Ärzte Zeitung, 26.01.2017
 

EBM-Modell

Netzärzte vereinfachen Honorarsystem

Wie sieht ein Honorarsystem aus, wenn Netzärzte die Gelegenheit haben, selbst Hand anzulegen? Beim BMC-Kongress wurde jetzt der Schleier gelüftet: Es wird viel einfacher.

Von Hauke Gerlof

Netzärzte vereinfachen Honorarsystem

Das neue Honorarsystem setzt auf Vereinfachung.

© Christin Klose / dpa Themendie

BERLIN. Individueller KV-Fallwert plus zehn Prozent als Fallpauschale, Leistungskontrolle durch enge Kooperation im Netz: Auf Vereinfachung der Abrechnung setzen die Ärzte des Medizinischen Qualitätsnetzes Kinzigtal (MQNK) mit ihrem selbst entwickelten Honorarsystem. Es soll am 1. Januar 2018 scharf geschaltet werden, berichtete Dr. Helmut Hildebrandt, Geschäftsführer von Gesundes Kinzigtal, am Mittwoch beim BMC-Kongress in Berlin.

Das Ergebnis des Projekts war bundesweit mit Spannung erwartet worden, weil erstmals Ärzte der Basis eine Alternative zu den etablierten Honorarsystemen entwickelt haben, wenn auch nur für den begrenzten Bereich des Kinzigtals im Schwarzwald. Gerade in Baden-Württemberg konkurrieren mit der Regelversorgung nach EBM und dem stärker an Pauschalen orientierten Hausarztvertragssystem bereits zwei Honorarmodelle intensiv miteinander.

Das Arztnetz im Kinzigtal ist mit der Hamburger OptiMedis AG zusammen Gesellschafter der Gesundes Kinzigtal GmbH. Diese hat bereits vor Jahren Vollversorgungsverträge mit der AOK Baden-Württemberg und der LKK abgeschlossen, über die teilnehmende Ärzte unter anderem für zusätzlichen Aufwand bei der Patientenversorgung eine Add-on-Vergütung bekommen.

Außerdem gibt es eine erfolgsorientierte Vergütung, die sich daran orientiert, wie sich die Gesundheitsausgaben für die Versicherten der Kassen im Vergleich zu den Morbi-RSA-Zuweisungen entwickeln. Das Netz hat in den vergangenen Jahren dabei immer einen Überschuss erwirtschaftet und konnte damit seine Aufwendungen für die Gesundheitsverbesserung der Versicherten gut tragen. Die AOK habe dann dem Netz das Angebot gemacht, ein eigenes Vergütungsmodell für ärztliche Leistungen zu entwickeln und zu erproben.

Komplizierte Bereinigung

Ein wirklich faires Vergütungssystem für alle haus- und fachärztlichen Leistungen zu entwickeln, das die Kollegen für ihr Engagement bei der Gesundheitsverbesserung der Versicherten richtig belohne, wäre so „grausam kompliziert“, dass sich Ärzte und Managementgesellschaft für einen radikal anderen Weg entschieden, berichtete Hildebrandt. Das Honorarsystem für die errechnete Honorarsumme von letztlich 2,9 Millionen Euro sehe nun eine „vollständige Vereinfachung“ vor: Für jedes neue Quartal wird für jeden Arzt ein durchschnittlicher KV-Fallwert aus den vergangenen vier Quartalen errechnet. Dieser Durchschnittswert wird dem Arzt garantiert und um zehn Prozent erhöht – er bildet den arztindividuellen Kinzigtal-Fallwert.

Die zehn Prozent Erhöhung und zusätzliche Vergütungen für die gezielten Präventionsleistungen und den höheren Zeiteinsatz finanziert die Gesundes Kinzigtal Gesellschaft aus der von den Krankenkassen ausgeschütteten Erfolgsbeteiligung. „Jeder erste Kontakt mit einem Patienten im neuen Quartal, von Arzt wie von NäPA, löst den individuellen Fallwert aus“, so Hildebrandt weiter. Bei Vertretungsfällen gebe es 50 Prozent des Fallwerts. Vergütungen aus IV-Verträgen kämen noch hinzu. Eine Fallzahlbegrenzung gibt es laut Hildebrandt nicht. Steigerungen des Honorars der Regelversorgung werden über die Methode mit berücksichtigt. Die Dokumentation der Behandlung erfolgt wie gewohnt – die Ärzte müssten keine neuen Ziffern lernen.

„Ein solches Modell basiert ganz auf Vertrauen, und das ist nur innerhalb eines Ärztenetzes möglich“, betonte Hildebrandt. Transparenz darüber, dass die Ärzte das System nicht ausnutzen und die vereinbarten Versorgungsstandards wahren, schaffe die gemeinsam genutzte zentrale Patientenakte. Außerdem gebe es auch Transparenz durch Auswertungen von Kennzahlen im Rahmen des Controllings – netzweit und für einzelne Praxen.

Dazu gehört einmal jährlich ein individuelles Gespräch über die Entwicklung der Praxis und ihrer Kennzahlen im Vergleich zu den Netzkennzahlen, zum Beispiel Fallzahl, Klinikeinweisungen oder Verordnungskennzahlen.

Gesundes Kinzigtal

2006 wurde die Gesellschaft gegründet. Sie gehört zu zwei Dritteln dem Arztnetz MQNK und zu einem Drittel dem Netzdienstleister Optimedis.

55 Prozent der Hausärzte und 90 Prozent der Fachärzte der Region nahe Offenburg sind Partner. Insgesamt sind 270 Leistungserbringer (500 Personen) Kooperationspartner.

10.000 Versicherte von AOK und LKK sind in den langfristig abgeschlossenen IV-Vertrag mit Budgetverantwortung des Netzes eingeschrieben.

170 Euro je Versichertem gaben AOK und LKK 2013 weniger aus, als sie über den Morbi-RSA zugewiesen bekamen.

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