Ärzte Zeitung, 25.08.2016

Bessere Diagnostik

Kabelloses EEG

Eine neue Ära in der Messung der Gehirnaktivität versprechen sich Wissenschaftler von einem EEG-Gerät ohne Kabel. Bei der Entwicklung stand der Zufall Pate.

Von Petra Zieler

Kabelloses EEG

Das Gerät soll eine Diagnose mittels EEG auch außerhalb der Klinik ermöglichen.

© mauritius images / Science Photo

MAGDEBURG. Marktforschung und Medizintechnik können sich durchaus als symbiotische Beziehung erweisen. Das zeigt das weltweit erste drahtlose Headset für die Elektroenzephalografie (EEG), das kürzlich in Magdeburg vorgestellt wurde. Mit dem Gerät werde eine neue Ära in der Messung der Gehirnaktivität eingeläutet, sind sich der Hersteller und das beteiligte Forscherteam sicher.

"Wir sind überzeugt, Teil einer bahnbrechenden Technologie zu sein", sagte Robert J. Stokes, Chef der neu gegründeten Nielsen Tele Medical GmbH anlässlich der Unternehmenseinweihung am Standort Magdeburg.

Nielsen ist originär auf Markt- und Konsumforschung spezialisiert. Mit der Gründung der Tochtergesellschaft will sich die Gruppe nun auch auf dem lukrativen Markt der Medizintechnik umtun.

Der Zufall stand Pate

Nielsen hatte das EEG Headset mit dem Namen "Fourier One" gemeinsam mit Neurologen der Uni Magdeburg entwickelt und erprobt, darunter Professor Hans-Joachim Heinze, Direktor der Klinik für Neurologie. Wie so häufig in der Forschung war der Zufall am Anfang willkommener Pate: Die ursprünglich von dem Marktforscher entwickelte EEG-Messhaube sollte zunächst nur verlässliche Daten über die Nutzung von Fernsehwerbung liefern.

Mit der Idee, das Marketingprodukt in ein klinisches umzuwandeln, begann die eigentliche Geschichte, an deren Ende nach derzeitigen Plänen die Serienproduktion dieser Innovation stehen soll.

Neurologen äußern Interesse an Studie

Auf Grundlage einer bereits durchgeführten erfolgreichen kleineren Studie werde in Kürze eine von 30 Ärzten durchzuführende medizinische Feldstudie umgesetzt. "Viele niedergelassene Neurologen haben sich bereit erklärt, uns zu unterstützen", berichtet Heinze.

Schon jetzt überzeugten nach seiner Auffassung die Vorteile. Heinze ist optimistisch, dass binnen eines Jahres die notwendigen 1000 Patienten untersucht werden können. Eine Zielvorstellung, die die Schönebecker Nervenärztin Dr. Christiane Bertram gern unterstützt. "In meiner Praxis sind wöchentlich etwa fünf Patienten, bei denen uns die häusliche Überwachung eindeutig bei der Diagnose helfen könnte."

Gegenwärtig werden die gewonnenen Daten noch per Datenträger übermittelt. "Über Datensicherheit müssen wir uns genauso Gedanken machen wie über die Schnelligkeit der Übertragung", erläuterte Heinze die bevorstehenden Aufgaben.

Einsparungen von Millionen Euro?

Würden alle Daten abgerufen, entspreche das pro Tag und Patienten etwa einem Volumen von drei Gigabyte. In einigen Regionen Sachsen-Anhalts derzeit undenkbar - mangels geeigneter Internet-Infrastruktur. Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU), der das Projekt von Anfang an unterstützt hat, zeigte sich in Magdeburg allerdings sicher, dass einem schnellen Datentransfer Ende des kommenden Jahres nichts mehr im Wege steht.

Schneller und günstiger soll die Diagnostik mittels Fourier One werden, so das Bestreben Nielsens. Die Möglichkeit, eine Diagnose mittels EEG außerhalb einer Klinik stellen zu können, könnte laut Nielsen jedes Jahr möglicherweise hunderte Millionen Euro allein in Deutschland einsparen helfen.

Gleichzeitig bietet das drahtlose EEG-Headset mit Trockenelektroden die Möglichkeit, viele Erkrankungen zu diagnostizieren, die in einer Klinik aus Zeitgründen nicht untersucht werden könnten.

Mehr als nur Momentaufnahmen

Sei es mit gängigen EEG lediglich möglich, Momentaufnahmen zu gewinnen, könnten Funktionen des Gehirns mit dem Headset nun über einen beliebig langen Zeitraum aufgezeichnet werden. "Ich bin sicher, dass diese Technologie eine erhebliche Verbesserung für neurologische Diagnosen und Behandlungen bringen wird", zeigte sich Heinze gewiss.

Das drahtlose Trockenelektroden-Headset diene vor allem der Beobachtung neurologischer Risikopatienten in heimischer Umgebung. Möglich sei, Vitalfunktionen, wie Herzfrequenz und Blutdruck zu messen, später auch Blutzucker.

Ärztliche Kompetenz entscheidend

Heinze nannte Beispiele aus einer Studie: So habe erst das Headset kurzzeitige Bewusstseinsstörungen bei zwei über 70-jährigen Patienten aufgespürt. Im ersten Fall gingen sie auf Aussetzer des Herzschlags zurück, beim zweiten waren epileptische Anfälle die Ursache.

Heinze: "Zwei Fälle mit gleicher Symptomatik, aber unterschiedlichen Krankheiten. Das Headset hat neurologische Veränderungen im Alltag der Patienten an den Tag gebracht, die in Klinik oder Praxis meist nicht sichtbar werden." Jede Methode sei aber nur so gut wie der behandelnde Arzt, räumt der Klinikchef ein. (Mitarbeit: maw)

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