Ärzte Zeitung, 23.02.2018

Grippewelle

Aufnahmestopps und Isoliermaßnahmen in Kliniken

Die Grippewelle bringt viele Krankenhäuser an ihre Kapazitätsgrenze. Auch deshalb, weil in den Abteilungen Mitarbeiter krankheitsbedingt fehlen.

Aufnahmestopps und Isoliermaßnahmen in Kliniken

Auch in den Kliniken bringt die Grippewelle die Belegschaft mancherorts in Bedrängnis.

© Mathias Ernert, Chirurgische Klinik, Universtitätsklinikum Heidelberg

NEU-ISENBURG. Nordbayern, Niedersachsen, Brandenburg, NRW – aus allen Teilen der Republik melden Kliniken, dass sie wegen der Grippewelle unter Volllast arbeiten. Manche Häuser haben für ihre Innere-Stationen einen Aufnahmestopp verhängt, andere legen ihre Influenza-Patienten auf Isolierstationen, die teilweise auch schon überfüllt sind. Das bestätigen Nachfragen der Korrespondenten der "Ärzte Zeitung" in ganz Deutschland

So sieht es in verschiedenen Bundeslängern aus:

  • Niedersachsen: Die Uniklinik Göttingen hat aktuell 50 Patientinnen und Patienten mit Influenza aufgenommen. Das Krankheitsgeschehen sei in diesem Jahr deutlich intensiver als im vergangenen Jahr. "Meistens sind sie über die Notaufnahme gekommen", sagt Stefan Weller, Sprecher der Universitätsmedizin Göttingen (UMG). "Viele von ihnen leiden unter der Influenza B, die auch trotz Impfung auftreten kann." Von den Mitarbeitern des Krankenhauses nähmen leider nur wenige die Grippeimpfung wahr, die der Betriebsarzt empfiehlt.
  • Sachsen: Auch die Kliniken in Sachsen arbeiten an der Kapazitätsgrenze. So berichtet der Allgemeinmedizin Axel Stelzner aus Lichtentanne von einer Klinik in seinem Umfeld, der trotz mit Sicherheit umfangreicher Bevorratung die Bestecke für Rachenabstriche ausgegangen waren. Der Leiter der Zentralen Notaufnahme des Universitätsklinikums Leipzig, André Gries, berichtet, dass die Patientenzahlen in der Zentralen Notaufnahme leicht gestiegen seien. „Insbesondere ist aber die Verlegung und stationäre Aufnahme der Patienten ein Problem, da die Stationen wegen der hohen Zahl an zu isolierenden Fällen deutlich reduzierte Kapazitäten haben“, ergänzt Gries. Hinzu komme, dass „die Kumulation von Patienten in der Zentralen Notaufnahme und der dort ebenfalls krankheitsbedingte Ausfall von Personal zu einer deutlich höheren Arbeitsbelastung und schwierigen Arbeitsbedingungen“ führten. „Da wir wenig Kompensationsmöglichkeiten haben, sind weitere Ausfälle von Mitarbeitern zu befürchten“, schätzt Gries ein. Am Universitätsklinikum gebe es sowohl Fälle von Influenza als auch hartnäckige grippale Infekte. „Insbesondere aber bei multimorbiden älteren Patienten ergeben sich schwere Krankheitsverläufe, die auf der Intensivstation behandelt werden müssen.“ Die Impfung gegen Grippe für Mitarbeiter sei mehrmals thematisiert und angeboten worden. „Wahrnehmung durch alle Mitarbeiter und komplette Durchimpfung: nein“, fügt Gries an. Auch im Team gebe es zahlreiche Krankheitsfälle. „Das ist ein gravierendes Problem in zahlreichen Bereichen“, sagt Gries. Zu Tamiflu sagt der Mediziner, es werde „wegen der nicht gezeigten Wirksamkeit und Outcomeverbesserung nur in Einzelfällen“ gegeben. Außerdem schätzt Gries ein, dass die Zentrale Notaufnahme des Universitätsklinikums an der Kapazitätsgrenze arbeitet. Das sei „aber schon zu Zeiten ohne Influenza“ der Fall, sagt Gries.
  • Brandenburg: Das Ernst-von-Bergmann-Klinikum Potsdam hat gerade den ersten Grippetoten gemeldet. "Wir behandeln seit zirka drei Wochen kontinuierlich 12 bis 18 Patienten mit Influenza. Es sind hauptsächlich ältere und multimorbide Patienten. Aktuell befinden sich zwei Patienten auch auf der Intensivstation", teilt eine Klinikums-Sprecherin auf Nachfrage mit. Dennoch bewertet das Potsdamer Großkrankenhaus die Situation als "saisonal typisch" sowohl mit Blick auf die Anzahl der Patienten als auch was die Schwere der Verläufe betrifft. Auch der Krankenstand im Unternehmen sei nicht auffällig hoch.
  • Bayern: Klinikbehandlungsfälle gibt es vor allem im Osten Bayerns. Einige Kliniken haben laut Bayerischer Krankenhausgesellschaft Isolierstationen für Grippe-Patienten eingerichtet, etwa in Passau, Bayreuth und Fürth. Laut Klinikum Bayreuth seien dort in dieser Saison bisher 260 Grippe-Patienten stationär behandelt worden, fast alle mit einer Typ B-Influenza. Derzeit gebe es 50 stationäre Patienten, die meisten auf der dafür vorab eingerichteten Isolierstation. Da diese voll belegt sei, würden einige der Patienten zudem auf anderen Stationen isoliert. Die Klinik bemühe sich, dennoch jederzeit Plätze für Notfälle freizuhalten. Am Mittwoch habe sich die Notaufnahme kurzzeitig von der Notfallversorgung abmelden müssen.Das Haus arbeite an der Kapazitätsgrenze. "In Einzelfällen verweisen wir Patienten (nicht Influenza-Fälle) inzwischen an andere Krankenhäuser und verschieben elektive Eingriffe", so Pressereferentin Xenia Pusch. Grippefälle kämen auch beim Pflegepersonal vor.
  • Auch andere bayerische Kliniken nehmen immer wieder Patienten zur stationären Behandlung auf. Entsprechendes war zu hören aus dem Universitätsklinikum Regensburg, der Rotkreuz Klinik München und dem Städtischen Klinikum München.
  • Nordrhein-Westfalen: Auch in Nordrhein-Westfalen haben die Kliniken wegen der Grippewelle alle Hände voll zu tun. Besonders heftig waren die Auswirkungen in der Bonner Klinik des Landschaftsverbands Rheinland (LVR): Weil Patienten in mehreren Stationen hochfiebrige grippale Infekte haben und auch Mitarbeiter erkrankt sind, hat die psychiatrische Klinik nach Rücksprache mit dem Gesundheitsamt Bonn einen mehrtägigen Aufnahmestopp verhängt. Gleichzeitig raten die Verantwortlichen von Besuchen in der Klinik ab.
  • Der Schutz der Bevölkerung, der anderen Patientinnen und Patienten sowie der Mitarbeitenden habe der Klinik keine andere Wahl gelassen, sagte der Ärztliche Direktor Professor Markus Banger. "Nur so können wir eine weitere Verbreitung des hoch ansteckenden Influenza-Virus vermeiden." Zum Zeitpunkt des Aufnahmestopps waren 15 Fälle von Influenza A und fünf von Influenza B nachgewiesen, weitere Verdachtsfälle wurden untersucht.

