Ärzte Zeitung online, 11.10.2019

BVMed Herbstumfrage

MedTech glaubt nicht an das Brexit-Ei des Kolumbus

Der Brexit hält die deutsche Medizintechnikbranche in Atem. Sollten die Briten die EU am 31. Oktober ungeordnet verlassen, werde dies in der Branche „durchaus einige Wellen“ schlagen.

Von Thomas Hommel

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Saubere Trennung? Beim Brexit sieht es nicht so aus.

© nito / stock.adobe.com

BERLIN. Der drohende ungeordnete Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union zum 31. Oktober bereitet auch den bundesdeutschen Medizinprodukte-Herstellern Kopfzerbrechen. Insgesamt gingen 64 Prozent der in Deutschland gefertigten Medizinprodukte wie Skalpelle, Herzschrittmacher oder Prothesen in den Export, knapp fünf Prozent der Artikel würden auf die „Insel“ exportiert, teilte der Bundesverband Medizintechnologie (BVMed) anlässlich der Vorstellung seiner aktuellen „Herbstumfrage“ in Berlin mit.

Sollte der ungeordnete „Brexit“ tatsächlich kommen, werde dies in der Branche „durchaus einige Wellen“ schlagen, warnt BVMed-Vorstandschef Dr. Meinrad Lugan. Derzeit ist völlig offen, ob sich die EU-Kommission und die britische Johnson-Administration auf einen Vertrag über einen geregelten Austritt des Königreichs aus der EU einigen können. Bisherige Gespräche sind im Sande verlaufen.

Marktbereinigung befürchtet

Laut BVMed beschäftigen die Medizinprodukte-Hersteller derzeit in Deutschland rund 200.000 Menschen. Damit komme die Branche auf doppelt so viele Beschäftigte wie etwa die Stahlindustrie. Unternehmerisch stellt sich die Medizintechnik-Szene ausgeprägt mittelständisch dar. 93 Prozent der Firmen beschäftigen weniger als 250 Mitarbeiter.

Der Gesamtumsatz der produzierenden Medizintechnikunternehmen mit über 20 Beschäftigten legte nach Angaben der offiziellen Wirtschaftsstatistik im Jahr 2018 um 3,3 Prozent auf mehr als 30 Milliarden Euro zu. Stabilisierender Faktor bleibe der Export, so der BVMed. Mit einem erwarteten Umsatzwachstum von 5,8 Prozent würden die Unternehmen der Medizintechnologie weltweit weiter deutlich stärker wachsen als im Inland.

Für einen kräftigen Stimmungsdämpfer sorgt in der Branche weiterhin die novellierte EU-Medizinprodukte-Verordnung (MDR). Danach sollen bis spätestens 26. Mai 2020 sämtliche Medizinprodukte, also sowohl auf dem Markt befindliche wie auch neue Artikel, neu zertifiziert sein. Ansonsten dürfen diese nicht mehr in Umlauf gebracht werden. Für viele Produkte gilt allerdings eine Übergangsfrist bis 2024.

Der BVMed befürchtet, wie berichtet, dass die gesetzte Frist nicht einzuhalten ist, da es noch nicht genügend anerkannte Benannte Stellen zur Produktzertifizierung gebe. Den vorhandenen Stellen fehle zudem Personal, um die Aufgabe zu bewältigen.

Als Folge der MDR erwarten laut BVMed-Herbstumfrage 94 Prozent der teilnehmenden Mitgliedsunternehmen, dass die Preise für Hersteller und Vertreiber steigen werden. Das führe in letzter Konsequenz auch zu höheren Produktpreisen. 87 Prozent der MedTech-Unternehmen befürchten ferner, dass Produkte infolge des EU-Eingriffs vom Markt genommen oder gar nicht erst in Verkehr gebracht werden. Schätzungsweise zehn Prozent der Unternehmen und 30 Prozent der Produkte würden perspektivisch verschwinden, so die düstere Prognose.

Gleichwohl investierten die Firmen weiter „verstärkt“ in deutsche Produktionsstandorte. Zwei Drittel würden ihre Investitionen erhöhen oder hielten das Vorjahresniveau aufrecht, heißt es. Ähnlich sei die Situation bei den Forschungsausgaben. Zwei Drittel der Unternehmen wollten diese steigern oder hielten sie auf dem Niveau des Vorjahres.

Auch die Arbeitsplatzentwicklung bleibe „positiv“. Knapp die Hälfte der Unternehmen hätten erklärt, „zusätzliche Jobs“ im Vergleich zum Vorjahr geschaffen zu haben. Nur elf Prozent hätten die Anzahl ihrer Arbeitsplätze reduzieren müssen.

Kardio- und Onkologie als Treiber

Die Berufsaussichten für Fachkräfte in der Branche seien nach wie vor gut. Gesucht werden laut BVMed vor allem Medizintechniker, Fachleute für Produktzulassungen und Ingenieure, aber auch Naturwissenschaftler, Pflegekräfte, Wirtschaftswissenschaftler und Informatiker. 83 Prozent der Unternehmen haben laut Selbstauskunft offene Stellen. Am meisten gesucht seien derzeit Vertriebsmitarbeiter und Zulassungsexperten.

„Das Problem in der Praxis besteht darin, dass die zusätzlichen Stellen vor allem in regulatorischen Bereichen geschaffen werden, um die zusätzlichen Anforderungen aus der EU-Medizinprodukte-Verordnung erfüllen zu können“, betont der BVMed. Der erhöhte Bedarf sei auf den „zehnfach gestiegenen dokumentarischen Aufwand“ infolge der EU-Verordnung zurückzuführen. Das setze vor allem kleinere und mittlere Betriebe gehörig unter Druck, so die Klage.

Ein Anlass für die strengeren Auflagen durch die EU, zu denen unter anderem die Vorlage klinischer Studien gehört, ist der sogenannte „PIP-Skandal“. Dieser war 2010 in Frankreich aufgeflogen. Damals waren minderwertige Brustimplantate in Verkehr gebracht worden.

Auf einer Skala von 0 (sehr schlecht) bis zehn (sehr gut) bewerteten die Unternehmen das Innovationsklima für Medizinprodukte zuletzt mit im Schnitt 4,2. Das sei der niedrigste Wert, der im Rahmen der Erhebung bisher gemessen worden sei. In den Jahren 2012 und 2013 habe der Wert noch bei 6,2 Punkten gelegen. Als innovativste Forschungsbereiche stufen die Unternehmen – wie im Vorjahr – die Bereiche Kardiologie und Onkologie ein.

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