Ärzte Zeitung online, 13.10.2017

Medizintechnik

Schlangestehen für neue Leistungen

Neue medizintechnische Verfahren brauchen Jahre, bis sie Eingang in die ambulante Versorgung finden. Die Hürden: Bundesausschuss, Medizinischer Dienst der Kassen und Bewertungsausschuss.

BERLIN. Während neue Arzneimittel ab dem ersten Tag der Zulassung der Versorgung zur Verfügung stehen und die Nutzenbewertung binnen sechs Monaten erfolgt, brauchen medizintechnische Leistungen Jahre, bis sie alle Hürden überwunden haben, um in der ambulanten Medizin angewendet und vergütet zu werden. Kardiologen und Medizintechnik-Unternehmen haben dies auf einer vom Bundesverband Medizintechnologie (BVMed) organisierten Konferenz in Berlin am Mittwoch erneut kritisiert. Besonders krasse Beispiele:

- Die Aufnahme des Ereignisrekorders in den EBM benötigte ab Marktreife dieser Innovation sechs Jahre.

- Neun Jahre dauerte es, bis neue Leistungen der Telekardiologie eine Vergütungsziffer bekamen – allerdings warten weitere Leistung auf Eingang in die ambulante Kassenmedizin.

- Zwölf Jahre dauerte es sogar, bis Messung und Monitoring des pulmonalarteriellen Drucks mittels implantiertem Sensor bewertet waren.

Ursache der langwierigen Verfahren ist ein mehrstufiges Hürden-System, für deren Überwindung es keine Fristen gibt. Anders als in der stationären Versorgung, für die der Verbotsvorbehalt gilt, können Vertragsärzte nur solche medizintechnischen Leistungen erbringen, die der Gemeinsame Bundesausschuss ausdrücklich zugelassen hat. Ferner müssen Medizinprodukte einer hohen Risikoklasse seit 2015 eine Nutzenbewertung durchlaufen. Aber auch nach einem positiven Votum des Bundesausschusses ist eine technische Innovation für die ambulante Medizin noch nicht freigeschaltet. Damit Vertragsärzte die Leistung vergütet bekommen, ist über die Bewertung eine Einigung zwischen KBV und GKV-Spitzenverband im Bewertungsausschuss notwendig. Da Zusatzausgaben entstehen können, wird über deren Ausmaß nicht selten endlos gestritten – und eine Entscheidung vertagt.

Konkrete Beispiele aus dem Bereich der Kardiologie wurden bei der BVMed-Konferenz am Mittwoch in Berlin genannt: So ermögliche die Telekardiologie mithilfe eines Home-Monitoring-Systems eine kontinuierliche Überprüfung und die sofortige Benachrichtigung des Kardiologen bei klinisch relevanten Ereignissen hinsichtlich des Implantatstatus‘ und Arrhythmien.

Nach Angaben von Dr. Tino Hauser, Director Clinical Affairs und Reimbursement bei Biotronic, wurde in Studien nachgewiesen, dass unter diesem Monitoring weniger klinische Nachsorgen erforderlich sind und damit Kosten eingespart werden können. Aber auch die Anzahl der Schlaganfälle und Todesfälle könne reduziert werden. Der Arzt gewinne mit der kontinuierlichen Überprüfung einen 30-tägigen Zeitvorsprung, wenn beim Patienten etwa ein Vorhofflimmern auftritt.

Im EBM sei aber eine telemedizinische Nachsorge für Träger von Herzschrittmachern bisher nicht vorgesehen. Derzeit laufe ein Nutzenbewertungsverfahren, wobei es erhebliche Diskrepanzen in der Beurteilung durch das IQWiG und die Fachgesellschaften gebe. (HL)

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