Ärzte Zeitung App, 07.04.2014

Kooperation

Mehr als Teamgeist ist gefragt

Eine aktuelle Untersuchung zeigt: Der Schritt aus der Einzel- in die Gemeinschaftspraxis bedeutet für die beteiligten Praxen eine große Herausforderung. Viele kritische Punkte gilt es zu beachten.

Von Ilse Schlingensiepen

Mehr als eine Frage des Teamgeistes

Schließen sich zwei Einzelpraxen zu einer Gemeinschaftspraxis zusammen, so müssen auch die beiden Teams zusammenwachsen.

© drubig-photo/fotolia.com

KÖLN. Niedergelassene Ärzte, die ihre Einzelpraxis in eine Gemeinschaftspraxis einbringen wollen, müssen den Schritt zusammen mit den künftigen Partnern genau planen.

Tun sie das nicht, ist Enttäuschung programmiert, und zwar nicht nur bei den Ärzten, sondern auch bei den Patienten und dem Praxisteam.

Das zeigt eine Untersuchung des Instituts für betriebswirtschaftliche Analysen, Beratung und Strategie-Entwicklung (IFABS) zu den Effekten von Zusammenschlüssen. Einbezogen waren 278 Einzelpraxen vor allem von Hausärzten, die sich zu 119 Gemeinschaftspraxen zusammengetan hatten.

Die Analyse habe einen Grundfehler vieler Praxisinhaber gezeigt, berichtet IFABS-Leiter Klaus-Dieter Thill. "Viele Ärzte versuchen, die Einzelpraxis in der Gemeinschaftspraxis weiter zu betreiben."

Sie würden meist mit der Kooperation nicht glücklich. Den Praxisinhabern sei nicht bewusst, dass die Organisationsform der Gemeinschaftspraxis mehr ist als die Bündelung von Ressourcen und die gemeinsame Nutzung von Räumen.

"Der Zusammenschluss sollte vom Ansatz her als komplette Neugründung betrachtet werden", sagt der Praxisberater.

Die beteiligten Ärzte sollten einen Integrationsplan erstellen. Dabei geht es unter anderem darum, die unterschiedlichen Arbeitsweisen unter einen Hut zu bringen und die Verantwortlichkeiten klar zu regeln.

Demotivation des Praxisteams droht

Die Ärzte sollten sich vorab Gedanken darüber machen, wie sie ihre Mitarbeiter künftig gemeinsam führen. "Es geht nicht, dass jeder Arzt sein eigenes Team weiter führt", betont Thill.

Wenn Aufgaben und Kompetenzen nicht klar zugeordnet werden, es keine Regeln für die Zusammenarbeit gibt und nicht klar ist, wer die Entscheidungen trifft, werden die Praxisteams schnell demotiviert und unzufrieden.

Bei der IFABS-Analyse hatte sich ein Jahr nach der Fusion in 65,5 Prozent der neu geformten Gemeinschaftspraxen die Zufriedenheit der Mitarbeiter verschlechtert. In 22,7 Prozent hatte sie sich verbessert, in 11,8 Prozent war sie unverändert geblieben.

Ist der Übergang von der Einzel- in die Gemeinschaftspraxis schlecht vorbereitet, geht das auch an den Patienten nicht spurlos vorbei. In 52,9 Prozent der in die Untersuchung einbezogenen Praxen hatte sich die Patientenzufriedenheit verschlechtert, bei 34,5 Prozent war sie gleich geblieben.

Nur 12,6 Prozent der Praxen hatten bessere Werte als die Ein-Arzt-Betriebe. Mit der Zufriedenheit ging auch die Weiterempfehlungsbereitschaft der Patienten zurück.

Von Patienten hagelt es oft Kritik

Nach Angaben von Thill kritisierten die Patienten drei Leistungsbereiche der Praxen: eine unzureichende Organisation, vor allem überlange Wartezeiten; zu kurze Arztkontakte mit zu wenigen Informationen und geringen Gesprächsmöglichkeiten; unaufmerksames und teilweise unfreundliches Personal.

Auch bei einer umfassenden Vorbereitung der neuen Zusammenarbeit werden im Alltag Probleme auftauchen, weiß Thill. "Bis es hundertprozentig läuft, muss man ein Dreivierteljahr bis ein Jahr rechnen."

Um auf Probleme schnell reagieren zu können, sollten die Praxen engmaschige Teambesprechungen vorsehen und Absprachen der Ärzte untereinander in kurzen Abständen. "Viele Ärzte unterschätzen den Arbeitsaufwand am Anfang einer Kooperation", sagt er.

Nach seiner Erfahrung ist nur ein Teil der niedergelassenen Ärzte wirklich glücklich mit dem Übergang von der Einzel- in die Gemeinschaftspraxis und findet, dass die gesteckten Ziele erreicht wurden. "Viele sagen: Es ist okay, aber …."

Thill empfiehlt Ärzten in Einzelpraxis, die sich für den Wechsel in eine Gemeinschaftspraxis interessieren, sich vorab bei Kollegen zu erkundigen, die bereits Erfahrungen mit Kooperationen haben. "Man soll sie genau fragen, wie sie es am Anfang gemacht haben."

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Kooperationen sind kein Selbstläufer

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