Ärzte Zeitung online, 17.10.2013
 

Medizintechnik

Mexiko will kräftig investieren

MEXIKO CITY. In Mexiko treibt ein großer Investitionsbedarf im Gesundheitssektor mittelfristig den Markt für Medizintechnik an - eine Chance auch für entsprechende Angebote deutscher Provenienz.

Die am 1. Dezember 2012 unter Führung des Staatsoberhauptes Enrique Peña Nieto inaugurierte Regierung will nach Angaben der deutschen Außenhandelsagentur Germany Trade & Invest (gtai) die Gesundheitsdienstleistungen ausweiten und die Kapazitäten im öffentlichen Sektor rationalisieren.

Dieses Jahr hätten sich die staatlichen Ausgaben allerdings bisher schwach entwickelt. Mexiko ist laut gtai ein wichtiger Produktionsstandort für Medizintechnik und das führende Lieferland der USA.

Die wachsende private Nachfrage könne 2013 die Schwäche im öffentlichen Sektor nur begrenzt auffangen, da staatliche Träger etwa 70 bis 80 Prozent der Medizintechnik abnähmen.

Jährliches Wachstum von 5,2 Prozent erwartet

Der Bedarf an Medizintechnik ist, wie gtai betont, weiter groß, entsprechend positiv seien die Prognosen von Marktforschungsunternehmen. GlobalData erwarte bis 2020 ein jährliches Absatzwachstum von 5,2 Prozent.

Damit würde der Markt für Medizintechnik von einem Volumen von etwa drei Milliarden US-Dollar im Jahr 2010 auf 4,9 Milliarden anwachsen.

Das Beratungsunternehmen Global Insight zählt laut gtai auch Verbrauchsmaterialien mit und komme für 2011 auf ein Marktvolumen von rund 6,45 Milliarden US-Dollar.

Dies solle sich bis 2020 auf 11,97 Milliarden US-Dollar erhöhen. Damit würde der Markt um 11,5 Prozent jährlich zulegen.

Nach Informationen der staatlichen mexikanischen Investitionsförderagentur Proméxico könnte der mexikanische Markt von etwa 5,52 Milliarden US-Dollar im Jahr 2012 bis 2020 um jährlich 9,9 Prozent zulegen.

Technischer Rückstand stimmt Marktforscher zuversichtlich

Ein Grund für die Zuversicht der Marktforscher sei der technische Rückstand im Land. Nach Aussagen von Unternehmern und Informationen des Beratungsunternehmens PricewaterhouseCoopers lägen die Geräte in Mexiko im Durchschnitt um zwei bis drei Produktgenerationen (10 bis 15 Jahre) hinter dem US-Standard zurück.

Insbesondere in Einrichtungen der Sozialkasse für privatbeschäftigte Arbeitnehmer IMSS (Instituto Mexicano del Seguro Social) und solchen des Gesundheitsministeriums, die das Gros der öffentlichen Krankenhäuser in Mexiko betrieben, sei der Abstand größer als in den Krankenhäusern der Sozialkasse für Staatsbedienstete ISSSTE (Instituto de Seguridad y Servicios Sociales de los Trabajadores del Estado).

Die insgesamt etwa 1350 öffentlichen Hospitäler stellen nach Angaben im ersten Rechenschaftsbericht von Präsident Nieto Anfang September 2013 etwa 70 Prozent der Betten. Es gäbe zwar landesweit etwa 3300 private Krankenhäuser.

Davon hätten aber nach offiziellen Schätzungen lediglich 85 mehr als 50 Betten, über 90 Prozent weniger als 25.

Mittelfristig dürfte mehr investiert werden, schätzt die gtai. Denn die neue Regierung wolle die Basiskrankenversicherung Seguro Popular auf die ganze Bevölkerung ausweiten.

Die staatliche Evaluierungsbehörde für Sozialpolitik Coneval (Consejo Nacional de Evaluación de la Política de Desarrollo Social) habe für 2012 einen Bevölkerungsanteil ohne Zugang zu medizinischer Versorgung von 21,5 Prozent ermittelt.

Der Ausbaubedarf lasse sich auch am Rückstand in den Gesundheitsausgaben und der Personal- und Geräteausstattung im Vergleich zu anderen OECD-Mitgliedsländern festmachen.

Noch lägen die Gesundheitsausgaben in Mexiko mit etwa 6,2 Prozent des BIP und Pro-Kopf-Ausgaben von jährlich 977 US-Dollar unter dem lateinamerikanischen Durchschnitt von 6,9 Prozent und dem OECD-Durchschnitt von 9,3 Prozent.

