Ärzte Zeitung online, 22.11.2017

DNA-Selbsttests

Nicht immer geht es um medizinische Belange

Kommerzielle Gentests ohne Arztvorbehalt erfreuen sich großer Nachfrage. Humangenetiker und Laborärzte sehen den Trend skeptisch. Sie warnen vor falschen Erwartungen und fordern mehr Regulierung

Von Christoph Zeiher und Matthias Wallenfels

Nicht immer geht es um medizinische Belange

Patienten setzen unter anderem auf Gentests, um mehr über ihre gesundheitliche Vorbelastung zu erfahren. Andrea Danti/stock.adobe.com

DÜSSELDORF. "Der Rat, sich gesund zu ernähren, Sport zu treiben und auf das Rauchen zu verzichten, ist immer gut. Dazu braucht es aber keinen genetischen Test" – mit großer Skespsis beobachtet Professor Bernhard Horsthemke, Direktor des Instituts für Humangenetik der Uniklinik Essen, den Trend zur verstärkten Nutzung frei verkäuflicher Gentests – in der Labordiagnostik wird der Markt als "Direct-to-Consumer" (DTP) bezeichnet. Welcher Partner passt zu mir? Welche Ernährung ist gut für mich? Immer mehr Menschen suchen die Antwort auf diese Fragen in ihren eigenen Genen. Kommerzielle DNA-Analysen sind in den USA schon lange Trend. Und auch in Deutschland boomt der Markt. Doch "viele Tests sind unseriös und helfen nicht weiter", warnt Horsthemke.

Der Ablauf der meisten Gentests für zuhause ist recht simpel: Der Kunde bestellt sich online ein Test-Kit – meist ein Paket mit Wattestäbchen. Anschließend schickt er seine Speichelprobe ins Labor und erhält per Post seine DNA-Analyse – verbunden mit der Empfehlung zur passenden Sportart oder zum persönlichen Vitamin-C-Bedarf.

Unkenntnis über Marktgeschehen

Meist haben Firmen, die DTC-Tests in Deutschland anbieten, ihren Sitz in der Schweiz oder in Österreich. Weder Marktforscher noch das für Gentechnik zuständige Robert-Koch-Institut wissen genau, wie viele Tests hierzulande verkauft werden. Die Anbieter berichten von deutlich steigender Nachfrage.

"Rund 30 Prozent unserer Kunden sind aus Deutschland", sagt etwa Joëlle Apter, deren Schweizer Firma Gentests für die Partnersuche anbietet. "Basierend auf dem genetischen Profil des Kunden bestimmt die GenePartner-Formel die genetische Kompatibilität zweier Personen", heißt es auf der Firmen-Website. "Hohe genetische Kompatibilität bedeutet eine größere Wahrscheinlichkeit, eine andauernde und erfolgreiche Partnerschaft zu bilden." Knapp 250 US-Dollar verlangt die Firma pro Analyse. 2016 habe sich die Anzahl der verkauften Tests gegenüber dem Vorjahr verdoppelt.

Bioxtic aus Berlin hingegen bietet Sport- und Ernährungstests an. Die Analysen enthalten etwa Vorschläge für eine Sportart, die zur DNA des Kunden passt. Als eher kleiner Anbieter verkauft die Firma nach eigenen Angaben monatlich 20 bis 50 DTC-Tests. Der deutsche Markt verspreche viel Potenzial. Durchgeführt würden die Analysen nicht in Deutschland, sondern in zwei Labors in Osteuropa.

Lagen die Schwerpunkte im DTC-Markt in der Vergangenheit auf klinisch-chemischen Untersuchungen, so hat sich inzwischen das Geschäft mit DTC-Gentests mehr als etabliert. Dabei ist der US-Anbieter 23andMe wohl der bekannteste Branchenvertreter. Wie berichtet, gab die FDA der Firma 2015 grünes Licht für den ersten genetischen Heimtest, und zwar zur Untersuchung auf den Genträgerstatus für das sehr seltene Bloom-Syndrom bei Erwachsenen im reproduktionsfähigen Alter, das kongenitale teleangiektatische Erythem. 23andMe bietet unter anderem Tests auf 20 Vorbestimmungen für Krankheiten wie Brustkrebs, Übergewicht und Multiple Sklerose an.

In Deutschland bietet etwa Progenom auch krankheitsrelevante Analysen an – beispielsweise zu Risiken für Brustkrebs, Osteoporose oder Morbus Crohn. Alle Tests seien aber grundsätzlich nicht online erhältlich, sondern nur über Vertriebspartner – stets verbunden mit einer persönlichen Beratung durch Fachpersonal. Firmenchef Wilhelm Schöfbänker spricht für den Markt in Deutschland, Österreich und der Schweiz generell von einer "stark steigenden Tendenz".

In Deutschland unterliegen Ernährungs- und Fitnesstests keiner strengen Kontrolle. Lediglich für DNA-Untersuchungen zu medizinischen Zwecken gilt ein Arztvorbehalt. Ernährungs-Analysen oder ähnliches fallen laut Bundesgesundheitsministerium nicht unter diese Regelung.

Defizite bei analytischer Sensitivität

Dennoch warnen Ärzte generell davor, DNA-Tests ohne fachliche Begleitung durchzuführen. "Das Risiko besteht darin, dass die Testergebnisse nicht im Rahmen einer genetischen Beratung erläutert werden", warnt Humangenetiker Horsthemke. "Die Ergebnisse können Besorgnisse auslösen, wo sie nicht begründet sind. Oder den Probanden in falscher Sicherheit wiegen. Beides ist schlecht", so das Fazit des Leopoldina-Mitglieds.

Knackpunkt der DTC-Tests ist für Professor Karl Lackner, Direktor des Instituts für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin der Universitätsmedizin Mainz, nicht nur, dass die Anwender die Ergebnisse in der Regel nicht richtig, geschweige denn fundiert beurteilen könnten. Mitunter erreichten die Tests auch gar nicht die analytische Sensitivität, die in der Produktbeschreibung angegeben sei. "Hier herrscht dringender Regelungsbedarf", konstatierte Lackner im April in Frankfurt am Main bei einer Veranstaltung des Healthcareunternehmens Abbott anlässlich des Welttags des Labors. (mit dpa-Material)

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