diesem groß angelegten Digitalisierungsprozess die Patientenbelange und die ethischen Aspekte nicht zu kurz kommen, ist am Freitag im Rahmen des 2. ETIM-Kongress "Artificial intelligence and robotics – Emerging technologies in medicine" am Uniklinikum Essen die "Ethik-Ellipse Smart Hospital" als neues Gremium etabliert worden.

Ziel ist der kritische Dialog rund um das "Smart Hospital". "Eine kritische ethische Reflexion der Dimensionen des Themenfeldes Smart Hospital ist wesentlich. Mit verschiedenen Perspektiven aus Wissenschaft und klinischer, aber auch industrieller Praxis werden Vorschläge, Empfehlungen und Impulse erarbeitet, die uns dann bei der weiteren Realisierung des Smart Hospitals begleiten und unterstützen", verdeutlichte Werner beim ETIM-Kongress.

"Mit dieser Zusammenarbeit soll eine stabile Entwicklung von Medizin, Ökonomie und Ethik sichergestellt sein, die zu allererst einem Ziel folgt: Die Bedürfnisse der Patienten bestmöglich zu erfüllen", ergänzte Werner, der mit der vollständigen Digitalisierung seines Hauses unter anderem für mehr Durchblick im OP sorgen will.

So könnten zum Beispiel durch die Digitalisierung und das algorithmengestützte Korrelieren der radiologischen, endoskopischen sowie pathohistologischen Muster Operateure bei der Diagnostik und Eingriffsplanung gezielt unterstützt werden.

Hospitality, Gastfreundschaft, Wohlfühlen, Wärme

Gremiensprecher Professor Stefan Heinemann, Experte der Universitätsmedizin Essen für Smart Hospital und Wirtschaftsethiker der FOM Hochschule, erläuterte im Rahmen des wissenschaftlichen Kongresses das Aufgabenspektrum seiner Ethik-Ellipse: "Der Weg zum Smart Hospital bedeutet neben digitaler Spitzenmedizin auch mehr Hospitality, Gastfreundschaft, Wohlfühlen, Vertrauen und Wärme für die Patienten."

Der Weg werde nur dann erfolgreich sein, wenn dieses breite Themenfeld in seinen ethischen Dimensionen kritisch reflektiert werde.

"Was kann sich verantwortlich und in realen auch ökonomisch realisierbaren Kontexten medizinischer Versorgung widerspiegeln? Welche ethischen Aspekte sind bei digitalen Pflegelösungen zu beachten? Welche moralischen Risiken bringt die digitale Transformation in der Medizin? Diesen und weiteren Fragen wird sich ein wachsender Kreis von Expertinnen und Experten konstruktiv stellen und Vorschläge, Empfehlungen und Impulse für die Akteure der Universitätsmedizin Essen erarbeiten", ergänzte Heinemann.

Dabei kooperiere die neue "Ethik-Ellipse Smart Hospital" eng mit dem Klinischen Ethik-Komitee des Universitätsklinikums Essen und der Ethik-Kommission der Medizinfakultät der Uni Duisburg/Essen.

Das Handlungspotenzial, das die Digitalisierung der Medizin biete, wie zum Beispiel Eingriffe in die Keimbahn, dürften Ärzte aber nicht als Freifahrtschein für ihr Handeln bei Diagnostik und Therapie missverstehen, mahnte der Theologe Ralf Miggelbrink in seinen Ausführungen zu Smart Hospital und Ethik.

Auch wenn der Medizinstandort Deutschland dann unter Umständen im internationalen Vergleich an Wettbewerbsfähigkeit verlieren könnte, müssten diese Verlockungen ärztlicher Allmachtsfantasien für Mediziner hierzulande ein Tabu bleiben, postulierte Miggelbrink.

Leitplanke ärztlichen Handelns

Die Ethik diene unumstritten als Leitplanke ärztlichen Handelns – auch die Theologie könne ein wichtiges Fundament für den Behandlungsalltag darstellen.

"Der Theologie ist die Differenz wichtig: Endloses Leben ist nicht ewiges Leben. Endloses Leben ist endliches Leben mit ausgetrickster Endlichkeit. Endlichkeit aber ist nicht einfach ein Handicap, ein Makel, sondern die menschliche Existenzform. Menschen leben endlich. Ihr geistiges Potenzial ist ihrer körperlichen Begrenztheit entsprechend endlich, gebunden an genetisch und memetische Grenzen", so Miggelbrink.

So dürfe zum Beispiel aus theologischer Sicht die "Festplatte" eines Leichnams nicht auf einen digitalen Avatar übertragen werden, mahnte er weiter. "Wo Datenmengen, mit denen wir unser Leben zu bewältigen versuchen, sich scheinbar ins Unendliche weiten, schweben wir in der Gefahr, zu ignorieren, dass wir Endliche sind, die mit Endlichen in endlichen Räumen interagieren. Der Umgang mit Datenmengen braucht wegen der endlichen Leiblichkeit jedes Menschen einen Takt respektierter Endlichkeit", appellierte Miggelbrink an die ärztliche Moral im Smart Hospital.

Heinemann ergänzte, dass es in puncto Ethik – und damit dem Spagat zwischen Sein und Sollen – nicht unbedingt nur um den abendländischen Wertekanon gehe. "Pluralität hat für uns hier einen axiologischen Nutzen", hob er hervor. Pluralität erlaube somit auch das Ausrichten des Smart Hospitals auf unterschiedliche kulturelle Bedürfnisse.

Der neuen und ersten „Ethik-Ellipse Smart Hospital“ gehören Nicolai Andersen, Innovation Leader bei Deloitte und Leiter der Arbeitsgruppe Digitale Ethik bei der Initiative D21, Astrid Aupperle, Head of CSR Microsoft Deutschland, Prof. Dr. Thomas Beschorner, Ordinarius und Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen (Schweiz), Prof. Dr. Stefan Heinemann, Experte für Smart Hospital Universitätsmedizin Essen und Wirtschaftsethiker der FOM Hochschule, Lucas Josten, Vice President Digital Health T-Systems International, Prof. Dr. Ralf Miggelbrink, Inhaber des Lehrstuhls für Systematische Theologie der Universität Duisburg-Essen, Rebecca Rühle, stellvertretende Vorsitzende des Vorstands von „sneep“ (Studentisches Netzwerk für Wirtschafts- und Unternehmensethik) und Prof. Dr. Ulrike Schara, Vorsitzende der Ethik-Kommission der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen und Stellvertretende Direktorin der Kinderklinik 1 des Universitätsklinikums Essen, an. (maw)

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