Ärzte Zeitung online, 23.11.2016
 

Urteil gefallen

Frau mit Brustimplantaten darf Polizistin werden

Frauen mit Silikonimplantaten sind für den Polizeidienst untauglich, so eine NRW-Verwaltungsvorschrift. Ein Gericht hat entschieden: Das muss überdacht werden. Dabei spielte eine Besonderheit der Implantate eine wichtige Rolle.

Darf eine Frau mit Silikonbrüsten Polizistin werden?

Darf eine Frau mit Brustimplantaten den Polizeidienst antreten? Das hat ein Gericht in NRW nun entschieden.

© detailblick / Fotolia

GELSENKIRCHEN. Eine Krankenschwester aus Dortmund darf sich endlich Hoffnungen auf ihren Wunschberuf Polizistin machen. Ihre Silikonbrüste, die sich die 32-Jährige aus kosmetischen Gründen einsetzen ließ, sind nach Auffassung des Verwaltungsgerichts Gelsenkirchen kein Hinderungsgrund.

Vor fast drei Jahren hatte der Polizeiarzt die junge Frau abgelehnt. Laut Polizeiverordnung sind Brustimplantate bei Bewerberinnen nicht erlaubt, weil sie gesundheitliche Risiken bergen. Sie könnten beispielsweise während des Einsatzes reißen.

Gutachten gibt Ausschlag

Die Richter halten es aber für angebracht, diese Vorschrift zu überdenken. Grund ist ein Gutachten der Uniklinik Bonn. Das sieht grundsätzlich keine besonders hohe Wahrscheinlichkeit, dass Silikonbrüste im rauen Polizeialltag bei der Klägerin zur völligen Dienstunfähigkeit führen könnten.

Das Gutachten bezog sich aber erst einmal nur auf die Klägerin. Der Anwalt wies auch auf Besonderheiten der Implantate hin: Die Silikonbrüste entstammten einer neuen Generation und seien hochwertig. „Selbst bei einem Riss würde nichts passieren“, sagte Sven Ollmann.

Außerdem lägen die Implantate geschützt hinter dem Brustmuskel. Die beklagte Behörde, das Landesausbildungsamt NRW, will sich das Gutachten und die schriftliche Urteilsbegründung erst einmal näher ansehen und dann über eine Berufung entscheiden.

Das Gutachten hatte zumindest den medizinischen Vertreter des Landes nachdenklich gemacht. Da es für die Klägerin eine Risikowahrscheinlichkeit von weniger als 20 Prozent annimmt, könnte aus Sicht der Gelsenkirchener Richter durchaus eine allgemeine Klärung für Polizisten und sogar Soldatinnen möglich sein.

Aufnahmetest muss wiederholt werden

Für die Krankenschwester gilt es bis zu einer Aufnahme bei der Polizei trotz des Erfolges noch Hürden zu überwinden. Sie müsste die Aufnahmetests, die sie damals schon absolviert hatte, wiederholen. Ein Glück für sie.

Im ersten Anlauf waren die Ergebnisse nicht so gut, dass sie damit 2014 oder 2015 aufgenommen worden wäre. „Jetzt hat sie eine neue Chance“, sagte der Kammer-Vorsitzende. Dass sie weiter Polizistin werden will, bestätigte ihr Anwalt. „Dem Beruf der Polizistin will sie auf jeden Fall nachgehen“, sagte Ollmann.

Die Frau war nicht selbst zur Verhandlung erschienen. Wohl wegen des erwarteten Medienandrangs, wie ihr Anwalt meinte. Die Gelsenkirchener Richter waren nicht die ersten, die im Sinne der Frauen geurteilt hatten.

Das Verwaltungsgericht München war im vergangenen September einer fachärztlichen Stellungnahme eines plastischen Chirurgen gefolgt. Der Mediziner kam auch zu dem Schluss, dass bei Implantaten hinter den Muskeln kein erhöhtes Verletzungsrisiko im Polizeidienst bestehe.

In Baden-Württemberg hatte vor zwei Jahren eine abgelehnte Bewerberin Erfolg, nachdem sie sich direkt an den Petitionsausschuss des Landtages gewandt hatte. Der Polizeiarzt hatte sie wegen der Silikonimplantate zuvor abgelehnt. Auch in Berlin gab es eine Entscheidung im Sinne einer Bewerberin.

[23.11.2016, 17:33:34]
Thomas Georg Schätzler 
Die Begrifflichkeit "Frau mit Silikonbrüsten"...
wie sie nach meiner Internet-Recherche in nahezu allen Medien begierig aufgegriffen wurde, ist m. E. diskriminierend und einer Ärzte Zeitung unwürdig!

Die Verwendung dieses Begriffes impliziert vollständig aus Silikon bestehende weibliche Brüste, wie sie z. B. bei totaler Mastektomie tumorbedingt als Prothesen zur Augmentation des Gewebedefektes verwendet werden können.

Im Gegensatz dazu geht es in dem vor dem Verwaltungsgericht in Gelsenkirchen anhängigen Fall um Silikonimplantate, die bei intakten Gewebeverhältnissen unter dem Musculus pectoralis major platziert werden, um i. d. R. besonders kleine weibliche Mammae zu augmentieren und den übrigen Körperproportionen anzupassen.

Diesbezügliche Vorschriften im NRW-Polizeigesetz, dass eine Diensttauglichkeit mit Silikon-Brustimplantaten n i c h t gegeben sei, wurden in diesem Einzelfall als nicht zielführend und unverhältnismäßig beschieden. Andernfalls wären männliche Polizeibeamte mit Implantat-Ersatz nach Orchiektomie/Hemiorchiektomie auch nicht mehr diensttauglich.

In den USA würden die Medien mit Schadenersatzprozessen überzogen, weil es sich um eine öffentliche Gerichtsverhandlung unter voller Namensnennung der Klägerin im Verwaltungsgerichtsverfahren gehandelt hat.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[23.11.2016, 14:54:45]
Claus Kühnert 
Brustimplantat bei Polizeianwärterinnen

Diesen Unsinn muss sich doch ein "patentierter Schildbürger" ausgedacht haben. Sind Frauen mit Brustimplantaten im "Normalleben" weniger gefährdet? Gelten für sie künftig bei Unfallversicherern höhere Tarife? - Als Betroffene würde ich bei der zuständigen Staatsanwaltschaft eine Strafanzeige wegen Verletzung des Persönlichkeitsrechts einbringen! Ich halte das für eine Diskriminierung im Allgemeinen und im Besonderen. Armes Deutschland, wo triftest du noch hin?
MfG dokuet zum Beitrag »
[23.11.2016, 13:24:05]
Thomas Georg Schätzler 
PDF-5-Hemmer vs. Silikonimplantate?
Wenn eine 31-jährige Frau wegen ihrer Silikon-Brustimplantate nicht in den Polizeidienst aufgenommen werden darf, weil angeblich die Gefahr bestünde, dass die Einlagen bei bestimmten Einsätzen reißen könnten (heute morgen berichtete WDR 2), dann dürften ihre männlichen Kollegen auch keine Phosphodiesterase-5-Hemmer (Viagra & Co.) vom Typ Sildenafil, Tadalafil, Avanafil und Vardenafil einnehmen, weil abgesehen von möglichen Traumatisierungen nach Einnahme u. U. ihre Dienstfähigkeit und Schnelligkeit bei Einsätzen und Verfolgungen eingeschränkt sein könnte?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund


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