Ärzte Zeitung online, 03.11.2018

Klinik setzt auf Personal-Akquise im Ausland

„In Italien gibt es zu wenig Weiterbildung“

Von Italien nach Nordrhein-Westfalen: Ein Krankenhaus in Neuss betreibt gezielt Personal-Akquise im Ausland. Das Interesse ist so groß, dass die Einstellungsgespräche in Fußballstadien geführt werden.

Von Katrin Berkenkopf

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Der italienische Arzt Dr. Gianluigi Brescia im Gespräch mit Kateryna Nezhentseva, Krankenschwester aus der Ukraine. Beide arbeiten am Lukaskrankenhaus in Neuss, das regelmäßig Personal im Ausland anwirbt.

© Katrin Berkenkopf

NEUSS. Dass das städtische Lukaskrankenhaus in Neuss proaktiv in Italien Mitarbeiter anwirbt, bedeutet keine Bedrohung des dortigen Gesundheitssystems. Das betont Pflegedirektorin Andrea Albrecht.

Gerade im Süden Italiens seien viele Pflegekräfte, aber auch Mediziner ohne Beschäftigung und erhielten nur zeitlich befristete Teilzeit-Jobs. „Viele Universitäten bilden aus, aber dann gibt es keine Stellen“, berichtet Albrecht. „Eine unserer Hebammen hat vorher in einer Spielhalle gearbeitet.“

Zu Einstellungsgesprächen würden in Italien regelmäßig hunderte Bewerber in Fußballstadien gefahren.

Die große Ähnlichkeit bei der Ausbildung in beiden Ländern erleichtere das berufliche Einleben in Deutschland, die mittlerweile entstandene italienische Community das private. Und sie erleichtere die Suche nach weiterem Personal. „Mittlerweile ziehen Mitarbeiter auch ihre Freunde nach.“

Eckpunkte

Das Lukaskrankenhaus in Neuss ist Akademisches Lehrkrankenhaus der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Das Team besteht aus 200 Ärzten und 900 Pflegekräften.

Gezielte Personalsuche in Italien: Zu Einstellungsgesprächen werden in Italien regelmäßig hunderte Bewerber eingeladen.

Dr. Gianluigi Brescia ist 27 Jahre alt, er kommt aus der Nähe der apulischen Stadt Lecce. Er ist der erste italienische Mediziner an der Neusser Klinik.

Als er sich gemeinsam mit seinen Kollegen im Rahmen einer PR-Tour den Fragen der Journalisten stellt, ist er gerade erst seit einem Tag in Deutschland.

Am Lukaskrankenhaus wird er zunächst hospitieren, bis er seine Fachsprachenprüfung bestanden und die Approbation erlangt hat. Dann kann er als Assistenzarzt arbeiten.

Nach einem ersten Rundgang durch die Klinik mit Kollegen und Presse hat er bereits einen Spitznamen – Gigi, wie der legendäre italienische Torwart Gianluigi Buffon. Er berichtet über seine Beweggründe, in Deutschland zu arbeiten:

Ärzte Zeitung: Dr. Brescia, waren Sie in Italien bereits als Mediziner tätig?

Dr. Gianluigi Brescia: Ja, ich habe zwei Jahre dort gearbeitet, zum einen in einer Notaufnahme, zum anderen als Arzt für Touristen.

Warum haben Sie beschlossen, nach Deutschland zu gehen?

Brescia: Es gibt in Italien einfach zu wenige Plätze in der Weiterbildung. Ich möchte Herzspezialist werden. Das ist sehr schwierig in Italien.

Hatten Sie bereits eine Beziehung zu Deutschland?

Brescia: Meine Eltern haben hier vor rund 40 Jahren gelebt. Ich selbst habe aber kein Deutsch gesprochen.

Wie lange haben Sie die Sprache jetzt gelernt?

Brescia: Seit einem halben Jahr.

Glauben Sie, Sie gehen irgendwann als Facharzt zurück nach Italien?

Brescia: Das ist jetzt schwierig zu sagen, aber ich glaube eher nicht. Es gefällt mir alles gut hier.

Warum haben Sie sich für das Lukaskrankenhaus entschieden?

Brescia: Ich hatte drei Bewerbungsgespräche. Beim Lukaskrankenhaus gefielen mir die Nähe zur Universität Düsseldorf und zur Großstadt. Mein Deutschdozent in Italien hat mir davon abgeraten, nach Ostdeutschland zu gehen.

Lesen Sie dazu auch:
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