Ärzte Zeitung online, 07.05.2018

Baden-Württemberg

Kliniken häufen immer höhere Schulden an

Viele Krankenhäuser in Baden-Württemberg sind in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage. 60 Prozent der Häuser schreiben rote Zahlen, die Verschuldung der großen Klinikverbünde ist um zehn Prozent gestiegen, heißt es in einer Studie von Roland Berger.

Von Florian Staeck

Kliniken häufen immer höhere Schulden an

Viele Krankenhäuser und Klinikverbünde in Baden-Württemberg haben offenbar Schulden.

© mapoli-photo / stock.adobe.com

STUTTGART. Trotz leichter wirtschaftlicher Erholung haben 60 Prozent der Krankenhausverbünde in Baden-Württemberg im Jahr 2016 rote Zahlen geschrieben. Das geht aus einer Untersuchung der Unternehmensberatung Roland Berger hervor.

Der Anteil der Klinikverbünde mit negativem Jahresergebnis ist damit im Vergleich zu 2015 nochmals um drei Prozentpunkte gestiegen.

Das kumulierte Defizit der 30 größten Krankenhausverbünde sank 2016 auf 132 Millionen Euro, im Jahr zuvor war noch ein Minus von 154 Millionen Euro aufgelaufen. 90 Prozent der defizitären Verbünde sind in öffentlich-rechtlicher Trägerschaft.

"Wir haben die leichte Verbesserung der Ergebnissituation der Krankenhäuser in Baden-Württemberg eigentlich nicht erwartet, da der Preisanstieg und die Zunahme des Landesbasisfallwerts im Vergleich zu den Vorjahren geringer ausgefallen ist, als von vielen angenommen wurde", sagte Dr. Peter Magunia, Leiter Healthcare Deutschland bei Roland Berger, der "Ärzte Zeitung".

Blick in die Zukunft fällt trübe aus

Eckdaten für 2016

Die Krankenhausausgaben pro Bett sind 2016 in Baden-Württemberg um fünf Prozent auf 188.000 Euro gestiegen – 12.000 mehr als im Bundesschnitt.

Die Zahl der aufgestellten Betten hat 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 0,4 Prozent auf 55.900 abgenommen.

Die Bettenauslastung in somatischen Abteilungen nahm leicht auf 74,5 Prozent zu, lag 2016 aber noch unter dem Bundesschnitt von 75,4 Prozent.

Die Zahl der beschäftigten Ärzte (Vollkräfte) ist um zwei Prozent auf 19.400 gestiegen. Bei den Pflegekräften fällt die Zunahme mit einem Plus von einem Prozent auf 37.800 geringer aus.

Jedoch sei der wirtschaftliche Druck größer geworden. "Die Krankenhäuser haben noch bis 2015 vom überdurchschnittlichen Landesbasisfallwert profitiert", sagt Magunia.

Tatsächlich bewerten 45 Prozent der Krankenhäuser im Jahr 2017 ihre wirtschaftliche Situation als schlecht, 41 Prozent sehen sie als "mittelmäßig", nur 15 Prozent als gut an. Und mit Blick in die Zukunft sind die Erwartungen der Krankenhausmanager genauso trübe.

Das dürfte auch mit der hohen Verschuldung der Häuser zusammenhängen. Trotz günstiger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen haben die Verbindlichkeiten der 30 größten Klinikverbünde im Vergleich zu 2015 um zehn Prozent auf 3,5 Milliarden Euro zugenommen.

Damit hat sich der Anstieg der Verschuldung, der zwischen 2013 und 2015 noch im Jahresmittel bei sieben Prozent lag, beschleunigt. Auf die zehn größten Verbünde entfallen dabei allein 2,4 Milliarden Euro Schulden.

Deutliche Konsolidierung erwartet

90 Prozent der Verbünde, die rote Zahlen schreiben, befinden sich in öffentlich-rechtlicher Trägerschaft. Zum Vergleich: 2015 wurden im Südwesten 42 Prozent der Kliniken privat, 35 Prozent öffentlich und 23 Prozent freigemeinnützig getragen.

Magunia geht davon aus, dass eine Eintrübung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen die wirtschaftliche Perspektive vieler Häuser nochmals deutlich verschlechtern würde. Bei Verbindlichkeiten von 3,5 Milliarden Euro würde "eine Zinswende viele Krankenhäuser – mit Zeitverzögerung – hart treffen", warnt der Experte von Roland Berger.

Die Berater registrieren zwar Fortschritte bei der Reform der Kliniklandschaft im Südwesten. Vielerorts gebe es Planungen etwa mit Blick auf die Konzentration von Standorten.

"Von daher werden wir insbesondere in den Jahren 2020 bis 2025 eine deutliche Konsolidierung erleben", erwartet Magunia. Im laufenden Jahr stellt das Land für Krankenhausinvestitionen insgesamt 455,2 Millionen Euro zur Verfügung.

Als Ziel der Landespolitik gibt Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) an, die Krankenhäuser sollten in die Lage zu versetzt werden, "eigenständig zu arbeiten und langfristig überlebensfähig zu sein". Dazu gehöre es, Schwerpunkte zu bilden und die Kompetenzen unterschiedlicher Disziplinen in einer größeren, leistungsfähigeren Klinik zu bündeln.

Aus Sicht von Berater Peter Magunia erhoffen sich Krankenhausträger bei Neubauten oftmals sehr hohe Synergieeffekte. "Wir raten diesbezüglich immer dazu, bereits vorhandene Prozesse und Strukturen so weit wie möglich zu verbessern", berichtet er.

Kampf ums Personal wird härter

Dabei wird die Personalknappheit aus seiner Sicht immer stärker zu einem entscheidenden Kriterium für eine nachhaltige Entwicklung.

Ein Haus sei beispielsweise dann attraktiv für junge Ärzte, "wenn es eine volle Weiterbildungsermächtigung anbieten kann und wenn die Strukturen groß genug sind, um Synergien zwischen Fachabteilungen zu nutzen".

Magunia lässt keinen Zweifel daran, dass aus seiner Sicht die Reformgeschwindigkeit beim Umbau der Krankenhauslandschaft erhöht werden muss.

Neben dem Personalmangel würden dabei die immer höheren Strukturvoraussetzungen, um bestimmte Leistungen zu erbringen, ein weiterer wichtiger Treiber für Veränderungen sein.

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