Die Klinik hat nach Angaben von Banger die Hygienemaßnahmen verstärkt, die Mitarbeitenden in den betroffenen Stationen müssen durchgehend im Patientenkontakt Mundschutz und Schutzkleidung tragen. "Betroffene Patienten werden ausnahmslos isoliert behandelt, beurlaubte Patienten sollen nach Möglichkeit noch weiter beurlaubt werden und alle Gruppenaktivitäten sind zunächst ausgesetzt", berichtet Professor Christian Dohmen, Chefarzt der Neurologie und hygieneverantwortlicher Arzt.

Kliniken aus der Umgebung haben ihre Unterstützung zugesagt, damit die psychiatrische Behandlung der Patienten aufrechterhalten werden kann.

Nicht alle Krankenhäuser leiden unter einem großen Ansturm: Die Uniklinik Düsseldorf etwa registriert bislang nach eigenen Angaben keine besonderen Auffälligkeiten. Sowohl die Inanspruchnahme der Ambulanz als auch die Krankheitsfälle unter den Mitarbeitern sind jahreszeiten-typisch.

Die Kölner Uniklinik verzeichnete zuletzt eine starke Inanspruchnahme der Notaufnahme. Allein am Sonntagnachmittag (18. Februar) seien 100 Patienten versorgt, die allerdings nicht alle an Grippe erkrankt waren. Das waren mindestens doppelt so viele wie sonst.

Den Grippeschnelltest wendet das Haus nach Angaben von Sprecher Timo Mügge nicht mehr an. Das klinikeigene Institut für Virologie ermittelt die Diagnose mittels PCR. Dieser Test sei spezifischer und sensitiver. "Bei besonders dringenden Fällen, zum Beispiel bei Kindern, kann die Diagnose 30 Minuten nach Probeneingang erfolgen", sagt Mügge.

Einige Ärzte und Pfleger der Uniklinik sind selbst erkrankt, die Personalausfälle konnten bislang aber gut kompensiert werden. Zu Behandlungsausfällen ist es noch nicht gekommen. (ami, cben, cmb, ger, iss, sve)

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