Ärzte Zeitung online, 26.09.2018

Rehacare

Drehscheibe für smarte Assistenzsysteme

Innovative assistive System- und Gerätelösungen können den pflegerischen und medizinischen Versorgungsalltag wesentlich erleichtern. Wie, das zeigt die am Mittwoch in Düsseldorf gestartete Fachmesse Rehacare.

Von Matthias Wallenfels

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Bei der Rehacare in Düsseldorf führt ein Mann, der an einer Kinderlähmung leidet, am Mittwoch das Orthesensystem C-Brace vor.

© dpa

DÜSSELDORF. Der Demografiewandel drückt immer mehr Staaten rund um den Globus seinen Stempel auf.

Erst im März ist der aufstrebende HighTech-Staat Taiwan, nach den Maßgaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO), mit 14,05 Prozent Seniorenanteil offiziell zur alternden Gesellschaft erklärt worden – mit einer Geburtenrate von 1,2 Kindern je Frau.

Für viele Medizintechnik- und Health-IT-Unternehmen – Start-ups wie auch Branchenplatzhirsche – dienen die alternden Gesellschaften, die steigende Lebenserwartung sowie die damit verbundene Pflegeproblematik einerseits und die zunehmende Digitalisierung andererseits als die großen Innovationstreiber der Reha-und Pflegebranchen.

Allzeithoch bei Ausstellern

Wie die innovativen assistiven System- und Gerätelösungen im pflegerischen und medizinischen Versorgungsalltag integriert werden können, zeigt seit Mittwoch die internationale Fachmesse für Rehabilitation und Pflege Rehacare.

Computergesteuerte Orthesen, Gehhilfen mit GPS und Notrufsystem, Apps für das Gedächtnistraining, Augensteuerungen für Rollstühle und Computer, smarte Matratzen, die mithilfe von Sensoren Bewegungen und Körperfunktionen von Pflegebedürftigen erfassen und an das Smartphone eines Angehörigen weiterleiten – das Spektrum der in den Düsseldorfer Messehallen bis Samstag präsentierten Produktlösungen ist sehr breit.

Wie Horst Giesen, beim Veranstalter der Fachmesse, der Messe Düsseldorf, Global Portfolio Director Health and Medical Technologies im Rahmen des Eröffnungspressegespräches am Mittwoch mitteilte, nehmen dieses Jahr 967 Aussteller aus 42 Ländern teil – ein Allzeithoch.

Nachfolgend eine Auswahl der in Düsseldorf in diesem Jahr bei der Rehacare präsentierten Innovationen:

Ottobock (Halle 6/Stand A37): Für mehr Bewegungsfreiheit und Unabhängigkeit sorgt das Orthesensystem CBrace, die laut Hersteller Ottobock weltweit einzige Lähmungsorthese, die sowohl die Stand- als auch die Schwungphase des Gehens kontrollieren kann. Sensoren im Gelenk erkennen demnach, in welcher Phase des Gangzyklus sich der Anwender gerade befindet, der Mikroprozessor regle entsprechend den Hydraulikwiderstand. So könnten Menschen, deren kniestreckende Muskulatur ganz oder teilweise gelähmt ist – zum Beispiel als Folge einer Kinderlähmung – das Bein unter Last beugen und somit Schrägen bewältigen. Sie sind dadurch auch in der Lage, Treppen hinunterzusteigen und auf unebenem Gelände zu gehen.

Scoozy (4/D47): Ein zukunftsorientiertes Mobilitätskonzept haben niederländische Entwickler beim Elektroscooter Scoozy realisiert. Ihr Ziel: Menschen mit Einschränkungen eine Mobilitätshilfe anzubieten, die entstigmatisiert und ein hohes Maß an Sicherheit bietet. Was an dem stylishen Gefährt sofort auffällt, ist das Fehlen der Lenksäule. Gesteuert wird der Scooter mit einem Joystick, der wahlweise an der rechten oder linken Armlehne befestigt ist. Das erlaubt dem Fahrer eine freie Sicht auf die Umgebung. Mit seinem Vierradantrieb bewältige Scoozy jedes Gelände. Der Prototyp soll noch in diesem Jahr zur Marktreife gebracht werden.

Ossenberg, (4/A40): Für Menschen mit Orientierungsproblemen, wie etwa bei einer beginnenden demenziellen Erkrankung, haben die Firmen Ossenberg, cibX und Deutsche Telekom den Smartstick entwickelt. Die höhenverstellbare, leichte Gehhilfe aus Carbon punktet mit integrierter Elektronik. Dank des eingebauten GMS-Modems, der GPS-Antenne und einer SIM-Karte sei der Nutzer des Gehstocks überall in Deutschland und in Europa von Angehörigen oder Pflegern zu lokalisieren. Bei Bedarf könne der Anwender auch selbst eingreifen und ein Notrufsystem aktivieren.

Parker Hannifin (4/B48): Das neue Exoskelett Indego deckt laut Hersteller die gesamte Therapiekette von der stationären über die ambulante Behandlung bis zur Heimversorgung ab. Es wiegt weniger als 15 Kilogramm, und wurde für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen aufgrund einer Rückenmarksverletzung oder einer anderen neurologischen Diagnose entwickelt. Eine spezielle Software ermögliche eine Gangtherapie, die auf den Prinzipien des motorischen Lernens beruht.

CSS Micro Systems (5/C10): Nicht jeder Nutzer kommt mit den Touchscreens von Smartphones, Tablets oder Laptops zurecht. Schwierigkeiten haben unter anderem Menschen mit Tremor, bei denen unwillkürliche Zitterbewegungen der Hand eine zielgerichtete Bedienung der Oberfläche unmöglich machen. Speziell für diese Zielgruppe ist das Hilfsmittel Amaneo gedacht. Der unterstützende Maus-Adapter errechnet via intelligentem Algorithmus aus den Zitterbewegungen die gewünschte Aktion, sodass die Betroffenen marktübliche Geräte benutzen können.

HelferApp (3/H40): Die HeadApp ist eine Software zur Therapie kognitiver Störungen zum Beispiel nach Insukt oder Schädel-Hirn-Trauma. Der Patient kann damit wahlweise am PC, auf dem Laptop oder Tablet seine Hirnfunktionen trainieren. Das Computerprogramm läuft auf jedem Gerät, ob iOS oder Android. Geschult werden alltägliche Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Konzentration, Reaktion und Gedächtnis. Der Anwender stellt ein, ob das Training mit leichten oder herausfordernden Aufgaben starten soll. Danach übernimmt das Programm die Anpassung.

Thomashilfen (3/G60): Sensoren der smarten Matratze ThevoSmart erfassen die Bewegungen und Körperfunktionen des Liegenden. Die Daten werden über eine App auf das Smartphone eines Angehörigen übertragen. Ob Atmung, Feuchtigkeit, Unruhe oder erhöhter Puls – bei Unregelmäßigkeiten und Gefahren schlägt das System Alarm. Familienmitglieder haben dann die Wahl, sofort einzuschreiten oder über den Smart Speaker Alexa zunächst Kontakt zum Pflegebedürftigen aufzunehmen.

Die Matratze kann laut Hersteller aber noch mehr. Senioren, die dauerhaft bettlägerig sind, "verlernten" häufig das Gefühl für ihren Körper. Wahrnehmung und Motorik würden zunehmend eingeschränkt.

Die "smarte" Pflegematratze liefere dann auch sensorischen Input mit bedarfsorientierten Bewegungsmustern oder kompletten Trainingsprogrammen.

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