Ärzte Zeitung online, 14.02.2018

Forschung

Senioren-Wohnung wird zum assistiven Tech-Labor

Schub für Forschung zu Ambient Assisted Living: Die Hochschule Kempten macht eine Senioren-Wohnung zur Forschungs-Umgebung. Im AAL Lab werden Assistenzsysteme entwickelt und getestet.

KEMPTEN. Vitalwerte erfassen, Gefahren erkennen, den Alltag vereinfachen – dazu sollen digitale Assistenzsysteme beitragen. Oft wird dafür der Begriff Ambient Assisted Living (AAL) verwendet. Die AAL-Lösungen sollen beispielsweise Senioren ein eigenständiges Leben möglich machen.

Entsprechende Technologien werden daher vor allem für ihre Bedarfe entwickelt. Solche Anwendungen sollen am neuen AAL Lab der Hochschule Kempten erprobt werden. Dafür wurde eine 55 Quadratmeter große Zweizimmer-Wohnung in einer Seniorenwohnanlage zur Forschungsumgebung umfunktioniert. Sie wurde im Januar eröffnet.

In der Wohnung gibt es verschiedene Assistenzsysteme, von selbstöffnenden Schranktüren über höhenverstellbare Möbel bis hin zum Boden mit Sturzsensoren. Ein Teil der Technologien wurde an der Hochschule entwickelt, wie Laboringenieur Alexander Karl der "Ärzte Zeitung" berichtet. In Kooperation mit dem Steinbeis-Zentrum entsteht etwa eine spezielle Toilette. Sie soll leicht zu nutzen sein und nebenbei zahlreiche Vitalwerte erfassen. In entsprechenden Haltegriffen sind Sensoren, die Blutdruck, Puls und andere Werte messen sollen. Ebenfalls automatisch soll Urin aufgefangen und analysiert werden. Die Anwendung soll dazu beitragen, ohne zusätzlichen Aufwand den Gesundheitszustand der Bewohner im Blick zu behalten. "Wir wollen Menschen mit Beeinträchtigungen helfen, möglichst lange zu Hause zu leben", so Karl.

Bei einer weiteren Anwendung wirkte der Musiktherapeut und wissenschaftliche Mitarbeiter Dominik Fuchs mit. Dabei wurde eine Software für ein Gleichgewichtstraining mit akustischer Rückmeldung entwickelt. Senioren erfahren über Signaltöne, ob sie aufrecht oder schief stehen. Die Entwickler kombinierten die neue Software mit dem bereits zertifizierten Trainingsgerät coro des Herstellers medica. Erste Erprobungen mit Schlaganfallpatienten seien erfolgreich gewesen.

"Diese Anwendung ist auch für Tele-Rehabilitation geeignet", so Fuchs zur "Ärzte Zeitung". Das Audio-Feedback wird nun noch für andere Geräte erprobt, etwa für ein Trainings-Fahrrad. Ebenfalls im Labor: Ein Telemedizin-Koffer namens COMES.

Den entwickelte Petra Friedrich, Professorin für Ambient Assisted Living an der Kemptener Elektrotechnik-Fakultät, vor einigen Jahren mit der Technischen Universität München. Er enthält Messgeräte, vom Blutdruckgerät über den Schrittzähler bis zum Smartphone, mit dem Werte direkt an den Arzt gesendet werden können. Ebenfalls auf dem Smartphone: Musik zum Blutdruck senken.

Friedrich teilt sich die wissenschaftliche Leitung des AAL Lab mit Johannes Zacher, Professor für Versorgung im Alter von der Kemptener Fakultät für Soziales und Gesundheit. Finanziert wird das Labor vom Bayerischen Kultusministerium. Von der neuen Forschungsumgebung profitieren auch die Studierenden.

Sie können sich nun in eigenen Projekten mit den Technologien auseinandersetzen. Das betrifft beispielsweise die Teilnehmer des 2016 eingerichteten Bachelor-Studiengangs Geriatrische Therapie, Rehabilitation und Pflege. Außerdem haben sich die Zuständigen Interdisziplinarität auch außerhalb der Hochschule auf die Fahnen geschrieben.

Sie streben Kooperationen mit Ärzten, Kliniken, Pflegeheimen, Informatikern und Ingenieuren an. Eine erste Zusammenarbeit soll bald mit der Geriatrischen Klinik Sonthofen starten. Diese interessiert sich besonders für Fußböden mit Sturzsensoren. Sie könnten dazu beitragen, dass Senioren im Fall des Falles schnell Hilfe bekommen. (cmb)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Sport nach Infarkt kann Leben retten

Wer nach einem Herzinfarkt sportlich aktiv wird oder bleibt, sorgt dafür, dass seine Überlebenschance sich deutlich erhöht, so eine Studie frisch von der EuroPrevent 2018. mehr »

TK-Versicherte erhalten E-Akte

Die Techniker Krankenkasse hat mit TK-Safe ihre bundesweite elektronische Gesundheitsakte vorgestellt. Patientenschützer und die Verbraucherzentralen pochen auf hohe einheitliche Standards. mehr »

Diese Keime machen Kliniken zu schaffen

Klinikpatienten haben einer Umfrage zufolge die größte Sorge, mit einem multiresistenten Keim infiziert zu werden. Häufig eine mediale Dramatisierung, findet ein Hygieneexperte. Einige Erreger bereiten aber Kopfzerbrechen. mehr »