Ärzte Zeitung online, 17.07.2017
 

"Wir lieben Kassenpatienten"

Neue Schmerzklinik in Berlin will Chronikern helfen

Ein ambulantes Schmerzzentrum und eine Schmerzklinik bündeln jetzt ihre Kräfte. Selbsterklärtes Ziel: Eine Lücke in der Versorgungslandschaft Berlins zu schließen.

Von Angela Misslbeck

Neue Schmerzklinik in Berlin will Chronikern helfen

Auf 1500 Quadratmetern können Ärzte Schmerzpatienten fachübergreifend versorgen. SZ Schmerzzentrum Berlin GmbH

BERLIN. Schmerztherapie über Sektorengrenzen hinweg soll in der Bundeshauptstadt künftig unter der Dachmarke "Schmerzmedizin Berlin" stattfinden. Das etablierte ambulante Schmerzzentrum des niedergelassenen Anästhesisten Dr. Jan-Peter Jansen hat dazu nun Verstärkung von der neuen Schmerzklinik Berlin unter der ärztlichen Leitung des stationären Schmerzspezialisten Dr. Michael Schenk erhalten.

Die Klinik will Patienten mit chronischen Schmerzen fachübergreifende Schmerzdiagnostik und intensive Therapie mit ganzheitlichem Versorgungskonzept bieten. Sie soll diejenigen Patienten betreuen, bei denen eine ambulante Behandlung nicht ausreicht – egal ob es um Kopfschmerz, Rückenschmerzen, neuropathische Schmerzen, Tumorschmerzen oder um Schmerzen auf der Grundlage psychischer Erkrankungen geht.

Pro Tag sechs Therapien

Vor Kurzem hat die Privatklinik mit 22 stationären und acht tagesklinischen Betten die ersten Patienten für stationäre Schmerztherapien aufgenommen. Geplant ist, dass sie pro Tag sechs verschiedene Therapien erhalten – doppelt so viele wie der Prozedurenkatalog im OPS 8.918 und die drei relevanten Fallpauschalen als Minimum für die hochintensive stationäre Schmerztherapie vorsehen.

Die Spezialklinik füllt eine Lücke in der stationären Versorgungslandschaft der Hauptstadt. "Mit hochintensiver stationärer Schmerzmedizin ist Berlin komplett unterversorgt", sagte Chefarzt Schenk der "Ärzte Zeitung". Patienten müssen oft auf einen stationären Therapieplatz warten, wie Schenks niedergelassener Kollege Jansen erklärt. "Es gibt kaum Gruppentherapien in Berlin", sagt Jansen.

Bei Fallkonferenzen im Schmerzzentrum, das als MVZ GmbH organisiert ist, entstand nach Jansens Angaben der Wunsch, einen Versorgungsweg zu schaffen, der Schmerzpatienten mit hochintensivem Versorgungsbedarf zügig zur richtigen Therapie bringt.

Mit ambulanter Nachsorge soll sichergestellt werden, dass der Erfolg aus der stationären Therapie nicht versandet – laut Schenk ein häufiges Problem in der stationären Schmerzmedizin.

"Wir sind damit eines der ersten Zentren und eine der ersten Kliniken, die sich sektorenübergreifend aufstellen", so Jansen. Schenk ergänzt: "Damit tragen wir auch der Absichtserklärung des Berliner Senats in der Koalitionsvereinbarung Rechnung, mehr Versorgungspfade für ältere und chronisch kranke Patienten zu schaffen."

Qualitätsmanagement hat Priorität

Ihren Anspruch, eine umfassende Schmerzmedizin zu bieten, untermauern beide Schmerzspezialisten mit einer ambitionierten Qualitätssicherung. "Wir wollen unsere Schmerzmedizin mit einer Katamnese über fünf Jahre messen, auch bei invasiven Maßnahmen. Das ist mutig, aber notwendig, wenn wir unser Versprechen an uns selbst und an unsere Patienten einlösen wollen", so Jansen.

Die interdisziplinäre Diagnostik und Behandlung in der Klinik erfolgt durch ein Team, dem neben acht Ärzten auch algesiologisch fortgebildete Psychotherapeuten, Physiotherapeuten, Mal-, Musik- und Sporttherapeuten und Pain Nurses angehören.

Auf auf einer Fläche von rund 1500 Quadratmetern gibt es zwei Therapieräume für Gruppen und sechs Einzeltherapieräume. Zusätzlich ist die Schmerzklinik Berlin mit einem hochmodernen Operationssaal für invasive Therapien ausgestattet.

Um die Investitionen von rund sechs Millionen Euro zu stemmen, haben die beiden Ärzte den Medizintechnikhersteller Medtronic als Partner ins Boot geholt. Jo Merkun, Geschäftsführer der Medtronic Deutschland GmbH sagt: "Am Konzept der Schmerzklinik Berlin hat uns die konsequente Spezialisierung auf das Thema Schmerz überzeugt."

Für die Ärzte ist klar, dass sie die Refinanzierung nicht durch eine großzügige Indikationsstellung für invasive Therapien beschleunigen. "Wir werden nur dann Erfolg haben, wenn wir die Indikationen leitliniengetreu stellen", sagt Schenk.

"Wir lieben Kassenpatienten"

Vorerst steht die Privatklinik nur unfallversicherten und privat krankenversicherten Patienten offen. Doch Jansen und Schenk sind im Gespräch über eine Öffnung für gesetzlich Versicherte. Die Kassenärztliche Vereinigung Berlin unterstützt die Mediziner nach Jansens Angaben bei der Entwicklung von Integrationsverträgen mit Krankenkassen. Jansen: "Wir lieben Kassenpatienten." Er jedenfalls sei vom System der gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland "zutiefst überzeugt".

Angestrebt ist aber auch eine Vernetzung mit anderen schmerzmedizinischen Einrichtungen in Berlin. Unter anderem zu diesem Zweck ist unter der Dachmarke Schmerzmedizin Berlin auch eine Fortbildungsakademie angesiedelt. Sie soll zugleich dazu beitragen, den Mangel an schmerztherapeutischen Angeboten zu beheben.

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