Basiskrankenversicherung dürfte Investitionstreiber werden

Gleichzeitig zähle Mexiko etwa 1,8 Ärzte pro 1000 Einwohner. Im OECD-Durchschnitt seien es 3,2. Laut OECD gibt es in Mexiko 2,1 Kernspintomografen und 4,8 Computertomografen je eine Million Einwohner, während es im Durchschnitt der Mitgliedsländer 13,3 beziehungsweise 23,2 seien.

Hinzu komme, dass die mexikanische Bevölkerung älter werde und die Zahl chronisch Kranker zunehme - besonders die der Diabeter und Adipösen. Dadurch dürfte trotz steigender Ausgaben für Prävention der Bedarf an Dialysegeräten und Intensivstationen wachsen.

Problematisch sei allerdings weiterhin die Finanzausstattung der staatlichen Träger IMSS und ISSSTE, die durch stetig steigende Pensionsverpflichtungen immer weniger investieren könnten.

Verschärft würden die Kapazitätsprobleme im öffentlichen Sektor durch die Verschachtelung des Systems mit verschiedenen Krankenhäusern und Versicherungsträgern, die zur ineffizienten Nutzung der knappen Infrastruktur und Geräte führe, wie gtai-Experten schätzen.

Derzeit gäbe es völlig überfüllte Krankenhäuser etwa des IMSS mit langen Wartelisten, die Patienten vielfach in den privaten Sektor drängten, neben gering ausgelasteten Einrichtungen anderer Träger oder den neuen regionalen Spezialkliniken (Hospitales Regionales de Alta Especialidad).

Angestrebt werde daher die Schaffung des Hospital Universal (universellen Krankenhauses), das alle Versicherten egal welchen Trägers zur Behandlung zulasse. Entsprechende Rationalisierungsinvestitionen könnten auch Geschäftschancen ergeben, da vielfach ungenutzte Geräte nicht gewartet werden, betont die Außenhandelsagentur mit Blick auf die deutsche Medizintechnikbranche.

Privatkliniken profitieren vom Chaos in Staatseinrichtungen

Von den Engpässen in den staatlichen Institutionen profitierten die privaten Einrichtungen. Private Dienste würden überwiegend direkt aus der eigenen Tasche der Patienten bezahlt: Die Anzahl der Privatversicherten sei nach der Wirtschaftskrise 2009 stetig gestiegen, liege aber nur bei 6,2 Prozent der Bevölkerung.

Diese konzentrierten sich in den Großstädten und nutzten vornehmlich gut ausgerüstete Privatkliniken finanzstarker Investorengruppen.

Gleichzeitig griffen staatliche Träger wie IMSS und ISSTE vermehrt auf private Dienstleister zurück in Form von Betreibermodellen bei neuen Krankenhäusern sowie beim Outsourcing von Gesundheitsdienstleistungen.

Beim Outsourcing (Pay-Per-Service) gibt es laut gtai in Mexiko vor allem in der Anästesie und bei minimal-invasiven Operationen große Anbieter, die es den Herstellern nicht immer leicht machten.

Die Unternehmen Medicus Solucciones, Selecciones Medicas und Innova Medic seien in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Anfänglich hätten hier sehr hohe Preise erzielt werden können, der Markt habe als überaus lukrativ gegolten.

Diese Dienste ermöglichten es den staatlichen Institutionen an den machtvollen Gewerkschaften vorbeizuarbeiten und Diebstähle vor allem von Verbrauchsmaterial einzudämmen. Die goldenen Zeiten seien aber bei diesen Outsourcing-Modellen dem Vernehmen nach vorbei.

Markt gilt als hochpreisig

Mexiko gilt in der Medizintechnik als hochpreisiger Markt. Die Regierung versucht laut gtai analog zum Arzneimittelmarkt staatliche Beschaffungen der vielen Akteure zu bündeln und so bessere Preise zu erzielen.

Gleichzeitig seien umgekehrte Auktionen geplant, bei denen das niedrigste Gebot für einen öffentlichen Auftrag den Zuschlag erhalte. Dies gelte als probates Mittel, Kosten bei staatlichen Beschaffungen zu senken.

Vom derzeitigen Umsatzvolumen an Medizintechnik entfielen etwa 90 Prozent auf Importe. Die lokale Produktion für den heimischen Markt beschränke sich weitgehend auf Verbrauchsmaterial und einfachere Handutensilien, Möbel und Lampen.

Die wachsende Exportproduktion werde hingegen fast ausschließlich im Zuge der Lohnveredelung von US-amerikanischen Unternehmen durchgeführt, die sich Cluster-artig im nordwestlichen Bundesstaat Baja California konzentrierten.

Mexiko sei der zehntwichtigste Exporteur von Medizintechnik weltweit. (maw)

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